Gewitterwolken (2:19-20)

Nicht Allah straft, der Übeltäter straft sich selber

Bevor wir uns dem Lohn für die Gläubigen widmen (2:25), nehmen wir noch einmal das dunkle Bild aus den vorhergehenden Versen in den Blick. Thema ist: die Natur der Sünde.
Die Unruhestifter „(…) gleichen einer Wetterwolke vom Himmel, geschwängert von Finsternissen, Donner und Blitz… die Finger stecken sie in ihre Ohren vor den krachenden Schlägen, in Todesangst (…)“ (2:19)

Das ist doch ein bedenkenswertes Gleichnis. Da ist eine Wetterwolke: diese steht für die Unruhestifter. Sie selbst lässt die Welt finster werden, lässt es donnern und blitzen. Und dieselben Übeltäter sind es, die an der von ihnen selbst angerichteten Unruhe leiden.
Der Unruhestifter leidet an dem Unheil, das er selbst stiftet. Es braucht keinen strafenden Gott: der Übeltäter bestraft sich durch seine Taten allein.

Gott ist da!

Gott ist es hier also nicht, der straft. Dennoch ist er da: hier, in der Hölle des selbstverursachten Leids, ist der Mensch nicht alleine: „…, aber Allah umfasst die Ungläubigen. Der Blitz benimmt ihnen fast das Augenlicht; so oft er aufflammt, gehen sie in ihm, erlischt er jedoch über ihnen, bleiben sie stehen.“ (2:19-20)

Gott verlässt auch den Unruhestifter nicht. Blind ist der Ungläubige einerseits, weil er die Augen verschließt. Allah aber: „(…) und wenn (Er) wollte, raubte Er ihnen Gehör und Gesicht; denn Allah hat Macht über alle Dinge.“ (2:20)
Aber genau dies tut Gott nicht. Gott lässt den Menschen nicht ertauben und nicht erblinden. Das Gleichnis zeigt dies: der Unruhestifter hört die Donnerschläge und zittert.

Das Gesetz Gottes

Jeder, auch der schlimmste Übeltäter, ist nicht taub und blind. Er weiß, dass er das Gute tun soll (auch wenn er es nicht tut) und das Böse zu lassen hat (auch, wenn er es tut). Wir Christen formulieren den Gedanken ähnlich, haben andere Begriffe dafür. Wir sagen: Gott hat sein Gesetz
1. den Gläubigen als Heilige Schrift offenbart. Das verbindet Juden mit Christen und Muslimen.
2. Er hat sein Gesetz aber auch allen Menschen offenbart. Allen Menschen, ganz gleich welcher Religion oder Philosophie, den Christen, Muslimen, Juden und Polytheisten genauso, wie den Agnostikern und Atheisten.

Allen Menschen hat Gott sein Gesetz ins Herz geschrieben. Sodass jeder weiß, dass er das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen hat. Alles, was jemand behauoptet, muss begründet werden. Dieses eine Gesetz ist jedem Menschen einleuchtend, ohne, dass es noch einer weiteren Begründung bedarf.

Und weil es jedem Menschen somit ins Herz geschrieben ist, also der Natur des Menschen entspricht, heißt es „natürliches Gesetz“. Und weil es von Gott in unser Herz gepflanzt ist, kann man in ihm auch die Spuren Gottes finden. Und wenn wir nach diesem natürlichen Gesetz handeln – bleiben wir im Bild – dann donnern wir nicht als Unwetterwolke, sondern tun – ohne es unbedingt explizite zu wissen – Gottes Willen, ob wir nun an ihn glauben oder nicht.

Fazit:

Das Bild der Gewitterwolke ruft mir diese Eindrücke vor Augen: wir Menschen werden für unsere Missetaten nicht von Gott bestraft, sondern das Gewitter, das wir anrichten, straft uns selbst.

Dahinter steckt die Weisheit, dass Menschen, die sich selbst zum Mittelpunkt und Maß ihres Lebens machen, wegen der Erfolge ihrer Taten nicht glücklicher sind, sondern letztendlich kein Glück erfahren: und zwar weder im Leben, auch wenn sie glauben, alles gewonnen zu haben: Erfolg, Geld, Macht, oder welchen ihrer Teufel auch immer. Noch im Tod (zur Problematik der Existenz der Hölle an späterer Stelle mehr).

Anmerkungen:

1. Weder Erfolg, noch Geld oder Macht sind an sich schlecht. Aber: wer überdurchschnittlich Geld, Macht und Ansehen besitzt, steht damit in überdurchschnittlicher ethischer Verantwortung. Erfolg, Geld, Macht als Selbstzweck zu sehen und dafür „über Leichen zu gehen“ ist Götzendienst.

