Der Verhüllte

Wie erfahre ich von Gott? Wie spüre ich seine Gegenwart? Wie werde ich seiner gewahr?

In christlichen Klöstern hat der Habit, die Ordenstracht, oft eine große Kapuze. Mönche, die oft von ihren Tagesaufgaben gefangengenommen sind – in Klöstern wird viel und oft hart gearbeitet – haben beim Gebet so die Möglichkeit, die Anforderungen des Tages abzuschirmen; eine Kapuze – ursprünglich ein Hilfsmittel zum Schutz gegen Regen und Wind – hilft bei der Konzentration auf das Wort Gottes und das Gebet.

In Sure 73 wird der Prophet Mohammed als „Verhüllter“ angesprochen. Er war so von seiner Sendung in Anspruch genommen, dass er seine Frau bat, ihn zu verhüllen. (Tafsir A-Qur’an Al-Karim) Auch hier: das Vermummen als äußeres Zeichen der Abwendung vom „Tagesgeschehen“.

Und der Engel, der ihn im Namen Gottes anspricht, tadelt ihn nicht, sagt nicht: ‚Geh nach draußen und komm Deiner Berufung nach! Tu Deine Pflicht!’ Er macht ihm und allen ein viel größeres Geschenk:

Er lehrt ihn, das Wort Gottes zu lesen und zu durchdringen. Nicht am Tage, wo die Sendung ihn umtreibt, sondern in der Nacht, wo Habitus („Verhüllter“) und Zeit (Nacht) einander ergänzen:
„O du Verhüllter! Steh während der Nacht im Gebet […] und trage den Koran vor,
bedächtig
und deutlich.
Wahrlich, wir werden dir ein gewichtiges Wort anvertrauen. Fürwahr, das Gebet in der Nacht macht stärkeren Eindruck und lässt leichter das richtige Wort finden, während du am Tage lange den Geschäften nachgehen kannst. So gedenke des Namens deines Herrn und widme dich ihm voll und ganz. Der Herr des Ostens und des Westens! Es gibt keinen Gott außer ihm; darum nimm ihn zum Anwalt.“ 73:1-9

„Ein gewichtiges Wort“. Was sind also die Elemente der Meditation im Koran?
– Lesen des Korans, bedächtig und laut. („ein gewichtiges Wort“)
– Gebet in der Nacht („macht stärkeren Eindruckund lässt leichter das richtige Wort finden“)
– Meditation („gedenke des Namens Deines Herrn und widme dich ihm voll und ganz“)
– Bittgebet, Vertrauen in Gott („nimm ihn zum Anwalt.“)

Koranlektüre, Gebet, Meditation und Bitte bilden hier eine Einheit, wie sie ähnlich sich auch in christlichen Gebetsformen und Gottesdiensten findet. Ich schließe den Bogen: das Nachtgebet der verhüllten christlichen Mönche ist ganz ähnlich aufgebaut: Schriftlesung, Psalmengebete, Meditationen, Bittgebete. Und wer um vier Uhr morgens zur Vigil aufsteht und mit den Mönchen mitfeiert, erlebt dabei die besondere schlaftrunkene Wachheit, die der Koran so beschreibt: „Fürwahr, das Gebet in der Nacht macht stärkeren Eindruck und lässt leichter das richtige Wort finden“.

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Religion der Liebe

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. “ – So beginnt das „Hohelied der Liebe“ der Bibel (1 Kor 13, 1-13). „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1 Kor 13) Die Perikope bezeichnet nicht nur die Liebe der Menschen untereinander, sondern schließt ebenso auch die Liebe, die den Menschen und Gott verbindet, ein.

„Sprich: ‚Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir. Dann wird euch Allah lieben und euch eure Sünden verzeihen; denn Allah ist verzeihend und barmherzig.’ “ (Sure 3:31)

Hier ist im Koran die wechselseitige Liebe zwischen Gott und Mensch beschrieben. Tatsächlich ist nur an wenigen Stellen im Koran diese Liebe zu Gott als Grundtugend bezeugt. Haben wir Christen die Liebe für uns reserviert? – Wer genau im Koran liest, wird bald bemerken, dass der Koran aus dem Geist der Liebe lebt.

