Glaube und Unglaube (2:108-117)

Preis sei ihm! (…) Ihm gehört, was in den Himmeln und auf Erden ist: alles gehorcht Ihm. Er ist der Schöpfer der Himmel und der Erde, und wenn Er eine Sache beschließt, spricht er nur zu ihr: ‚Sei!‘, und sie ist.“ (2:116-117)

Aus dem Gesagten (vorangegangener und vorletzter Beitrag) deutet sich also an, was in unserem Zusammenhang Unglaube bedeutet:

Unglaube ist die bewusste Entfernung von Gott. Und konkreter noch: Ungläubig ist der Mensch, der anstelle des „Schau-auf-uns“-Gottes das Zerrbild eines „Favorisiere-uns“-Gottes setzt. Ersterer ist der, von dem wir bekennen: „Gott ist unerreichbar groß / größer“ (Allahu akbar), als wir ihn denken könnten. Letzterer ist der Götze, von dem wir mit dem Mund predigen: „Gott ist so und so“ – ein Bild, das unsere Imaginationskraft befriedigt, aber letztlich unserer Phantasie entspringt.

Was also macht in diesem Sinne den Unglauben aus? – Jener ist Gott fern, der sein eigenes Gottesbild als das einzig wahre verkündet. Ausdrücklich beschreibt der Koran diese Gefahr:

1. Zunächst unter den eigenen Leuten. („Oder wollt ihr eueren Gesandten ausfragen, wie Moses seinerzeit ausgefragt worden war? Wer aber den Glauben mit dem Unglauben vertauscht hat, der ist schon vom ebenen Weg abgeirrt.“ 2:108)

2. Dann auch bei Juden und Christen. („Und sie sprechen: ‚Ins Paradies treten ausschließlich Juden oder Christen ein.‘ Dies sind ihre Wünsche. Sprich: ‚Bringt eueren Beweis bei, wenn ihr die Wahrheit zu sagen glaubt.‘“ 2:111)

Dies ist Unglaube in seiner reinsten Form, das Ziel allen Götzendienstes: Favorisiere uns! (vgl. 2:113) Es gibt für diese eine Antwort: „Allah wird unter ihnen am Tag der Auferstehung über das richten, worin sie uneins sind.“ (2:113) Ich persönlich bin davon überzeugt: Alle, die sich uneins waren und alle Gläubigen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, alle Zweifler, alle Menschen werden erkennen: Gott ist noch unendlich mal größer, als unsere Worte und Gedanken Ihn hätten fassen können. Und dann werden alle auch wissen, wie kleinlich sich aller Streit um das Wesen Gottes gestaltet hat.

Gott selbst bleibt unbewegt von dem: „Und Allah ist der Westen und der Osten. Daher: Wohin ihr euch wendet, dort ist Allahs Angesicht. Siehe, Allah ist allumfassend und wissend.“ (2:115)

Der Gegenentwurf des Zerwürfnisses: Wendet Euch Allah zu. „Schau auf uns!“ Der Glaube ist die Sprache des Liebenden. „Und verrichtet das Gebet und zahlt die Steuer. Was ihr Gutes für Euere Seelen voraussendet, das werdet ihr bei Allah finden. Siehe, Allah sieht, was ihr tut.“ (2:110) „In der Tat, wer auch immer sich Allah hingibt und Gutes tut, der hat seinen Lohn bei seinem Herrn; und keine Furcht kommt über sie, und sie werden nicht traurig sein.“ (2:112) Am Anfang steht die Hingabe, das Gebet. Nicht als fromme Pflichtübung, sondern als zeichen dessen, der sich von Allah angeschaut weiß. Die Steuer zu zahlen und Gutes zu tun ist ebenso eine natürliche Folge dieser Hingabe, wie der Lohn, der ganz schlicht ist: „sie werden nicht traurig sein“.

Wer sich also von Gott erkannt weiß, der wird nicht streiten, sondern sowohl Gott als auch den anderen Menschen mit Vertrauen begegnen. Der Lohn (2:112): er liegt allein bei Gott.


Giorgione - Die drei Philosophen (1505). Quelle: Wikipedia


Giorgione – Die drei Philosophen (1505). Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)


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Der Schlüssel (2:98-112)

O ihr, die ihr glaubt! Sprecht nicht: ‚Favorisiere uns!‘, sondern sprecht: ‚Schau auf uns!‘, und gehorcht (…).“ (2:104)

Wir haben gesehen: wer von der Offenbarung spricht, läuft Gefahr, die falschen Engel zu predigen. Und das nicht unbedingt aus bösem Willen heraus, sondern auch schlichtweg aus Unwissenheit. „Und fürwahr, für Schlimmes verkauften sie ihre Seelen. O, dass sie es nur wüssten!“ (2:102)

Was ist aber nun legitime Rede über die Offenbarung, und was ist falsche Rede?

Zwei Hinweise haben wir im vorangegangenen Absatz bereits erhalten: Zauberei und das, „womit man Zwietracht zwischen Mann und Frau stiftet“ (2:102), wobei offen ist, ob „Mann und Frau“ bedeutet: Zwietracht zwischen den Menschen oder ob konkret Zwietracht zwischen z. B. Eheleuten gemeint ist.

