Die Gebetsrichtung – sie verbindet und unterscheidet (2:142-153)

Wir sahen dich dein Antlitz ohne bestimmte Richtung zum Himmel kehren, jetzt wollen Wir dich auf eine Qibla (Gebetsrichtung) ausrichten, die dir gefallen soll: Wende dein Gesicht in Richtung auf die unverletzliche Moschee. Und wo immer ihr seid, wendet euer Gesicht in Richtung auf sie. …“ (2:144)

Wir haben in den vorangegangenen Versen erfahren, was zugleich die Mitte des islamischen Glaubens ist: der Glaube an den Einen Gott, der sich Abraham offenbarte, von Ihm gekennzeichnet zu sein und Ihm zu dienen (vgl. 2:138). Zur Zeit Abrahams gab es keine Juden oder Christen, nur den Glauben an den Einen Gott (vgl. 2:140).

Dieser gemeinsame Glaube verbindet Juden, Christen und Muslime.

Nun wenden wir den Blick der individuellen Religion zu. Wenn der Glaube das alle Religionen vereinende ist, so stellt sich die Frage, was den Islam als Religion denn nun unterscheidet. Und da spielt – ebenso wie im Vereinenden – Abraham auch eine Rolle. Auf ihn geht letztlich der Gedanke einer verbindlichen Gebetsrichtung zurück, der Qibla.

Wohin wenden wir demnach beim Gebet den Blick? Im Juden- und Christentum gibt es da durchaus verschiedene Traditionen. Klassisch im Judentum geht der Blick in Richtung des Alten Tempels, nach Jerusalem. Im Christentum sehr bald gen Osten, der aufgehenden Sonne entgegen, die das Symbol der Wiederkunft Christi ist. Aber ebenso wie im Islam ist Gott für Juden und Christen überall zugegen, sodass die Frage der Gebetsrichtung bald keine tragende Rolle mehr spielte. So wurden sehr bald Kirchen unterschiedlich ausgerichtet. Der Angang ist pragmatisch.


Die Gläubigen im Aachener Dom blicken gen Osten. - Berthold Werner (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aachener_Dom_BW_2016-07-09_16-20-40.jpg), Aachener Dom BW 2016-07-09 16-20-40, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode


Die Gläubigen im Aachener Dom blicken gen Osten.
Berthold Werner (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aachener_Dom_BW_2016-07-09_16-20-40.jpg), Aachener Dom BW 2016-07-09 16-20-40, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode


Die Gebetsrichtung für Muslime ist verbindlich. Sie richtet sich zunächst dorthin, wo wir gemeinsam die Nähe Gottes erspüren: nach oben. Ein Gott der uns von oben, vom Himmel her, begleitet, ist unserer menschlichen Natur wohl ins Herz gelegt: nirgends haben wir ein solches Gefühl der Weite, der Unendlichkeit, als wenn wir zum Himmel blickend dort den Unbegrenzten erahnen. Und so geht es auch im Koran zunächst darum, das Antlitz „zum Himmel (zu) kehren“ (2:144); „Allahs ist der Westen und der Osten“ (2:142).

Und nun wird eine verbindliche Gebetsrichtung eingeführt. Sie wird alle Muslime von nun an vereinen. Zum Gebet wendet man sich in Richtung der „Unverwüstlichen Moschee“ (2:144) in Mekka, in deren Zentrum das zentrale Heiligtum des Islam, die Kaaba liegt. Das Entscheidende dabei: die Kaaba versinnbildlicht ganz allgemein den Menschen – der Legende nach ist sie von Adam, der immer schon für den Menschen schlechthin steht. Dann aber auch den Gläubigen Menschen, da sie von Abraham wieder aufgebaut wurde, und den Muslim im Speziellen – Abraham tat dies gemeinsam mit seinem älteren Sohn Ismael.

Wer einfach einmal das Wort ‚Gebetsrichtung’ in Google eingibt, wird zunächst nur Hinweise auf die Qibla im Islam finden. Apps für Mobilgeräte, die die Gebetsrichtung per GPS und Kompass berechnen, Foren, in denen diskutiert wird, ob Gebete auch dann gültig sind, wenn nach aller Abwägung die ermittelte Gebetsrichtung nicht stimmte. Man könnte fast böse formulieren: Im Islam kommt das Gebet nur dann ordentlich bei Gott an, wenn man in die richtige Richtung bete.