Wir atmen jeden Tag unzählige Male. Wir tun dies, ohne darüber zu sprechen, ohne daran denken zu müssen, wir vergessen es nie, obwohl wir nicht daran denken müssen. Und: wenn wir aufhörten zu atmen, dann würden wir sterben. So kommt es mir bei meiner Koranlektüre auch mit der Liebe vor: an wenigen Stellen habe ich von der Liebe Gottes konkret gelesen, wie in Sure 3:31-32. Und dennoch spricht die Liebe aus unzähligen Versen. Ohne dies explizite zu tun, „atmet“ der Koran aus dem Geist der Liebe. Er würde „sterben“ – zu einem Regelwerk abzuarbeitender to-dos verkommen, wenn dieses „Atmen“ aus dem Geist der Liebe nicht wäre.

Das Gebet ist wesentlicher Glaubensvollzug des Christen und des Muslimen. Würde die Liebe fehlen, dann würde das Herzensgebet verkommen zur (im schlimmsten Falle lästigen) Pflichtübung. Würde die Liebe fehlen, wäre das Fasten ausschließlich toter Verzicht und berge keinen Gewinn. Wäre die Liebe nicht, so wäre das Abgeben von den Gaben, die Gott uns gibt, keine Tat der Barmherzigkeit, sondern eine zu verbuchende Steuer.

Wie Muslime beten, fasten und teilen wir Christen auch. Wir machen Wallfahrten, bekennen unseren Glauben und lesen unsere Heilige Schrift, die für uns ebenso Offenbarung Gottes ist. Die Glaubenshandlungen sind für uns Vollzüge der doppelten Liebe: gegenüber den Mitmenschen, gegenüber sich selbst und gegenüber Gott.

Im Koran sind häufig die Vollzüge explizite erwähnt, und sie verstehen sich im Islam eben auch als Liebestaten.

Akif Sahin, der sich in seiner Gemeinde engagiert und islamische Religionskatechese betreibt, schreibt auf meine Anfrage hin in seinem Blog: „Ich habe das Thema ‚Liebe zu Allah’ als erstes behandelt, weil dies auch klassischer-weise als erstes im Unterricht zum Thema ‚Islamischer Katechismus’ auch so gelehrt wird. Es ist das Kernelement des islamischen Glaubens und ein unabdingbarer Teil des muslimischen Glaubens. Wer Allah nicht liebt, kann kein gläubiger Muslim sein.“ Er fasst die Grundaussage des koranischen Liebesgebots wie folgt zusammen: „Die Liebe zu Allah wird gezeigt in dem man seinen Namen ehrfürchtig und respektvoll nennt. – Die Liebe zu Allah wird gezeigt in dem man die uns auferlegten religiösen Pflichten, wie z.B. das Gebet, mit Hingabe erfüllt. – Die Liebe zu Allah wird gezeigt in dem man sich von den verbotenen Dingen fernhält und an den Erlaubten Dingen festhält. – Die Liebe zu Allah wird gezeigt in dem man sich bildet, seine Religion kennt und diese bewusst lebt.“

Liebe erschöpft sich also im Koran nicht darin „Gefühl“ oder „innere Zugewandtheit“ zu sein, sondern kommt im konkreten Tun zum Ausdruck.
In der Tradition der Mitglieder der Sufi-Ordensgemeinschaften steht die Liebe über allen Geboten. Die Gemeinschaft der Trebbuser Mevlevihane schreibt: „Der Weg der Sufis wird häufig als der Pfad der Liebe bezeichnet. Liebe bedeutet in diesem Zusammenhang immer die Hinwendung zu Gott. … Islam bedeutet Hingabe unter den Willen Gottes. Die sich daraus ergebende Nähe zu Gott bedeutet gleichzeitig die Nähe zu sich selbst“.