Dies ist aber noch sehr unkonkret, und die Mahnung, keine Zwietracht zu säen mag hilfreich sein, angesichts der Komplexität zwischenmenschlicher Konflikte jedoch praktisch kaum Hilfe.

Der Koran wäre wohl nicht der Koran, wenn er nicht unmittelbar im Kontext dieses Abschnitts den Schlüssel klar und unmissverständlich böte.

Wann verkehrt sich die Lehre des Koran also ins Gegenteil, was sind ‚aufgehobene Verse‘, und wann liegt ein rechtes Verständnis vor? „O ihr, die ihr glaubt! Sprecht nicht: ‚Favorisiere uns!‘, sondern sprecht: ‚Schau auf uns!‘, und gehorcht (…).“ (2:104)

Sprecht nicht: ‚Favorisiere uns!‘“ (2:104)

In der Schulzeit sagte mal ein Mitschüler zu mir: „Christen sind nicht besser, sie haben es besser!“ – Gemeint war die Gewissheit eines zukünftigen Platzes im Himmelreich.

Allein für Privilegien Christ zu sein ist der falsche Weg, weil dieses Denken in seiner Wurzel egozentrisch, wenn nicht gar egoistisch ist.

Als Jesus von seinen eifrigen Jüngern gefragt wurde, wer im Himmelreich (von ihnen) der größte sei, da „rief er ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.“ (Mt 18, 1-5)

Genau dies ist auch das Selbstbild des Glaubenden im Koran. Nicht meine Position, meine Privilegien, die Tatsache, dass ich in die verheißenen Gärten einziehe, ist wichtig, auch nicht meine Leistung, sondern dass – ganz schlicht – Gott auf mich schaut.

Konkret: Wenn junge Leute für politische Zwecke gewonnen werden, unter dem Versprechen, dass nach ihrem Tod Gärten für sie bereitet seien, der greift ein Bild des Koran – die Gärten – auf und vermischt es mit den Zielen seiner eigenen Dämonen. Diese Jagd auf Menschen entlarvt sich in der Grundhaltung: niemand, weder Verführer noch Verführte, tun irgendetwas aus dem Geist „Schau auf uns!“ heraus, sondern ausschließlich aus dem Geiste: „Favorisiere uns!“ Der Attentäter, der heute eine Gruppe unschuldiger mit sich in den Tod gerissen hat, tat dies in der Erwartung, nun, nach dem Tod, Gutem zu begegnen. „Favorisiere uns!“ war wohl seine Motivation. Er, ein Verführter und einer unter denen, denen man zuruft: „Hätten sie das doch gewusst!“ (2:103) Die Verführer in ihrer Suche nach Macht, ebenso unter dem Banner „Favorisiere uns!“ Ihnen geht es in zweiter Linie nur um eine Herrschaft Gottes; zunächst geht es ihnen wohl um die eigene Position innerhalb dieser. Sie sind es, von denen gesagt wird: „Von ihnen lernte man, womit man Zwietracht zwischen Mann und Frau stiftet.“

Kreuzzüge, Diktaturen, Hetze gegen „andere“, Kolonialisierungen: die Räderwerke der Grundhaltung „Favorisiere uns!“ funktionieren in allen Kulturen, Religionen und Gesellschaften.

Schau auf uns!“ (2:104)

In meiner damaligen Heimatstadt, Aachen, fand 1986 der Katholikentag statt. Dort begegnete ich in einem Forum „Geistliche Berufung“ Priestern und Mönchen, die über ihre besondere Berufung referierten. Ein Benediktinermönch sagte da sinngemäß: „Es heißt, unsere Berufung misszuverstehen, wenn wir Ordensleute und Priester als die besseren Christen dastünden. Menschen, die unseren Weg nicht gehen, sind ebensogute Christen, wie wir. Glauben Sie mal nicht, dass wir bei Gott in höherem Ansehen stünden, als irgendein anderer Mensch. Ich begreife unsere Aufgabe als eine Aufgabe, einen besonderen Dienst, der uns, wie es dem Begriff Dienst entspricht, zu Dienern macht. Vielleicht haben wir Theologen und Kirchenmänner viel über Gott gelernt, üben uns täglich im Gebet, versuchen, unser Leben an Gott auszurichten. Und dennoch: ein ganz einfacher Mensch, der ganz schlicht die Ahnung hat, dass es Gott vielleicht gibt, und ein kleines Gebet von Herzen an Gott richtet: er mag Ihm näher sein, als wir es je waren.“

Für Leistung gibt es Privilegien. Gott will aber keine Leistung. „Schau auf uns!“ Das ist die Grundhaltung des Christen. und ebenso – das beschreibt der Koran unzweideutig – des Muslims.

Privilegien vergeben Könige, Herrscher und vielleicht der Chef im Unternehmen. „Schau darauf, was ich getan habe! Und zahle mir den Erfolg aus!“, sagt der, der abhängig von der Gunst ebendieser ist.