Eine solche Auffassung entspricht aber nicht dem, was der Koran beschreibt. Zwei Momente können hier festgehalten werden:

Zum einen ist die Qibla das äußere Zeugnis des Gläubigen für die Annahme des Koran und die Botschaft des ‚Gesandten‘ (Mohammed). Und offenbar wandten sich die Gläubigen zunächst ganz schlicht in die Richtung zum Gebet, in die sich der Prophet wandte. „Und so machten Wir euch zu einem Volk der Mitte, auf dass ihr Zeugen für die Menschen seid. Und der Gesandte wird für euch (vor Allah) Zeuge sein. Und wir setzten die Qibla, die du früher hattest, fest, um zu wissen, wer dem Gesandten folgt und wer auf seinen Fersen eine Kehrtwendung macht.“ (2:143) – Das mag in Richtung Osten sein, das mag in Richtung Jerusalem sein; das mag in Richtung Westen sein – „Allah ist der Westen und der Osten“ (2:142). „Das Volk der Mitte“, ein Volk, das in sich selbst die Mitte trägt, ist in sich das Ziel des Gebets. Das Bild der „Mitte“ bezeichnet jedoch nicht nur einen Ort, sondern auch eine Lebenseinstellung: Weder Prasser noch Asket, weder Ungläubiger noch Glaubensfanatiker. Ein Volk, das in der Mitte lebt, ruht in sich selbst. Auch deshalb ist eine Richtung beim Gebet zunächst keine Notwendigkeit. Die Mitte, der man sich zuwendet, trägt man in sich selbst; insofern bedarf es keiner festen Gebetsrichtung. Macht auf Euren Fersen die Kehrtwendung, folgt dem Gesandten, und Ihr habt die rechte Richtung. Dem Gesandten zu folgen fällt schwer, aber nicht dem, den Gott leitet.


Markierung der Qibla in einem Hotel in Ägypten. - Quelle: Wikipedia (en.wikipedia.org, gemeinfrei)


Markierung der Qibla in einem Hotel in Ägypten.
Quelle: Wikipedia (en.wikipedia.org, gemeinfrei)


Jedoch erweist sich diese Regelung als schwierig: auch der Gesandte ist ein Mensch. Die Richtung des Gebets soll aber nicht zum Gesandten führen, sondern zu Gott, der den Menschen (Adam) geschaffen, der sich Abraham geoffenbart und der Ismael erwählt hat. Wenn also das Gebet der „Unverletzlichen Moschee“ zugewandt geschehen soll, dann ist das der äußere Ausdruck dafür, dass das Gebet Gott (und nicht dem Gesandten) zugewandt gebetet werden soll. Das äußere Geschehen spiegelt somit die innere Hinwendung zu Gott.
Macht auf euren Fersen eine Kehrtwendung, aber nicht hin zum Gesandten, sondern, ihm folgend, Gott entgegen. Die Qibla ist der äußere Ausdruck des Inneren Gebets.


In den Moscheen zeigt die Gebetsnische (Mihrab) die Qibla an, wie hier in der Hagia Sophia. - Radomil (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haga_Sofia_RB5.jpg), Haga Sofia RB5, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode


In den Moscheen zeigt die Gebetsnische (Mihrab) die Qibla an, wie hier in der Hagia Sophia.
Radomil (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haga_Sofia_RB5.jpg), Haga Sofia RB5, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode


Ein Zweites: Wie zunächst die gemeinsame Gebetsrichtung mit dem Gesandten die Gemeinde ausgemacht hat, so ist es jetzt die gemeinsame Ausrichtung auf Mekka hin. Die Qibla ist äußerer Ausdruck für den eigenen Weg, den eine sich etablierende Religion geht. Äußere Zeichen sind identitätsstiftend. In ihr unterscheiden sich Muslime von Juden und Christen. „Denen, welchen die Schrift gegeben wurde, könntest du jegliches Zeichen bringen, sie würden doch deiner Qibla nicht folgen. Die einen von ihnen folgen nicht der Qibla der anderen. Und wahrlich, wenn du ihren Neigungen folgen würdest, … dann wärst du fürwahr einer der Ungerechten.“ (2:145) „Und jeder hat eine Richtung, nach der er sich kehrt.“ (2:148) Ja, der Koran sieht es sogar als ein Übel an, dass Juden und Christen das Gebet nicht konsequent auf ihre Richtung hin ausrichten: „Sie, denen Wir die Schrift gaben, kennen sie, wie sie ihre Kinder kennen: Wahrlich ein Teil von ihnen verbirgt die Wahrheit, obwohl sie sie kennen. Die Wahrheit ist von deinem Herrn; sei daher keiner der Zweifler.“ (2:146)

Die Gebetsrichtung zeigt also beides zugleich an: das die Religionen Judentum, Christentum und Islam verbindende, die Hinwendung zu Gott, und das die Religionen trennende, die sie unterscheidende und identtätsstiftende Gebetsrichtung.