Spielt also im Koran die Liebe wirklich nur eine Nebenrolle, weil die Vokabel „Liebe“ nur ein paar mal vorkommt? – Ganz sicher nicht, denn die Liebe scheint durchgehend im Koran durch. Im praktischen Glaubensvollzug. Nicht Unterwerfung unter formale Gebote ist Gottesdienst, sondern Rechtleitung im Denken und Empfinden, Sprechen und Handeln.

Jörg

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Partnerschaft (2:25)

Es stehe im Koran, dass 72 Jungfrauen, Huris, auf jeden gefallenen Gotteskämpfer warten, um ihm ihre „Zuwendung“ zukommen zu lassen und direkt „danach“ wieder erneut von Allah zu Jungfrauen gemacht zu werden. Soweit das Vorurteil, das immer wieder – von nicht-muslimischer Seite – propagiert wird.

Wer im Koran liest, wird dort keine derartige Beschreibung finden. Die Zahl 72 findet sich nirgendwo im Koran und nirgendwo im Koran wird ein Bild skizziert, das mit der Würde der Geschöpfe Gottes unvereinbar wäre. Nirgendwo steht, dass es Herren und Diener geben wird, Fürsten und Knechte. Wohl aber ist wiederholt die Rede davon, dass Gemeinschaft der Geschöpfe Allahs ein wesentlicher Moment des „Himmels“ ist. Und diese Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft aller Geschöpfe Gottes. Und so ist im Koran, wie in 2:25 noch an zahlreichen anderen Stellen, von „Partnern“ die Rede, die einmal im Arabischen (ich berufe mich hier auf die Anmerkungen der Koranausgabe von M. Henning, Hrsg. von M. W. Hofmann) durch den Plurale „azwaj“ (wie in 2:25), ein andermal durch den Plural „al-hur“ (z. B. 37:48) bezeichnet werden. Beide Begriffe sind offen sowohl für männliche als auch weibliche Partner. An keiner Stelle im Koran ist explizite oder implizite von Diensten, geschweige denn sexuellen Dienstleistungen, die Rede.

Sowohl „Reinheit“ als auch „Schönheit“ der Partner werden jedoch an vielen Stellen betont. Und hier ergibt sich eine Parallele zu uns Christen:

Wir Christen kennen in unserer philosophischen Tradition (Thomas von Aquin hat hier Gedanken des Aristoteles aufgegriffen) die sogenannten „Transzendentalien“, Begriffe wie „das Gute“ (bonum), „das Wahre“ (verum), „das Eine“ (unum), „das Seiende“ (ens), die das Wesen des Göttlichen erfassen können, ohne in Bildern zu sprechen. Nicht bei Thomas, aber bei zahlreichen späteren Philosophen und Theologen wird „das Schöne“ (pulchrum) unter den Transzendentalien genannt.

Die Schönheit der himmlischen Partner zu beschreiben ist somit – und ich kann auch den Koran nicht anders lesen – kein Apell an die Erotisierbarkeit juveniler Gotteskämpfer, sondern Ausdruck – und hier schließt sich der Kreis zum vorangegangenen Beitrag – Ausdruck für die Vollkommenheit des ewigen Lebens. Wenn es Fülle sein soll, dann gehören auch „Schönheit“ und „Reinheit“ mit dazu.
Und somit haben die alten (und vielen Menschen liebgewonnenen) Bilder für die Partnerschaft der Menschen eine Würde, die eindrucksvoll in einer persischen Darstellung aus dem 15. Jahrhundert zum Ausdruck kommt.

Jörg c

Bildquelle: Wikipedia

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Vollendung (2:25)

Das Scheitern des Menschen ist an dieser Stelle – ebenso, wie in anderen Suren – nicht das entscheidende Thema. Die ganze Bildhaftigkeit des Scheiterns – Blindheit (2:17-18), Wolke (2:19-20) und Feuer (2:24) – dient nur der Illustration einer ganz anderen Verheißung: nämlich der Vollendung des Menschen. „Verheiße aber denen, die glauben und das Rechte tun, dass Gärten für sie bestimmt sind, durcheilt von Bächen. Und sooft sie mit einer ihrer Früchte gespeist werden, sprechen sie: ‚Dies war unsere Speise zuvor’; doch nur ähnliche werden Wir ihnen geben. Und darin werden sie reine Partner haben, und darin werden sie ewig verweilen.“ (2:25).