„Schau auf mich!“ sagt dagegen der Liebende. „Sieh mich an!“: das ist der Beginn einer Liebesgeschichte, und ebenso wie das Christentum ist dies auch der Islam: eine Liebesgeschichte des Menschen mit Gott.

Die drei Abrahmischen Religionen sind Religionen der Liebe. „Sieh mich an!“ ist die Forderung eines Liebenden. Im Artikel „Religion der Liebe“ schrieb ich: Die „Liebe scheint durchgängig im Koran durch“.

Oft werden Koranstellen im Diskurs auf schwierige Inhalte hin besprochen; in Bezug auf 2:98 ff. wird so getan, als gehe es darum, Koranstellen als „aufgehoben“ zu erklären. Die eigentliche Tiefe der Aussage geht in diesen Diskursen verloren; das Eigentliche wird von Beiläufigem überdeckt.


Demut im Gebet: 'Schau auf uns!' - Gottesdienst in der türkischen Moschee, Berlin 1931. Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-11243 / CC-BY-SA 3.0


Demut im Gebet: ‚Schau auf uns!‘ – Gottesdienst in der türkischen Moschee, Berlin 1931. Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-11243 / CC-BY-SA 3.0


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„Aufgehobene“ Verse? (2:98-112)

Was Wir auch an Versen aufheben oder in Vergessenheit fallen lassen: Wir bringen bessere oder gleichwertige dafür. (…).“ (2:106)

Die Verse 2:97-112 stehen in direktem Zusammenhang mit den vorhergehenden. Das Thema ist weiterhin die Offenbarung. Diesmal aber wird der Missbrauch der Offenbarung und deren Verfälschung thematisiert.

Dies geschieht wieder einmal vor dem Hintergrund der zu Anfang der Sure skizzierten Ursünde; wir erinnern uns: der ‚Unruhestifter‘. Sie führen Gott im Munde, sobald sie aber unter sich sind, wenden sie sich den eigenen Dämonen zu (vgl. 2:8-14).

Als Feinde Gabriels, der die Offenbarung dem Propheten vermittelte, sind sie Feinde der Offenbarung:“Sooft sie ein feierliches Versprechen geben, will dann nicht ein Teil von ihnen es verwerfen? Ja, die meisten von ihnen glauben nicht. Und als zu ihnen ein Gesandter von Allah kam, ihre Offenbarung bestätigend, da warf ein Teil jener, denen die Schrift gegeben worden war, Allahs Buch über die Schulter, als ob sie es nicht kennten. Und sie folgten dem, was die Satane in Salomos Reich vorbrachten. (…)“ (2:100-102)

Sind die ‚Teufel‘, denen sich die Unruhestifter zuwenden, mit diesen ‚Satanen‘ gemein? Möglicherweise; jedenfalls geht es auch hier um einen Gegenentwurf zur Offenbarung Gottes, der durch die Unruhestifter im Reich Salomos verbreitet wird.


Salomon trifft die Königin von Saba; Relief von Lorenzo Ghiberti an der bronzenen Paradiespforte des Baptisteriums in Florenz, 1425ff. Quelle: Wikipedia


Salomon trifft die Königin von Saba; Relief von Lorenzo Ghiberti an der bronzenen Paradiespforte des Baptisteriums in Florenz, 1425ff. Quelle: Wikipedia


Was fällt auf? – Es ist nicht angedeutet, dass sie die Schrift als solche und die Offenbarung Gottes verfälschten und korrumpierten: „Nicht, dass Salomo ungläubig war, vielmehr waren die Satane ungläubig, indem sie den Menschen Zauberei lehrten und was auf die beiden Engel in Babylon, Harut und Marut, herabgekommen war.“ (2:102)

Und die Satane, die da sprechen, bekommen im Folgenden menschliche Züge. Es scheint fast, als ob die Satane durch Menschen sprechen, die auffällige Parallelen zu den Unruhestiftern aufweisen. „(…) Doch lehrten sie keinen, ohne zuvor zu sagen: ‚Wir sind nur eine Versuchung: sei daher kein Ungläubiger!‘ Von ihnen lernte man, womit man Zwietracht zwischen Mann und Frau stiftet. Doch konnten sie ohne Allahs Erlaubnis niemandem damit schaden. Sie lernten von den beiden [den falschen Engeln Harut und Marut], was ihnen schadete und nichts nützte; und sie wussten wohl, dass, wer sich solches aneignet, keinen Anteil am Jenseits hat. und fürwahr, für Schlimmes verkauften sie ihre Seelen. O, dass sie es nur wüssten!“ (2:102)

Zweierlei muss also festgehalten werden:

1. Die Sünde dieser Verse besteht in zweierlei „Verfälschung“ der Offenbarung: zum Einen darin, dass der Unruhestifter Zauberei lehrt; zum anderen darin, dass er Zwietracht stiftet.

2. Die Sünde besteht nicht darin, dass die Offenbarung Gottes ‚umgeschrieben‘, also das Wort Gottes verändert würde. Weder in Bezug auf die ersten Offenbarungen der Bibel, noch in Bezug auf den Koran.