Zugleich wird eine doppelte Mahnung an die Gläubigen ausgesprochen. Die eine Gefahr ergibt sich aus dem Verwässern des äußeren Zeichens. Im Alltag ist es nicht immer einfach, den Blick in Richtung Mekka zu wenden. Wie orientiert man sich, wenn man nicht in einer Moschee, sondern in der freien Landschaft betet? Wenn der Himmel bedeckt und kein Kompass zur Hand ist? Zahlreiche Apps zeugen von der Schwierigkeit, sich in Richtung Mekka hin auszurichten. Es bedarf einiger Disziplin, die rechte Richtung auszumachen. Hier warnt der Koran: „O ihr, die ihr glaubt! Sucht Hilfe in Standhaftigkeit und Gebet; siehe, Allah ist mit den Standhaften.“ (2:153)


Das Gebet wird stets auf die Kaaba in Mekka hin ausgerichtet. - Quelle: Wikipedia (en.wikipedia.org, gemeinfrei)


Das Gebet wird stets auf die Kaaba in Mekka hin ausgerichtet.
Quelle: Wikipedia (en.wikipedia.org, gemeinfrei)


Ein zweiter Gedanke ist maßgeblich und deutet auf eine vielleicht innere Gefahr hin: die Abwendung von Altvertrautem, von der Hinwendung nach Jerusalem, provoziert und irritiert. Wie soll ein ‚Volk der Mitte‘, des Ausgleichs, der Mäßigung, mit der Gefahr eines unheilvollen Wettstreits der Gebetsrichtungen umgehen? Die Antwort ist ebenso bestechend wie einfach: führt nicht den Wettstreit um die Gebetsrichtung! „Und jeder hat eine Richtung, nach der er sich kehrt. Wetteifert daher miteinander in guten Werken. Wo immer ihr seid, Allah wird euch allesamt zu Ihm zurückbringen. Siehe, Allah hat Macht über alle Dinge.“ (2:148)

Gott wird uns allesamt zu Ihm zurückbringen. Vor dem Kontext sind damit eindeutig Muslime wie die, denen „die Schrift gegeben wurde“ (2:145) gemeint.

In der Gebetsrichtung sind wir unterschieden. In der Ausrichtung auf Gott hin, der der Westen und der Osten ist, sind wir einander verbunden. Das ist die Lehre der Qibla.

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Fundamentaltheologie (2:127-141)

Und sie sprechen: ‚Werdet Juden oder Christen, damit ihr rechtgeleitet seid.‘ Sprich: ‚Nein; die Religion Abrahams, der den rechten Glauben bekannte und kein Götzendiener war (ist unsere Religion).“ (2:135)

Dem Menschen ist es ins Herz gelegt, die Grenzen des Körperlichen gedanklich zu überschreiten. Ein Beispiel: Bereits Grundschüler befassen sich mit einer Wirklichkeit, die es in der Natur nicht gibt, indem sie mit Zahlen rechnen. Das Konzept der Mathematik ist ein gedankliches. Äpfel kann man zählen, jedoch abstrahieren Zahlen die Zählbarkeit und schaffen eine Wirklichkeit, die es „draußen“ nicht gibt. Diese Wirklichkeit hat etwas mit der Zahl der Dinge gemein: immerhin liegen, wenn ich sieben und drei Äpfel nehme, zuletzt zehn Äpfel vor mir auf dem Tisch. Jedoch gilt „7+3=10“ unabhängig von allen Äpfeln, Stiften und Sonnen, die man zählen könnte. Sie gilt sogar auch dann, wenn es kein Subjekt mehr gibt, keinen Menschen, der sie denken könnte. Der Mensch denkt das sinnlich nicht erfahrbare.

Um sich die Welt des Nichterfahrbaren zueigen machen zu können, hat sich der Mensch Gedanken gemacht: sein Geist erschuf und erschafft Welten, Götter, Vorstellungen, Regeln, Ideen, Visionen. Und das ganz unabhängig davon, ob er nun religiös ist, oder nicht. Der Impuls, über das Nachweisbare hinaus zu denken, ist jedem Menschen gegeben.

Und damit die Frage, ob allem profan Seienden eine Wirklichkeit zu Grunde liege, die außerhalb derselben liege.

Diese Frage haben die Menschen in ihrer jeweiligen Zeit unterschiedlich beantwortet. Überall auf der Welt, zahlreiche Kulturen übergreifend, finden sich Schöpfungsmythen, die erzählten, wie die Welt entstand. Bei den Maori ebenso, wie bei amerikanischen Ureinwohnern, Kelten, Indern, Griechen und Römern, Inuit und Germanen.

Menschen, die in ihrer Zeit an ihrem Ort geboren werden, leben, und dort auch sterben, finden in den Mythen, Götter- und Schöpfungsgeschichten, in ihren Werten und Religionen die Möglichkeit, diese allem zu Grunde liegende Wirklichkeit zu reflektieren.