Fülle
Gärten und Bäche in Ländern, in denen Wasser(-gewinnung) überlebenswichtig ist: Sinnbilder für eine andere Wirklichkeit, in der „Fülle“ das zentrale Moment ist. Es mangelt nicht an Wasser. Damit mangelt es an gar nichts. Der Garten: auch Sinnbild für unser Paradies. Sinnbild einer Wirklichkeit, die – wenn auch nicht materiell – so auf jeden Fall körperlich ist.

Gemeinschaft
Für die Vollendung haben auch wir Christen ein Bild, ein anderes. Wir nennen sie ‚Himmel’, meinen damit aber natürlich keinen geographischen Ort, sondern eine (wenn auch nicht materielle) so doch körperliche Wirklichkeit. Nur: was bedeutet in diesem Fall „Körper“? – Durch unseren Körper haben wir die Möglichkeit, mit unserer Welt und den Mitmenschen in Kontakt zu treten, in menschlicher Gemeinschaft zu leben. Körperlichkeit ist demnach nicht zwangsläufig materiell. Die Seele bedarf der Körperlichkeit; der Mensch ist immer ein „Zusammen“ von Körper und Seele, auch wenn der Körper nicht aus Materie zusammengesetzt ist. Somit ist die Vollendung immer auch an einen Körper gebunden und verweist damit auch immer auf ein menschliches Miteinander. Im Christentum finden wir dies genau so, wie es im Koran beschrieben ist, der von ‚reinen Partnern’ spricht: Gemeinschaft als Lebens- und auch Liebesbeziehung zwischen Menschen.

Zusammenfassend
sind also zweierlei Aspekte grundlegend: Fülle („Garten“) und Gemeinschaft („Partner“). So, wie der gescheiterte Mensch selbst Grund seines Scheiterns ist, so ist die Vollkommenheit der Gärten nichts anderes, als die konsequente Fortführung des auf der Erde bereits gut gelebten Lebens („…sprechen sie: ‚Dies war unsere Speise zuvor.’ “) Diese Früchte sind natürlich keine „Apfelsinen“. Sie sind ein verständliches und deutliches Bild für die „Fülle“ der Ewigkeit. Und dass es ein Bild ist, lese ich wortwörtlich auch aus dem Koran heraus: „ ‚Dies war unsere Speise zuvor.’; doch nur ähnliche (Früchte) werden Wir ihnen geben.“ (2:25)

Gemeinschaft mit Gott
Für uns Christen ist ein dritter Aspekt noch der grundlegendste: die Gemeinschaft mit Gott. Die Vollendung beschreibt der Hl. Augustinus als immerwährende „Anschau“ Gottes, die er zugleich als ein „sehen“ wie auch als ein „genießen“ beschreibt. Gott zu sehen ist das größte Glück. An dieser Koranstelle (wie auch an vielen anderen) ist die Nähe Gottes als Voraussetzung für die Fülle ebenso wie für die Gemeinschaft nur implizite angedeutet. (Wer bereitet die Gärten? – Wer ermöglicht Gemeinschaft?) – und zwar in dem Satz „doch nur ähnliche werden Wir ihm geben“ (2:25).

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Gewitterwolken (2:19-20)

Nicht Allah straft, der Übeltäter straft sich selber

Bevor wir uns dem Lohn für die Gläubigen widmen (2:25), nehmen wir noch einmal das dunkle Bild aus den vorhergehenden Versen in den Blick. Thema ist: die Natur der Sünde.
Die Unruhestifter „(…) gleichen einer Wetterwolke vom Himmel, geschwängert von Finsternissen, Donner und Blitz… die Finger stecken sie in ihre Ohren vor den krachenden Schlägen, in Todesangst (…)“ (2:19)

Das ist doch ein bedenkenswertes Gleichnis. Da ist eine Wetterwolke: diese steht für die Unruhestifter. Sie selbst lässt die Welt finster werden, lässt es donnern und blitzen. Und dieselben Übeltäter sind es, die an der von ihnen selbst angerichteten Unruhe leiden.
Der Unruhestifter leidet an dem Unheil, das er selbst stiftet. Es braucht keinen strafenden Gott: der Übeltäter bestraft sich durch seine Taten allein.