Offensichtlich geht es also um falsche Lehren, die außerhalb der Offenbarung Gottes nicht die Schrift, sondern die Menschen, die ihnen glaubten, korrumpierten.

Die Heiligen Schriften können für vieles herhalten: man kann mit Bibel und Koran herumzaubern, man kann Interpretationen liefern, mit denen man Unfrieden begründen kann, Unruhe stiften, Zwietracht säen kann. Das Ergebnis sind Zaubersprüche, Irrlehren, falsche Verse.

Man braucht nur in der Bibel und im Koran aufmerksam zu lesen, um zu entdecken, welche Botschaften der Dämonen Harut und Marut falsch sind. Das, was durch bewusste Fehlinterpretation der biblischen und koranischen Offenbarung Unruhe gebracht hat, all die Verse jenseits der Offenbarung, Zauberei, all dies wird durch die Offenbarung selbst aufgehoben.

Was Wir auch an Versen aufheben oder in Vergessenheit fallen lassen: Wir bringen bessere oder gleichwertige dafür.“ (2:106)

Aus dem Zusammenhang wird deutlich: Gottes Offenbarung, wie sie in der Bibel überliefert ist, wird durch den Koran bestätigt (vgl. 2:89). Die Offenbarung entlarvt den Missbrauch ihrer selbst. Falsche Lehre wird durch die Schrift selbst aufgehoben.

Aus dem Zusammenhang ist völlig eindeutig herauszulesen, dass hier nicht gemeint sein kann, dass Verse des Korans oder der Bibel aufgehoben werden. Vielmehr geht es um jene falschen Lehren der Zauberei und Zwietracht, die in 2:102 so treffend beschrieben wurden.

Das zu wissen ermöglicht uns im folgenden, den eigentlichen Höhepunkt und die großartige Lehre dieses Abschnitts zu verstehen.

Dazu im folgenden Beitrag der kommenden Woche.

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Gegenstroemungen – Querdenker erleben

Meinem Blogger-Kollegen Miguel Grandt durfte ich in seinem Podcast-Projekt „Gegenstroemungen – Querdenker erleben“ ein Interview geben. Hier der Link:

http://www.gegenstroemungen.com/podcast/2015/6/8/gs003-jrg-p-belden-bildungsreferent

Zum Podcast: www.gegenstroemungen.com

Ich freue mich (auch dort) über Kommentare!

Jörg

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Der Koran: die Bestätigung der Offenbarung der Juden und Christen (2:87-98)

Und Moses gaben Wir die Schrift und ließen ihm Gesandte nachfolgen. Und wir gaben Jesus, dem Sohn der Maria, die deutlichen Zeichen und stärkten ihn mit Inspiration. …“ (1:87)

Das Christentum ist aus dem Judentum heraus geboren. Jesus selbst verstand sich nicht als Begründer einer neuen Religion: er war ganz und gar Jude, stammte aus einer religiösen, ggf. pharisäischen, Familie, predigte auf der Straße, in Synagogen und sprach im Tempel. Und so verstanden sich die ersten Christen zunächst in erster Linie als jüdische Gruppierung – und wurden so auch seitens der Umwelt wahrgenommen: in römischen Quellen des ersten bis Anfang zweiten Jahrhunderts wurden die christlichen Gemeinden als jüdische Gemeinden bezeichnet.

Angesichts der Öffnung und Mission barg dieses Selbstverständnis Sprengstoff für die noch junge Gemeinde: verstand sich das Judentum doch vor allem als Volk, nicht als Religion. Und so kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den jüdischen Anhängern (Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat.) und den aus den Völkern für Gott begeisterten Christen.

Die Kontinuität ist stark, und die Trennung zwischen Judentum und Christentum eher historisch vollzogen als theologisch vollendet.

Und in dieser Kontinuität steht eindeutig auch der Koran, wie der Beginn des Eingangsverses 2:87 zeigt. Judentum, Christentum und Islam (in der historischen Reihenfolge) verbindet – das ist trivial – der gemeinsame Glaube an den Einen und denselben Gott. Das Christentum erscheint in seinen Ursprüngen eher wie eine jüdische Konfession, denn wie eine neue Religion, und der Islam im Koran eher als die Fortführung von Judentum und Christentum, ja, wie man liest, als Neubesinnung auf die Werte der beiden (damals bereits getrennten) anderen Religionen.

Abraham. Jesus. Mohammed. - „Der Schoß Abrahams“ (l.) und


Abraham. Jesus. Mohammed.
„Der Schoß Abrahams“ (l.) und „Die Kreuzigung Jesu Christi“ (M.) von Herrad von Landsberg – Hortus Deliciarum (12. Jahrhundert). Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz CC-BY-SA 3.0. Persische Darstellung Mohammeds vor seinen frühesten Anhängern (r.). Illustration aus Al-Birunis Kompendium Athar al-Baqiya ’an al-Qurun al-Khaliya. Das Werk befindet sich in der Sammlung der Bibliothèque Nationale in Paris (Manuscrits Arabes). Quelle: Wikipedia


Die Abgrenzung von Judentum und Christentum geschieht nicht dadurch, dass andere Glaubenswerte oder Lebensgesetze entwickelt werden. Vielmehr resultiert sie aus einer für die damalige Zeit wohl treffend erkannten Beobachtung: dass Juden und Christen nicht gemäß der Weisungen ihres Glaubens lebten.