Unsere Wirklichkeit heute ist jedoch schwieriger. Wir werden zwar in eine Religion hineingeboren, werden vielleicht beschnitten, getauft, feiern unsere Bar/Bat Mitzwa, werden konfirmiert, unterziehen uns dem Upanayana oder feiern die Jugendweihe. Wir lernen religiöse Werte kennen. Wir lernen gesellschaftliche Werte kennen. Wir vergleichen, gleichen ab, finden – zwangsläufig – unseren eigenen Wertekanon, den wir vertreten.

Nahmen Menschen früherer Generationen schlicht die Religion und Weltanschauung ihrer Familien oder Gesellschaft an, so stehen wir heute einer ganz anderen Herausforderung gegenüber.

Statt in einer Welt der Religion, leben wir heute in einer Welt der Religionen.

Jeder einzelne ist gezwungen, sich zu entscheiden: Welche gesellschaftlichen Werte vertrete ich? Welche religiösen Werte? Sind beide Canones kompatibel? Passen zum Beispiel die Werte der Aufklärung, des Humanismus zu meiner religiösen Einstellung? Wie gehe ich mit Widersprüchen um?

Falls ich mich für eine Religion entscheide, ist die nächste Herausforderung der Umgang mit einem Widerspruch, dem sich jeder ausgeliefert sieht: „Meine“ Religion ist lediglich eine Religion in der Welt der Religionen. Einerseits erhebt sie den Anspruch auf Wahrheit. Andererseits steht sie im Diskurs mit anderen Religionen, die ebenso ihren Wahrheitsanspruch vertreten.

Dies ist im Übrigen auch die Herausforderung, wenn sich neue Religionen gründen bzw. gegründet werden. Oft sind diese auch Reformbewegungen aus einer Religion heraus. Wie das Christentum, was in seinen Ursprüngen eindeutig eine eine zutiefst frühjüdische Bewegung war und ist.

Die grundsätzliche Frage ist: Wie geht man mit einer Vielfalt an religiösen Vorstellungen um?

Der Umgang mit religiöser Vielfalt ist hier angesprochen. In der Theologie gab es früher das Fach „Apologetik“. Das griechische Wort apología bedeutet soviel wie ‚Verteidigung‘. Ziel der Apologetik war die Rechtfertigung des (christlichen) Glaubens mit Vernunftgründen vor dem Wahrheitsanspruch der anderen Religionen sowie einer nichtreligiösen Umwelt. Der Versuch, Gott mit Vernunftgründen zu beweisen, steckt ebenso dahinter, wie jener Versuch, andere Religionen mit Vernunftgründen zu widerlegen.

Letztlich sind die apologetischen Ansätze gescheitert. Keine Religion kann sich rein aus Vernunftgründen als wahr (Gottesbeweise), als einzig wahr (Offenbarungsbeweis) und als wahr im Gegensatz zu allen anderen Religionen (Widerlegung) erweisen.

Die Verse 2:127-141 befassen sich mit dem Thema der religiösen Vielfalt. Ein Satz begegnet uns hier, der auf den ersten Blick apologetisch wirkt: „Glauben sie demnach, was ihr glaubt, so sind sie rechtgeleitet. Wenden sie sich jedoch ab, dann sind sie Abtrünnige, und Allah wird dir gegen sie genügen; Er ist der Hörende, der Wissende“ (2:137). Der Zusammenhang zeigt jedoch, dass es um etwas ganz anderes, als Ablehnung und Widerlegung geht. Die gesamte Stelle ist hoch aktuell.

Jedoch: – Weder kann die Wahrheit der eigenen noch die Falschheit der anderen Weltreligionen bewiesen werden.

Deshalb gibt es in der aktuellen Theologie das Fach „Apologetik“ nicht mehr – es wurde abgelöst durch ein Fach, das den Namen ‚Fundamentaltheologie‘ trägt.

Die Fundamentaltheologie stellt sich allgemein die Frage, wie Religion grundsätzlich funktioniert. Dies nicht im Sinne der ‚Vergleichenden Religionswissenschaften‘, die die Religionen wie gesellschaftswissenschaftliche Phänomene analysieren. Vielmehr aus der Position einer Religion (und zwar bei uns der christlichen Religion) heraus. Der Blick geht dabei in zwei Richtungen:

1. Nach innen. Wie begründet sich und wie begründen wir eigentlich unser Christsein? Was macht uns und unsere Werte aus? Wie lassen sich unsere weltanschaulichen und Glaubensthemen zur Sprache bringen, vermitteln? Wie können wir mit Unterschieden im Glauben der Angehörigen unserer Religion umgehen? Wie kommen unsere menschliche Erfahrung, unser Wissen und unsere Werte einerseits sowie unsere Religion mit ihrer Offenbarung andererseits zusammen?

2. Nach außen. Was verbindet uns mit nichtreligiösen Menschen? Mit Gläubigen anderer Religionen? Was unterscheidet uns? Wie kommt es zu Unterschieden? Und wie können wir uns in der Vielfalt der Religionen positionieren?