Gott ist da!

Gott ist es hier also nicht, der straft. Dennoch ist er da: hier, in der Hölle des selbstverursachten Leids, ist der Mensch nicht alleine: „…, aber Allah umfasst die Ungläubigen. Der Blitz benimmt ihnen fast das Augenlicht; so oft er aufflammt, gehen sie in ihm, erlischt er jedoch über ihnen, bleiben sie stehen.“ (2:19-20)

Gott verlässt auch den Unruhestifter nicht. Blind ist der Ungläubige einerseits, weil er die Augen verschließt. Allah aber: „(…) und wenn (Er) wollte, raubte Er ihnen Gehör und Gesicht; denn Allah hat Macht über alle Dinge.“ (2:20)
Aber genau dies tut Gott nicht. Gott lässt den Menschen nicht ertauben und nicht erblinden. Das Gleichnis zeigt dies: der Unruhestifter hört die Donnerschläge und zittert.

Das Gesetz Gottes

Jeder, auch der schlimmste Übeltäter, ist nicht taub und blind. Er weiß, dass er das Gute tun soll (auch wenn er es nicht tut) und das Böse zu lassen hat (auch, wenn er es tut). Wir Christen formulieren den Gedanken ähnlich, haben andere Begriffe dafür. Wir sagen: Gott hat sein Gesetz
1. den Gläubigen als Heilige Schrift offenbart. Das verbindet Juden mit Christen und Muslimen.
2. Er hat sein Gesetz aber auch allen Menschen offenbart. Allen Menschen, ganz gleich welcher Religion oder Philosophie, den Christen, Muslimen, Juden und Polytheisten genauso, wie den Agnostikern und Atheisten.

Allen Menschen hat Gott sein Gesetz ins Herz geschrieben. Sodass jeder weiß, dass er das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen hat. Alles, was jemand behauoptet, muss begründet werden. Dieses eine Gesetz ist jedem Menschen einleuchtend, ohne, dass es noch einer weiteren Begründung bedarf.

Und weil es jedem Menschen somit ins Herz geschrieben ist, also der Natur des Menschen entspricht, heißt es „natürliches Gesetz“. Und weil es von Gott in unser Herz gepflanzt ist, kann man in ihm auch die Spuren Gottes finden. Und wenn wir nach diesem natürlichen Gesetz handeln – bleiben wir im Bild – dann donnern wir nicht als Unwetterwolke, sondern tun – ohne es unbedingt explizite zu wissen – Gottes Willen, ob wir nun an ihn glauben oder nicht.

Fazit:

Das Bild der Gewitterwolke ruft mir diese Eindrücke vor Augen: wir Menschen werden für unsere Missetaten nicht von Gott bestraft, sondern das Gewitter, das wir anrichten, straft uns selbst.

Dahinter steckt die Weisheit, dass Menschen, die sich selbst zum Mittelpunkt und Maß ihres Lebens machen, wegen der Erfolge ihrer Taten nicht glücklicher sind, sondern letztendlich kein Glück erfahren: und zwar weder im Leben, auch wenn sie glauben, alles gewonnen zu haben: Erfolg, Geld, Macht, oder welchen ihrer Teufel auch immer. Noch im Tod (zur Problematik der Existenz der Hölle an späterer Stelle mehr).

Anmerkungen:

1. Weder Erfolg, noch Geld oder Macht sind an sich schlecht. Aber: wer überdurchschnittlich Geld, Macht und Ansehen besitzt, steht damit in überdurchschnittlicher ethischer Verantwortung. Erfolg, Geld, Macht als Selbstzweck zu sehen und dafür „über Leichen zu gehen“ ist Götzendienst.