Der Anspruch, im Bund mit Gott zu leben, hat – so wohl die Vermutung – Konsequenzen für die Treue des Einzelnen zu Gott und für das Handeln des Gläubigen. Das alles überstrahlende Gebot der Nächstenliebe der Christen ist kein geringer Anspruch. Juden wie Christen werden oft heute diesem Anspruch nicht immer gerecht. Damals wird es – vielleicht sehr drastig – ebenso gewesen sein. Und zuvor, in der Zeit der Offenbarungen des Mose und Jesu, das bezeugt die Schrift, war es ebenso.

Und so ergibt sich aus dem Blick der damaligen Zeit ein Hiatus zwischen der Vision gottergebener und liebender Menschen einerseits und der Wirklichkeit, die oft dunkler war und ist. Die Aussage ist durchgängig nicht: „Euer Glaube ist falsch!“, sondern: „Glaubt wieder und handelt danach!“.

Diese Botschaft des Koran versteht sich explizite als Bestätigung der früheren Offenbarungen Gottes: „Und als zu ihnen ein Buch von Allah kam, ihre früheren Offenbarungen zu bestätigen – zuvor hatten sie um Sieg für die Ungläubigen gefleht – also als nun zu ihnen kam, was sie bereits kannten, da leugneten sie es. Doch Allahs Fluch lastet auf den Ungläubigen.“ (2:89) Was es mit der Bitte um den Sieg für die Ungläubigen auf sich hat, weiß ich nicht; zweierlei wird jedoch deutlich: es geht um eine Abkehr vom ursprünglichen Glauben und eine Bestätigung der vorhergehenden Offenbarungen.

Besonders auffällig hier: die Abgrenzung aller, „die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer“ (2:62) von den Ungläubigen (2:89), die es zweifelsohne auch unter Juden und Christen gibt. Ausdrücklich wird dies noch einmal in Sure 5 bestätigt: „Wenn das Volk der Schrift glauben würde und gottesfürchtig wäre, wahrlich, Wir deckten ihre Missetaten zu, und wahrlich, wir führten sie in die Gärten der Wonne“ (5:65).

Da sich der Koran nun vor allem als „Rechtleitung für die Gottesfürchtigen“ (2:2) versteht, richtet sich die Mahnung vor allem an Muslime, sich nicht in ebendieser Weise vom Glauben abzuwenden: Als Urbild des Ungläubigen, des Unheilstifters, der das Glaubensbekenntnis im Munde führt, seinen eigenen Dämonen aber im Herzen treu ist. (vgl. 2:8-16)

Und so zeigen sich die Vorwürfe, die gegen die Christen erhoben werden, als Bruch der Offenbarungen und Gebote, die Gott Ihnen in seinen Offenbarungen gegeben hat. Blicken wir zurück: Was waren die bisher formulierten Vorwürfe? – Unglaube (2:6, 2:88), Selbstbetrug (2:9), Unheil stiften (2:9), Anbetung ‚ihrer eigenen Teufel‘ (2:14), Taubheit, Stummheit, Blindheit (2:18), Lüge (2:42), Ungeduld (2:45) und Vernachlässigung des Gebets (2:45), Abkehr vom Glauben (2:54), Leugnung der Botschaft Gottes (2:61), Mord an den Propheten (2:61), Gesetzesbruch (2:61), Abkehr von Gott (2:64), Missachtung des Sabbats (2:65), Mord (2:72, 2:85)), Instrumentalisierung des Wortes Gottes (2:75), Abkehr von den Geboten Gottes (2:83), Vertreibung (2:85). All dies widerspricht dem Gesetz, das Gott in eines jeden Menschen Herz gelegt hat, es widerspricht den Geboten, die Gott im ersten Bund den Söhnen Abrahams und dem jüdischen Volk gegeben hat und widerspricht ebenso den christlichen Geboten und dem grundsätzlichen Doppelgebot der christlichen Gottes- und Nächstenliebe.

Juden, Christen und Muslime müssen sich in gleicher Weise um die Beachtung dieser Gebote bemühen, um den Ansprüchen der Offenbarung Gottes gerecht zu werden..

Der Koran entstand in einer Zeit, in der ein großes Gefälle zwischen arm und reich die Gesellschaft spaltete: deutlicher noch als der heutzutage – selbst in unserer westliche Welt – oftmals unerträgliche „gap between rich and poor“. Einzelne Juden und Christen hatten es sich vermutlich behaglich eingerichtet und nahmen ihre gesellschaftliche Verantwortung nur wenig wahr. Der Islam, sofern er sich als Reformbewegung versteht, die auf dem Juden- und Christentum basiert, fand in den Gebräuchen der Zeit den Hintergrund, vor dem er – sich abhebend – definierte. Nur so können – angesichts der erwähnten Verse – die Passagen, die auf Fehlentwicklungen innerhalb des Juden- und Christentums hinweisen, interpretiert werden.