Diese Fragen sind absolut relevant. Der Umgang mit religiöser Vielfalt wird insbesondere dann wichtig, wenn religiös motiviert Konflikte ausgetragen werden. Und die Antwort des Korans ist erfreulich aktuell.

Grundsätzlich gibt es zahlreiche Möglichkeiten, mit religiöser Vielfalt umzugehen. Zu nennen sind hier unter anderem der Fundamentalismus („Nur wir sind im Recht.“), die Vorstellung von religiöser Beliebigkeit („Alle Religionen haben irgendwie recht.“), der Agnostizismus („Ob Gott existiert und wie er existiert ist nicht nachzuweisen, darum mache ich mir keine Gedanken darüber.“), der Atheismus („Ich glaube nicht an die Existenz (eines) Gottes.“), der Synkretismus (Vermischung von Glaubensinhalten unterschiedlicher Religionen) innerhalb einer Religionsgemeinschaft oder als Privatreligion (individueller Synkretismus).

Die oben genannten Ansätze sind allesamt problematisch. Ihnen ist gemein, dass sie den Wahrheitsanspruch der Religionen nicht ernst nehmen.

Die Botschaft des Koran deutet einen Weg an, der damals wohl erfolgreich war, und sich heute sehr zeitgemäß liest und eine Alternative andeutet. Ausgangspunkt ist, wie wir gesehen haben (Beitrag Abraham) die Geschichte. Abraham und Ismael nahmen den Glauben an Gott an. Von Abraham ausgehend wird die Verheißung des Propheten Mohammed angedeutet. „Und als Abraham und Ismael die Grundmauern des Hauses legten, sprachen sie: ‚O unser Herr! Nimm es von uns an. Siehe, Du bist der Hörende, der Wissende. O unser Herr, mache uns Dir ergeben und aus unserer Nachkommenschaft eine Gemeinde Gottergebener. Und zeige uns unsere Riten und kehre Dich uns zu; denn siehe: Du bist der Vergebende, der Barmherzige. O unser Herr! Erwecke unter ihnen einen Gesandten, der ihnen Deine Botschaft verkündet und sie die Schrift und die Weisheit lehrt und sie reinigt; siehe, Du bist der Mächtige, der Weise.‘“ (2:127-129). Was auch zuvor schon den Koran auszeichnete, wird im folgenden offensichtlich: „Und wer, außer dem, der töricht ist, verschmäht die Religion Abrahams? Fürwahr, Wir wählten ihn in dieser Welt aus, und, wahrlich, im Jenseits gehört er zu den Rechtschaffenen. Als sein Herr zu ihm sprach: ‚Ergib Dich (Mir)!‘, sprach er: „Ich gebe mich völlig dem Herrn der Welten hin.“ Und Abraham legte es seinen Kinder ans Herz. Und Jakob (sprach:) ‚O meine Kinder! Siehe, Allah hat euch den Glauben erwählt; so sterbt nicht ohne Gottergebene zu sein.‘ Oder wart ihr Augenzeugen, als Jakob der Tod nahte? Da sprach er zu seinen Söhnen: ‚Was werdet ihr nach mir anbeten?‘ Sie sprachen: ‚Anbeten werden wir deinen Gott und den Gott deiner Väter Abraham und Ismael und Isaak, den einzigen Gott, und ihm sind wir völlig ergeben.‘ Jenes Volk ist nun Vergangenheit. Mit ihm wurde nach seinem Verdienst und mit euch wird nach euerem Verdienst verfahren. Und ihr werdet nicht für ihr Verhalten verantwortlich gemacht.“ (2:130-134)

Wodurch ist also der Umgang mit Pluralität gekennzeichnet? Was sagen diese Zeilen? Und was ist die Religion Abrahams? Sie ist Gottergebenheit und Anbetung des Einen Gottes, der sich den Vätern bereits geschichtlich offenbarte.

Religion äußert sich demnach nur in der Ausübung im Einhalten bestimmter Rituale und Glaubensformen, sondern in der persönlichen Haltung des Gläubigen. Gottergebenheit und Anbetung: das macht den Glauben aus. Und durch den Glauben an den Einen Gott, der sich Abraham offenbarte, wird man gläubig. Und darin sind dann Juden und Christen mit eingeschlossen.

Das relativiert nun gerade nicht das Individuelle und das Besondere an jeder einzelnen Religion, denn den Rahmen des Glaubens machen die religiösen Gebräuche, Gebote und Riten aus. Dazu aber an späterer Stelle mehr.

In der Literatur der deutschen Aufklärung ist Gotthold Ephraim Lessings Drama ‚Nathan der Weise‘ diesem Gedanken sehr nahe. Die Handlung spielt Ende des 12. Jahrhunderts, zur Zeit des 3. Kreuzzugs. Juden, Christen und Muslime stehen teils mit Argwohn, teils als Feinde, teils als Freunde einander gegenüber; zuletzt erweist sich, dass zwei Hauptpersonen – die jüdische Frau Recha und der christliche Tempelherr – die Kinder des muslimischen Bruders des Fürsten Saladin sind. Als Sinnbild für die Verwandtschaft der drei Religionen.