2. Hinweis: Menü oben, Seite „About…“

@Muslime: Wie versteht Ihr das Gleichnis von der Wolke?
@alle: Hat Gott den Menschen wirklich sein Gesetz in die Herzen geschrieben? Was denkt Ihr?
@alle: Und natürlich bist Du auch hier wieder eingeladen, dazu zu schreiben, was immer Du schreiben magst!

Jörg c

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Die Gläubigen – die Ungläubigen (2:1-22)

Die zweite Sure beginnt mit einer wunderbaren ersten Perikope – Verse 1-22. Die Gläubigen und die Ungläubigen werden einander gegenübergestellt und in ihrer Motivation beschrieben.

Die Gläubigen (Sure 2, 1-22)
– glauben an das Verborgene
– verrichten das Gebet
– spenden von Gottes Gabe,
– glauben an das Wort Gottes,
– vertrauen aufs Jenseits.

Eben die Grundtugenden auch des Christen kommen hier zum Ausdruck, konkret: die christliche Idee der Gottes- und Nächstenliebe mit Herz (glauben, vertrauen), Mund (beten) und Hand (spenden).

Die Ungläubigen
Wer sind die Ungläubigen? – Sind hier zum Beispiel wir Christen charakterisiert, oder stehen andere Menschen im Fokus? Hier ist es wieder wichtig, genau zu lesen. Also: wer ist „ungläubig“?

– Versiegelt hat Allah ihre Herzen und Ohren (sie sind keine „hörenden“). (Sure 2,7)
– Sie bekennen mit dem Mund „Wir glauben an Allah“ (2,8)
– Sie wollen Allah und die Gläubigen betrügen (2,9), sie lügen (2,10).
– Sie sind Unheilstifter!

„Spricht man zu ihnen: ‚Stiftet kein Unheil auf der Erde’, so sagen sie: ‚Wir sind ja die Rechtschaffenen.’ Ist es aber nicht so, dass sie die Unheilstifter sind? Doch sie merken es nicht.“ (Sure 2,11-12) – „Wenn sie mit Gläubigen zusammentreffen, so sagen sie: ‚Wir glauben’; sind sie aber mit ihren Teufeln allein, so sprechen sie: ‚Siehe, wir stehen zu euch und treiben nur Spott’.“(Sure 2,14)

Gott im Mund, aber die eigenen Pläne im Herzen. Menschen, die ihr Bekenntnis zu Gott für ihre persönlichen Ziele instrumentalisieren. Menschen, die sich nicht der Leitung Gottes (vgl. Sure 1,6) anvertrauen, sondern ihren eigenen „Teufeln“.

Kurz: Ungläubig ist, wer nicht Allah zur Mitte seines Handelns und Denkens macht, sondern die Religion für eigene Zwecke und ‚Geschäfte’ (vgl. 2,16) instrumentalisiert.

„Taub, stumm und blind, aber sie kehren nicht um.“ (Sure 2,18)
Wer muss sich diesen Vorwurf gefallen lassen: „Stiftet kein Unheil auf der Erde!“ Dahinter steht der Gedanke der quasi globalen („auf der Erde“, 2,11) Verantwortung.

Verantwortung – Schöpfung
Und diese Verantwortung wird zuletzt theologisch begründet: sie bekommt ihren tiefen Sinn aus der Schöpfungstat Gottes:

„Der Euch die Erde zu einem Bett gemacht und den Himmel darüber erbaut hat, und vom Himmel Wasser herniedersandte und damit Früchte hervorbrachte zu eurer Nahrung: Stellt ihm daher keine Götter (…)“ – Geld, Macht, Status, die eigenen „Geschäfte“? –
„Stellt ihm daher keine Götter zur Seite, wo ihr es doch besser wisst.“ (Sure 2,22)

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Der hundertste Name Allahs

Ich verweile noch einmal in meiner Meditation bei der ersten Sure. Wer ist Allah? Wie wird er beschrieben?