Urchristliche Gemeinden kannten kein „reich“ und „arm“; vielmehr realisierten sie ihre Lebensweise – ebenso wie die Kibbuzim in Israel – als Gütergemeinschaft – heute würde man sagen – nach kommunistischem Vorbild. Diese exteme Lebensgemeinschaft fordern weder Bibel noch Koran zwingend. Die Sorge um die Armen aber sehr wohl. Um diese wieder zum Ideal zu erheben und zum Auftrag für alle Gläubigen – das ist Teil des Selbstverständnisses der koranischen Gemeinde (hierzu aber an anderer Stelle mehr): „Allah lässt den Zins dahinschwinden; verzinsen wird er aber die Almosen“. (2:276)

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Der Koran im Licht der „Eröffnenden“ Sure (1:1-7)

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen.
Lob sei Allah, dem Weltenherrn.
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen.
Dem Herrscher am Tage des Gerichts.
Dir dienen wir und zu Dir rufen wir um Hilfe.
Leite uns den rechten Pfad.
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.

(Sure 1)

An dieser Stelle geht es also, wie im letzten Beitrag gesagt, um einen Schlüssel zur Lektüre des Koran, und der soll die erste Sure sein.

Die erste Sure lese ich als Gebet. In der Grundform des Gebets kommen grundsätzlich vier Haltungen zum Ausdruck, die die Bereiche ansprechen, welche unseren Glauben ausmachen.

1. Gott zuwenden.

Wir stellen uns bewusst ins Gespräch mit Gott. Christliche Gebete werden in der Regel eingeleitet durch eine (oft sehr kurze) Formel, („Gott.“ „Vater unser.“ oder „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“) Damit öffnen wir uns und treten aus all den Themen, die wir aus dem Alltag mitbringen, in die Wirklichkeit Gottes hinein.

Die erste Sure beginnt (wie nahezu alle anderen Suren) mit der Anrufung „Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen“. Das ist der große Anspruch der Muslime. Nun sprechen wir nicht mehr in unserem Namen, sondern stellen uns unter den Namen Gottes. Ich kann das nur so lesen: Von nun an gelten nicht mehr „meine“ Themen. Unsere Anliegen treten in den Hintergrund zugunsten des Willen Gottes, in dessen Namen ich beten und handeln möchte. Wie im Christentum lese ich diese Stelle als Verpflichtung, dass nicht mein, sondern Gottes Wort aus mir heraus im Gebet sprechen soll.

2. Kommemoration

Daraufhin nehmen christliche Gebete das Heilshandeln Gottes in der Welt in den Blick. Entweder wird an die biblische Überlieferung angeknüpft („Du hast Deinem Volk den Weg durch die Wüste gewiesen“), oder aber Gottes Handeln an uns („Deine Gegenwart umhüllt und durchdringt uns wie die Luft, die wir atmen, ohne die wir nicht leben können.“). Wir bedenken dabei, dass wir stets unter dem Schutz Gottes stehen und immer mit Gott rechnen können.

Auch wenn dies so ausdrücklich in der Fatiha nicht geschieht, kommt dieser Grundgedanke aber dennoch deutlichst zum Ausdruck: Gott wird als „Weltenherr“ angerufen. Dieses Wort bedeutet für mich nur eines: Gott handelt in der Welt. Gott lenkt und führt seine Schöpfung. Nach seinem Gesetz. „Wie sich doch alles fügt“, formuliert Augustinus die Tatsache, dass alles gemäß des Plans Gottes geschieht. „Weltenherr“. Dies bringt es auf den Punkt.

3. Lobpreis und Dank

Die Präsenz Gottes verdient Anerkennung. Es steht uns an, Gott zu loben. „Du bist unsagbar größer, als wir Menschen begreifen, du wohnst im unzugänglichen Licht, und doch bist du uns nahe.“ Bei unserer Neigung, selbst im Zentrum des Lobs zu stehen, ist Demut unser Ansporn. Demut und Selbstbewusstsein gehen bei dem sehr gut zusammen, der loben kann. Ehrlich gemeint. Und bewusst ausgedrückt. (Wer geübt ist im Lob Gottes, dem fällt es übrigens auch nicht schwer, ebenso ehrlich seine Mitmenschen, den Partner, die Kinder, Kollegen und Freunde wertzuschätzen.)

„Lob sei Gott, dem Weltenherrscher, dem Erbarmer, dem Barmherzigen, dem Herrscher am Tage des Gerichts.“ Ein solcher Lobpreis schließt im Übrigen immer auch ein Moment des Dankes mit ein.