Maurycy Gottlieb - Recha begrüßt ihren Vater Nathan. Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)


Maurycy Gottlieb – Recha begrüßt ihren Vater Nathan. Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)


Der Adoptivvater der Recha, der Jude Nathan, erzählt dem Fürsten Saladin die sogenannte ‚Ringparabel‘: ein Vater – er steht für Gott – vererbt seinen drei Söhnen – den Gläubigen – drei goldene Ringe – die Religionen. Die Söhne zerstreiten sich, welcher von ihnen nun den echten Ring des Vaters übertragen bekommen habe. Nachdem die Brüder sich bekämpft haben, soll ein Richter entscheiden, welcher Sohn den originären Ring bekommen habe. Der Richtspruch lehrt die Brüder den rechten Umgang mit dem Konflikt: es gebe keine Möglichkeit, zu entscheiden, welcher Ring der wahre Ring des Vaters sei; womöglich sei er verloren, und der Vater habe für jeden der Brüder einen eigenen Ring gemacht. Neben dem Richtspruch mag aber ein Rat den Brüdern helfen:

Geht nur! – Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. – Möglich; dass der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden wollen! – Und gewiss;
Dass er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. – Wohlan! 
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf‘! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! – So sagte der
Bescheidne Richter.

(Lessing, Nathan der Weise, 3. Aufzug, 7. Auftritt)

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Adieu, AfD. Tschüss, Trump. Bye-bye, Brexiteers.

Ich verabschiede mich nun aus dem Diskurs in Twitter. Das fällt mir nicht leicht, …

*Ich freue mich sehr darüber, dass Der Volksverpetzer meinen Beitrag veröffentlicht hat. Euch einen herzlichen Dank!*

facebook: Volksverpetzer
facebook: Volksverpetzer-Community Twitter: @volksverpetzer

Jörg https://t.co/6a9QNoulHA

Bye bye Trump-Fans, Brexiteers & AfDler: Warum ich nicht mehr mit euch diskutiere

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Abraham – Vater des Glaubens (2:120-132)

O unser Erhalter! Mache, dass wir uns Dir ergeben, und mache aus unseren Nachkommen eine Gemeinschaft, die sich Dir ergeben wird, und zeige uns unsere Weisen der Anbetung, und nimm unsere Reue an: denn wahrlich, Du allein bist der Reueannehmende, der Gnadenspender!“ (2:128)

Der niederländische Sänger, Komponist und Musikproduzent Pierre Kartner wurde Ende der 70er Jahre bekannt durch sein „Lied der Schlümpfe“. Der Inhalt dieses Liedchens ist nicht weiter von Belang; ich werde das Video im folgenden Kommentar verlinken. Mir geht es um den Namen, unter dem Kartner auftrat: als „Vader Abraham“, also „Vater Abraham“ in niederländischer Sprache.

Die Begriffe „Vater“ und „Abraham“ sind in unserem christlich-jüdischen Bewusstsein eng miteinander verbunden; im Namen Abraham schwingt der „Vater“ immer gleich ein wenig mit.

Vater der Vielen

Der Name selbst ist ein hebräischer Name. Avraham bedeutet übersetzt „Vater der Vielen“. (Möglicherweise ist das auch die Bedeutung der arabischen Fassung Ibrahim? Wer mitliest und arabisch beherrscht: magst Du kurz in einem Kommentar Auskunft geben? – Ich würde mich freuen, lieben Dank!)

Vater der Vielen – der Name wurde ihm von Gott verliehen, verbunden mit einer Landverheißung an seine Nachkommen. Er gilt als der erste der drei „Patriarchen“ des Buchs Genesis; ein Wort, gebildet aus dem griechischen Wort „pater“ (Vater) und „arche“ (Ursprung, Anfang und Herrschaft). „Vater der Vielen“, „Vater des Ursprungs“, aber auch „Vater der Herrschaft“. Gemeint ist damit: Vater der Völker.

Vater dreier Religionen

Seine Söhne und Enkel sind die Erzväter von Völkern: sein Sohn Isaak mit seinen Urenkeln die Gründer der 12 Stämme Israels, sein Sohn Ismael der Stammvater der Araber, Mohammed selbst einer seiner Nachfahren. Im Islam wird Abraham unter die Propheten gezählt. Auch der Stammbaum Jesu geht in den unterschiedlichen Überlieferungen einheitlich auf David und Abraham zurück.

Jede der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam hat eigene Gestalten, die besondere Bedeutung für sie haben. Aber wir erkennen alle gemeinsam Abraham als Stammvater an.