Erbarmer
Barmherziger
Weltenherr
Herrscher

Allah hat, gemäß einem Hadith, einer islamischen Überlieferung, einhundert Namen. Neunundneunig Namen sind im Koran überliefert. Jeder Name Gottes ist eine eigene Meditation wert. Jede Meditation der Namen ein Schritt zum Kennenlernen Gottes.

Wir Christen sprechen auch von Gott in „Namen“. Für uns ist er Richter, der Schöpfer, unser Herr, der Gute schlechthin, der Eine. Wer einmal nachschlägt, wird alle diese Namen Gottes unter den Neunundneunzig finden.

Einen Namen für Gott schenkte uns Jesus, der uns Christen teuer, und mir persönlich der liebste ist: für uns ist Gott vor allem Vater. Aber keiner all dieser Namen ist im Sinne des Hadith der einhundertste Name Allahs. Denn: so wichtig die Namen Gottes sind: sie alle fassen die Wirklichkeit Gottes nicht.

Gott ist unendlich, unbegrenzt, und damit auch mit unseren Begriffen nicht erreichbar. Warum? – Jedes Wort, das wir kennen, ist im endlichen verhaftet. Nennen wir Gott „Richter“, so meint der Begriff zunächst einen Menschen, der über andere richtet. Gerechtigkeit ist die Grundtugend des Richters, und wir stellen uns Gott als den Gerechten schlechthin vor. Aber auch Begriffe wie „gerecht“ beschreiben und begrenzen zugleich: denn oft genug steht Gerechtigkeit im Gegensatz zu Gnade beispielsweise. Und der Gerechte ist eingeschränkt: er kann nicht zugleich der Gnädige sein. Wie kann Allah barmherzig und (als Richter) gerecht zugleich sein? – Gegensätze fallen in Gott zusammen, ohne einander in Ihm zu widersprechen.

Gott ist nicht begrenzt, und so erweisen sich sogar Begriffe wie „gerecht“, „gnädig“, „allmächtig“ als Bilder für eine Wirklichkeit, die unsere begrenzten Begrifflichkeiten und unsere Vorstellungsmöglichkeiten übersteigt: sowohl unsere Sprache, wie auch unser ganzes Denken können Gott nicht fassen.

Wir kennen zwar in der westlichen Philosophie die „Transzendetalien“, Wörter wie „das Gute“, „das Wahre“, von denen angenommen wurde, sie könnten Gott beschreiben. Aber auch sie bleiben uns letztlich ebenso fremd, wie die Wirklichkeit Gottes: wir können sie anstreben, oft vielleicht verstehen, aber dann entziehen sie sich uns in ebendieser Weise wieder.

In der Hadith wird gesagt: den hundertsten Namen Gottes kennen wir nicht. Und vielleicht meint die Überlieferung genau das: der hundertste Name ist uns nicht deshalb verborgen, weil niemand ihn uns verraten hätte. Sondern viel mehr mag gelten:

Die neunundneunzig Namen Gottes sind Bilder. Der einhundertste Name Gottes beschreibt das wahre Wesen Gottes, und kein Begriff der Welt kann dies fassen.

Wenn die Namen aber das Wesen Gottes nicht beschreiben, wenn es lediglich Bilder sind: sollten wir uns denn dann nicht ganz von ihnen verabschieden? Ich denke, wir sollten es nicht. Denn: sie allein ermöglichen uns, über Allah zu sprechen. Ohne Bilder sind wir zum religiösen Verstummen verurteilt. Und was wäre eine Religion, in der nicht über Gott gesprochen würde? Was wäre ein Blog, in dem überhaupt nichts steht?

Zusammenfassend halte ich drei Erkenntnisse für mich fest:

1. Alle Rede von Gott ist eine Rede in Bildern. Das Wesen Gottes ist in Sprache nicht beschreibbar. Eigentliches Sprechen von Gott ist nicht möglich. Allah ist nicht durchschaubar.

2. Wer behauptet, er wisse, wer Gott ist, irrt oder lügt. Wer behauptet, er habe Gott gefunden, irrt oder lügt. Wer behauptet, er könne beschreiben, wie Gott wesentlich ist, irrt oder lügt.