4. Bitte

Abschließend beendet in der Regel eine Bitte das Gebet. „Gib, dass wir heute mit Ehrfurcht vor dir stehen und froh werden in deiner Nähe.“ Diese Bitte kann eine Bitte Bitte um Beistand sein; vor allem geht es aber um den persönlichen Weg mit Gott und den Mitmenschen.
„Leite uns den rechten Pfad.
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.“

Leitlinie für die Koranlektüre

Wie auch ein Christ versteht sich der Mensch, der die Fatiha betet, als jemand,
(1.) der sich Gott zuwendet,
(2.) der Gottes und dem Handeln Gottes in der Geschichte gedenkt,
(3.) der Gott preist und ihm dankt
(4.) und Gott bittet, ihn rechtzuleiten.

Dies beschreibt aber nicht nur die Grundhaltung des Gläubigen. Es war darüber hinaus grundsätzlich mein Schlüssel zum Verständnis des Koran. Der Koran, im Lichte der Fatiha gelesen, ist demnach

(1.) Brücke zwischen Gott und Mensch
Wie kann der begrenzte Mensch das unendliche Wesen Gottes zu begreifen versuchen? – Bilder und Vorstellungen über Gott offenbart der Koran.
(2.) Erinnerung an die Wege Gottes mit den Menschen
Gott handelt geschichtlich. Er schickt Engel, Propheten und lenkt die Geschicke der Welt. Der Koran erzählt die Geschichte der Offenbarung Gottes.
(3.) Zeichen der uneinholbaren Größe Gottes
Der Mensch ist dementsprechend darauf verwiesen, Gott als Ursprung und Ziel seines Lebens zu verstehen, …
(4.) Ansporn und Anleitung zum gelungenen Leben.
… und an seinen Geboten auszurichten.

Mit der Fatiha als Richtschnur, ist das Thema des Koran der Weg des Menschen mit Gott.

Herrschaft.
Der Koran ist keine Anleitung für die Installation eines Herrschaftssystems. Herrschaft beschreibt vielmehr das Verhältnis Gottes zu seinen Geschöpfen.

Gesetz.
Der Koran institutionalisiert kein gesellschaftliches Rechtssystems. Gesetze sind die Gesetze Gottes, die Er uns ins Herz schreibt.

Kampf.
Der Koran ist keine Anleitung zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Der Kampf ist vielmehr der alltägliche Kampf, den wir (oft genug auch gegen unseren egoistischen Willen) zu führen haben, um auf Gottes Wegen zu gehen.

Meine Erfahrung mit dieser Lesart

Zusammenfassend lässt sich festhalten: ich habe den Koran gelesen, indem ich
– nur den Text des Korans selber zur Interpretation heranziehe, wo es eben geht,
– auf eine historisch-kritische Methodik verzichte,
– dem Gottesbild von Gott als dem Erbarmer, dem Barmherzigen Vorrang vor anderen gebe und
– die Fatiha als Schlüssel einer Interpretation zu Grunde lege.
(Vgl. den vorangegangenenen Beitrag http://www.christ-koran.de/richtlinien-des-christen-bei-der-lektuere-des-korans-12-3/.)

Es zeigt sich, dass diese Lesart durchgängig schlüssig auf den Koran angewendet werden kann. Vieles, was im Koran im Dunkeln liegt, erschließt sich stimmig, wenn man ihn unter diesen Vorbehalten liest.

Es zeigt sich, dass an vielen Stellen des Koran eine solche Auslegung explizite gefordert wird. An einigen Stellen erklärt der Koran selbst, wie diese zu verstehen sind: nämlich diesem Ansatz entsprechend.

Es zeigt sich, dass oft andere Interpretationen – die in der Schrift Aufrufe zu Hass und Kampf sehen – dem Kontext der Schrift selbst nicht entsprechen und über den ganzen Koran nicht durchzuhalten sind.

Und hier erschließt sich mir das, was Muslime „das Wunder des Koran“ nennen: ein Werk, das in sich geschlossen das ist, was es sein will: „Dieses Buch, daran besteht kein Zweifel, ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen.“ (Sure 2:2)

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Richtlinien des Christen bei der Lektüre des Koran (1:2-3)

Lob sei Allah … Dem Erbarmer, dem Barmherzigen. (1:2-3)

Bei der Lektüre des Korans ergibt sich die Notwendigkeit der Interpretation mit dem Lesen. Ich bin überzeugt, dass Koranlektüre stets auch Interpretationsarbeit bedeutet. Ich glaube nicht, dass man überhaupt in der Lage ist, dieses Werk schlechthin zu lesen: Diese Schrift spricht unmittelbar das Herz eines jeden, der es liest, an. Und findet im Herzen Widerhall. Diese Antwort des Herzens ist letztendlich ja bereits Interpretation.

Zugespitzt kann man vielleicht sagen: niemand kann den Koran „an sich“ lesen; vielmehr liest jeder den Koran „für sich“. Wenn ich als Christ den Koran lese, muss ich mir demnach zunächst Gedanken über den Ansatz meines Verstehens machen, um nicht der Versuchung zu erliegen, ein vorgefärbtes Koranbild auf die Schrift selbst zu übertragen.

Für mich gelten da im wesentlichen vier Richtlinien.