Vater des Glaubens

Abraham gilt als unser Stammvater aber nicht in erster Linie, weil wir alle unsere Abstammungslinie auf ihn zurückführen – für Christen und nichtarabische Muslime gilt diese ja ohnehin nicht.

Der Schlüssel findet sich in der Überlieferung der jüdischen und christlichen Religion: „Und er [Abraham] glaubte an den Ewigen [Gott], und der rechnete es ihm als Tugend an.“ (Gen 15,6) Der Glaube – entgegen aller Widrigkeiten, Wahrscheinlichkeiten und Berechenbarkeiten – ist der Grund für die Verheißungen Gottes an ihn.

Im christlichen Teil der Bibel wird genau der Gedanke aufgegriffen. „Und was sagen wir denn von Abraham, unserm leiblichen Stammvater? Was hat er erlangt? Das sagen wir: Ist Abraham durch Werke gerecht, so kann er sich wohl rühmen, aber nicht vor Gott. Denn was sagt die Schrift? ‚Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden‘.“ (Röm 4, 1-2)

Politische Herrschaft – Tempelgründer – Staatsgründer

Im Koran wird zunächst ein anderes Abrahambild gezeichnet. Zunächst wird Abraham als Anführer genannt: „Und (gedenkt:) als sein Erhalter (Gott) Abraham prüfte mit (Seinen) Geboten und der letztere sie erfüllte, sagte Er: ‚Siehe, ich werde dich zu einem Anführer der Menschen machen‘.“ (2:124) Im Arabischen wird das Wort „Imam“ gebraucht, was sowohl Vorbeter, als auch Anführer bedeuten mag, also offen ist für eine liturgisch-religiöse oder politische Bezeichnung. Jedenfalls scheinen es aber eher als der Glaube die Erfüllung von Geboten zu sein, die Abrahams Bedeutung begründen. Geht es also doch um äußere, statt um Glaubensvollzüge?

Auf den ersten Blick schon; allerdings steht der Beginn dieser Abrahamepisode in einem narrativen Zusammenhang, der erst zum Ende seine eigentliche Auflösung findet. Und der weitere Verlauf zeigt eindeutig: Es gibt einen tiefen Grund dafür, dass Abraham die Gebote einhält. Seine Gebotstreue gründet viel tiefer, als in der offensichtlichen Oberflächlichkeit des schlicht Handelnden.

Im Verlauf der Erzählung gründen Abraham und Ismael das Heiligtum Gottes, wohl in Jerusalem, die Grundmauern des Tempels (2:125 und 2:127). Das ist zwar die Handlung, aber auch noch nicht der narrative Höhepunkt der Perikope.

Es folgt eine Landverheißung: das Land soll seine Bewohner ernähren. (2:126) Damit schließt der Koran an die biblischen Verheißungen an.

Glaube

Die diese Episode abschließenden Verse bilden den wahren Höhepunkt der Erzählung. Sie zeigen eindeutig, dass nur eines die Stellung Abrahams begründet: sein Glaube. Und dass nur eines seinen Nachfolgern gilt: es ihm im Glauben gleichzutun.

Bereits zuvor ist schon eindeutig gesagt, dass es nur um den Glauben, und nicht um Führung geht; auch ist vom Bund hier die Rede: „Abraham fragte: ‚Und auch aus meinen Nachkommen (wirst Du Anführer machen)? (Gott) antwortete: ‚Mein Bund schließt nicht die Übeltäter ein‘.“ (2:124)

Der Vorrang des Glaubens wird in den Abschlussversen einprägend geschildert. Sie brauchen keine weitere Erläuterung, sondern schließen selbsterklärend die Erzählung und Weisung ab. Der zentrale Gedanke: der reinste Glaube und die Ergebung in den Willen Gottes ist alles, was zählt.

O unser Erhalter! Mache, dass wir uns Dir ergeben, und mache aus unseren Nachkommen eine Gemeinschaft, die sich Dir ergeben wird, und zeige uns unsere Weisen der Anbetung, und nimm unsere Reue an: denn wahrlich, Du allein bist der Reueannehmende, der Gnadenspender! … Und wer, außer er wäre schwachen Geistes, würde das Glaubensbekenntnis Abrahams aufgeben wollen, angesichts dessen, dass Wir ihn fürwahr in dieser Welt erhöht haben und er wahrlich im kommenden Leben unter den Rechtschaffenen sein wird? Als sein Erhalter zu ihm sagte: ‚Ergib dich Mir!‘ – antwortete er: ‚Ich habe mich (Dir) ergeben, dem Erhalter aller Welten.‘ Und ebendies vermachte Abraham seinen Kindern, und (ebenso) Jakob: ‚O meine Kinder! Seht, Gott hat euch den reinsten Glauben gewährt; so erlaube nicht dem Tod, euch zu ereilen, ehe ihr euch Ihm ergeben habt‘.“ (2:128, 130-132)


Abraham bereitet seinen Sohn für die Opferung vor, Gabriel greift im letzten Augenblick ein. Darstellung aus einer türkischen Handschrift des 16.-17. Jahrhundert. Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)


Abraham bereitet seinen Sohn für die Opferung vor, Gabriel greift im letzten Augenblick ein. Darstellung aus einer türkischen Handschrift des 16.-17. Jahrhundert. Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)


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Thread in 4religion.de

Moin!