3. Der Weg zu Gott ist immer eine Suche; niemand kommt, so lange er lebt, am Ziel der Suche an. Erkenntnis Gottes ist Annäherung.

Jörg c

Dies fände ich spannend, von Euch zu erfahren:
@alle:
Welche “Namen Allahs”,
welche Bilder von Gott sprechen Euch in besonderer Weise an?

@Muslime:
Lernt Ihr die Namen Gottes auswendig? –
… mit dem Herzen? –
… zu beten/meditieren?
Welche Bedeutung haben die Namen Allahs für Euch?

@alle:
Natürlich könnt Ihr auch jeden Beitrag nach eigenem Belieben kommentieren!

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Die Entdeckungsreise beginnt (1:1-7)

Meine Entdeckungsreise begann bei der ersten Sure.

Dass gerade diese Sure am Anfang des Korans steht, ist keine Selbstverständlichkeit: sind doch alle 114 Suren gemäß ihrer Länge im Koran sortiert: die längste Sure (mit 286 Versen und in meiner dt. Ausgabe knapp 34 Seiten) zu Beginn, die kürzeste (6 Verse, 6 Zeilen) zuletzt. Allein diese kurze erste Sure ist den anderen vorangestellt.

Lange habe ich bei meiner Koranlektüre darüber gegrübelt, wie einzelne Passagen zu verstehen sind, wie einzuordnen, wie zu interpretieren. Der Leitfaden für meine Entdeckungsreise soll nun diese erste Sure sein. Deshalb habe ich sie auch als ersten Blogbeitrag unkommentiert eingestellt.

Dieses Gebet dürfte eigentlich in keinem christlichen Gebetbuch fehlen. Bei einer Neurevision unseres katholischen Kirchengebet- und Gesangbuchs „Gotteslob“ werde ich anregen, die Sure 1 als Gebet mit aufzunehmen.

Wie lese ich also alle Suren des Koran? – Nun: allein unter dem Vorzeichen dieser ersten Sure. Worum geht es für mich im Koran?

1. Um Allah, den Erbarmer, den Herrn, den Barmherzigen, den Richter.
2. Um unseren Dienst, um die Rechtleitung, die Gott in unser Herz legt, und um den rechten Pfad.

Allah zu suchen, Allah zu dienen, seinen Pfad zu gehen: darum geht es für mich im Koran. Und das ist mein Plan für die Koranlektüre: zu lesen, zu hören. Zu ergründen, ohne zu beurteilen (ansonsten wäre meine Lektüre nach den ersten 13 Versen von Sure 2 beendet gewesen). Vorurteilsfrei.

Also: Sure 1, was nehme ich mit? – Sie holt mich ab. Bei einem Gebet, das mir als Pfadfinderkurat („-seelsorger“) ans Herz gewachsen ist: dem Pfadfindergebet, das auf den Gründer Robert Baden-Powell zurückgeht. Hier heißt es:


Zeige mir meinen Weg
und begleite mich auf dem Pfad, der zum Leben führt.

Dir will ich folgen und mein Bestes tun.
Hilf mir dazu und segne mich.
Amen.

Dir will ich folgen und mein Bestes tun:
Ist das vielleicht auch der Weg des Koran? –

„Leite uns den rechten Pfad,
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist (…).“ (Sure 1, 6-7)

Jörg c

Eure Meinung zur ersten Sure interessiert mich:
Liebe Muslime, welche Bedeutung hat für Euch diese erste Sure?
Liebe Christen (u.a.), was haltet Ihr von dem Gedanken, die Sure 1 in Euren Gebet-/Meditationsbüchern zu finden?

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Die Öffnende (al-Fâtiha)

Sure 1
Die Öffnende (al-Fâtiha)
Geoffenbart zu Mekka

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!
Lob sei Allah, dem Weltenherrn.
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
Dem Herrscher am Tage des Gerichts!
Dir dienen wir und zu Dir rufen wir um Hilfe.
Leite uns den rechten Pfad,
Den Pfad derer, denen du gnädig bist, nicht derer, denen du zürnst und nicht der Irrenden.

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