1. Grundlage der Interpretation des Koran ist der Koran.

So einfach das klingt: es ist nicht trivial. Die Koraninterpretation hat im Islam eine große Tradition und wird – ebenso wie die Exegese biblischer Schriften im Christentum – wohl als Kernfach des theologischen Studiums gepflegt. Insofern gibt es zahlreiche – und zum Teil einander widersprechende – Ansätze. Bewusst verzichte ich zunächst darauf, Hintergründe über die Tradition oder zum Beispiel über Hadithe zu Rate zu ziehen. Wenn der Koran im Selbstverständnis des Islam Gottes wortwörtliches Wort ist, dann muss er den Anspruch haben, unmittelbar den einzelnen anzusprechen.

Dies läuft zunächst dem dialogischen Prinzip der Religion zuwider: die (religiöse) Kommunikation geschieht in der Regel von Mensch zu Mensch. Christen „erklären“ einander und Nichtchristen das Christentum, Muslime „erklären“ einander und Nichtmuslimen den Islam. Insofern ist es vielleicht ein Verlust, auf die Zeugnisse von Muslimen zunächst weitgehend zu verzichten. Auch gelingt dies nur zum Teil: denn natürlich spielen Gespräche mit Muslimen immer mit eine Rolle bei meiner persönlichen Lesart.

Im Zweifel jedenfalls – wenn offen ist, wie ein bestimmter Vers zu verstehen ist – soll der Text des Koran selbst Aufschluss geben. Hinweise aus der Schrift haben stets Priorität vor allem Anderen.

2. Ich verzichte auf einen historisch-kritischen Ansatz.

Wir christlichen Theologen interpretieren freilich auch unsere Heilige Schrift. Wir haben dazu einen methodischen Strauß an Untersuchungen kultiviert, mit dem wir den Text intensiv analysieren. So können wir den menschlichen Anteil der Schrift ziemlich genau bestimmen: wer die Autoren waren, welche politischen, gesellschaftlichen oder philosophischen Ansätze sie vertraten. Und wir erkennen ein Stück weit, inwiefern Gott sich in den Schriften offenbart. Kurz: wir analysieren die Bibel als „Gotteswort in Menschenwort“.

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Der sogenannte Textkritische Apparat, eine sehr verkürzte Auflistung unterschiedlicher Versionen der einzelnen Schriftenfunde.
Foto: J. B. aus: Nestle, Aland (ed.), Das Neue Testament: Griechisch und Deutsch. Stuttgart: 26. Aufl., 1984.


Darauf muss ich verzichten aus zwei Gründen:
1. Ich liefe Gefahr, den Koran zu vereinnahmen. Wenn im Islam bei vielen von einer wortwörtlichen Überlieferung des Koran ausgegangen wird, würde ich diesen Ansatz nicht ernst nehmen. Mir als Christ steht es nicht zu, diese christliche Methodik auf den Koran anzuwenden. Zur Zeit nehme ich innerhalb des Islam zur Frage der Methodik eine Debatte wahr. Ich persönlich hielte ich es für spannend, wenn die historisch-kritische Methode auch auf den Koran ausgeweitet würde; ich muss mir das hier allerdings versagen.
2. Der historisch-kritische Ansatz arbeitet intensivst mit dem biblischen Originaltext in griechischer, hebräischer, und (in wenigen Perikopen) aramäischer Sprache. Ich bin des Arabischen nicht mächtig. Deshalb versuche ich erst gar nicht, entsprechende Impulse herauszuarbeiten.

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Der hebräische Text der Bibel.
Foto: J. B. aus: Kittel, Rudolf (ed.), Biblia Hebraica [Stuttgartensia]. Stuttgart: 14. ed., 2002.


3. Gottesbild

Zum Gottesbild habe ich bereits viel in den Beiträgen geschrieben. Unter den neunundneunzig Namen Gottes haben zwei eine besondere Würde, weil sie in der Fatiha (Sure 1, dem Grundgebet der Muslime) an erster Stelle und wiederholt Gott bezeichnen. Der Erbarmer. Der Barmherzige.

Dieses Gottesbild deckt sich in höchstem Maße mit der Vorstellung des Gottes der Liebe im Christentum. Deshalb orientiert sich die Interpretation dort, wo von Gott die Rede ist, an dieser Vorstellung.

4. Al-Fatiha – Sure 1 – „Die Eröffnende“

Sie eröffnet nicht nur als erstgesetzte Sure den Koran, sie eröffnet auch das tägliche Gebet der Muslime. Ich unterstelle meine Interpretation der ersten Sure. Methodisch gehe ich davon aus, dass das, was in Sure 1 der Betende aussagt, der Kern des islamischen Glaubens schlechthin sei: das Ziel sämtlicher Glaubensvollzüge.

Sobald es also um den Weg des Menschen mit Gott geht, und eine Deutung unsicher ist, gewinnt sie dann an Plausibilität, wenn sie übereinkommt mit dieser Ersten Sure. Im letzten Sommer bereits habe ich als folgenden Beitrag erste Impulse zur ersten Sure angekündigt.

Im Folgenden will ich ebendies nun auch tun: in nicht ferner Zukunft folgt als nächster Beitrag eine Annäherung an die Fatiha.

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