2. Hinweis: Menü oben, Seite „About…“

@Muslime: Wie versteht Ihr das Gleichnis von der Wolke?
@alle: Hat Gott den Menschen wirklich sein Gesetz in die Herzen geschrieben? Was denkt Ihr?
@alle: Und natürlich bist Du auch hier wieder eingeladen, dazu zu schreiben, was immer Du schreiben magst!

Jörg c

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3 Kommentare zu Gewitterwolken (2:19-20)

  1. Manaar m sagt:

    Jörg, du schreibst: wir Menschen werden für unsere Missetaten nicht von Gott bestraft, sondern das Gewitter, das wir anrichten, straft uns selbst.
    Es heißt im Koran Sure73, Vers 20. „…Und was ihr an Gutem für euch vorausschickt, das werdet ihr bei Allah wiederfinden – ja, sogar besser und größer an Belohnung.“
    Das bedeutet, dass alles Gute, wie natürlich das Schlechte, den eigenen geistigen Status, den wir uns zeitlebens erarbeitet haben mit guten oder schlechten Handlungen und Gedanken, erhöht oder eben auch erniedrigt. Mit allen diesen guten und schlechten Werten stehen wir dann vor Gott. Die guten Taten auf einer Papierrolle niedergeschrieben halten wir in der rechten Hand, die schlechten in der linken. Möge die rechte Hand schwer zu tragen haben!
    Wir haben es uns selbst zuzuschreiben, wie dick die einzelnen Rollen sein werden. Aber dennoch, Gott ist unser Richter, Er entscheidet über Paradies mit seinen Rängen oder über die Hölle mit seinen Strafen. Und Er ist auch barmherzig, denn der Vers lautet weiter: „Und bittet Allah um Verzeihung. Er ist fürwahr allverzeihend und barmherzig.“

  2. Hüseyin Lutfi sagt:

    Genau wie Jörg es beschreibt, verstehe ich das auch. Es ist die Pein (Gewitterwolken), die jeder Mensch sich selbst verursacht. Himmel/Paradies und Hölle sind nicht unbedingt Orte, sondern können auch als Zustände im Diesseits erlebt werden.

  3. Joerg sagt:

    Hallo Manaar und Hüseyin!

    Dank Euch für die Hinweise.

    Eure Impulse erinnern an zwei Darstellungen im Hamburger Rathaus. Dort steht rechts „Iustitia“, die Gerechtigkeit mit Waage und Richterstab. Die Waagschalen – entsprechen sie nicht den zwei Buchrollen in linker und rechter Hand, Manaar? Hier werden die Taten gewogen. Der Richterstab symbolisiert die Macht, entsprechend dem Urteil auch zu richten (und damit zu strafen).

    Links der Iustitia steht „Gratia“, die Gnade, die Waagschale unter den Arm geklemmt, den Richterstab zerbrochen.

    Beide, Iustitia und Gratia, Zeichen für die Autarkie der Freien und Hansestadt Hamburg.

    Und ich frage mich: Wenn eines der Bilder Gott symbolisieren sollte, welches würde ich bevorzugen? Was erhoffe ich mir für einen Gott, einen gerechten oder einen gnädigen?

    Tatsächlich finden sich unter den 99 Namen Gottes auch eben diese zwei: Allah, der zugleich Erbarmer, Barmherziger und Richtender ist. Geht das eigentlich zusammen? – Gleichzeitig gerechter Richter und barmherziger Erbarmer?

    Wir Christen sprechen, wenn wir die Unendlichkeit und damit auch das Wesen Gottes in den Blick nehmen, von einem „Zusammenfallen der Gegensätze“. Diesen Gedanken entwickelte Nikolaus von Kues, ein Theologe, der genau daran dachte: Vollkommenheit braucht beides: Wärme und Kälte, und beides in unendlicher Fülle. Hitze und Kälte bilden ebenso wie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in der geschöpflichen Welt oft einen Widerspruch. Und dennoch sind beide Tugenden. Ein Mensch kann in vielen Fällen nicht beides gleichzeitig sein: gerecht und barmherzig. Er kann also gar nicht Tugend in aller Fülle verwirklichen. Und Gott? In Gott sind selbst die Gegensätze „eingefaltet“, so schreibt Cusanus.

    Und für uns? – Unabhängig davon, ob im Jenseits Gott aktiv straft oder nicht, wir sind uns bestimmt in einer Sache einig: dass bereits im Hier und Jetzt die Sünde den Sünder (uns!) verletzt und eine ganz eigene Dynamik in Gang setzt, die insbesondere mit unserem Selbstverständnis zu tun hat. Oder?

    Grüße, Jörg c

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