Ich habe gerade entdeckt, dass in einem sehr interessanten Forum, 4religion.de, mein Blog Anlass zu einem sehr interessanten Thread war, der im Sommer letzten Jahres lief.

Ausgehend von meinem Ansatz wurde – kontrovers, kritisch, ehrlich und fundiert – von den Diskutierenden das Verhältnis der Religionen besprochen.

Was mir dabei deutlich wurde, ist die Vielfalt innerhalb einer jeden Religion.

„Christen sagen …“, „Muslime denken …“, „Buddhisten sind …“: Sätze, die so anfangen werden zumeist der Vielschichtigkeit der Religionen nicht gerecht. Für „uns“ Christen kann ich es formulieren: Christen ticken völlig unterschiedlich. Und das ist es auch, was uns gemeinsam ist.

Wer Lust hat, einmal nachzulesen: http://www.4religion.de/viewtopic.php?f=13&t=3669&sid=36b1de958b3a458388ca95f38b8308ef

Herzlich,

Jörg

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Spiritualität: die Innerlichkeit des Glaubens (2:118-121)

Siehe, Gottes Rechtleitung ist die einzig wahre Rechtleitung.“ (2:120)

Wir hatten bereits den doppelten Ansatz des Korans in den Blick genommen. Für die folgenden Verse ist er besonders bedeutend und wird deshalb noch einmal ausdrücklich formuliert: „Wahrlich, wir haben dich (o Prophet) gesandt mit der Wahrheit, als Überbringer froher Kunde und Warner … .“ (2:119) Also:

1. Der Koran ist Rechtleitung für die Gläubigen (vgl. 2:2).

2. Dann aber mahnt er die Gläubigen vor Gefahren, die mit dem Glauben einhergehen. Somit wird der Gedanke der Verse 2:6 ff. weitergeführt. Wenn von den „Ungläubigen“ die Rede ist, geht es nicht in erster Linie um die Ungläubigen; vielmehr geht es immer um Gefahren, die die Gläubigen selbst bedrohen. Die Sünde der Leute der Schrift, wie wir gesehen haben, liegt nicht an der Beachtung der Schrift, sondern genau an deren Nichtbeachtung.

Die Gefahren und die Sünden, die z. B. Christen begehen, drohen eben auch muslimische Gottergebene zu korrumpieren. Allen Voran der Impuls, Unruhe zu stiften. (2:6 ff.)

Die Innerlichkeit des Glaubens

Bei den Versen 2:118-121 ist das offensichtlich. Die Sünde hier: die Menschen erwarten „Zeichen“, also Wunder Gottes, bevor sie glauben. Der Grund für diese Sünde wird im Folgenden erläutert: „Jene, denen Wir die göttliche Schrift gewährt haben, und die ihr folgen, wie ihr gefolgt werden soll – es sind sie, die wahrhaft an sie glauben; während alle, die es vorziehen, ihre Wahrheit zu leugnen – es sind sie, welche die Verlierer sind.“ (2:121) Also: Glaube heißt, den Blick auf Gott und Gottes Botschaft in den Heiligen Schriften zu wenden. Gläubig ist, wer Gott in seiner Offenbarung sucht.

Anders gesagt: nicht Wunder, Gottesbeweise oder heroische Taten in der Geschichte offenbaren die Wirklichkeit Gottes. Vielmehr ist es die persönliche Begegnung des Gläubigen mit Gott. Ein anderer Begriff dafür: Spiritualität. Dass Glaube nicht eine Sache äußerer Gottesbeweise ist, sondern immer einer inneren Haltung entspringt, machen die Verse deutlich: „Fürwahr, Wir haben alle Zeichen offenkundig gemacht für Leute, die mit innerer Gewissheit versehen sind.“ (2:118)

Ersatz für den innerlichen Glauben?

Wir haben bereits über das Gerangel zwischen den drei Religionen Gottes – Judentum, Christentum und Islam – in den vorangegangenen Beiträgen gesprochen. Die Botschaft auch dieser Verse (vgl. 2:120) greift diesen Gedanken auf. Keine Fürsprache von christlichen, jüdischen oder muslimischen Gottergebenen wird diese persönliche und innere Erfahrung Gottes ersetzen können. „Und bleibt euch bewusst (des Kommens) eines Tages, da kein Mensch einem anderen im geringsten nutzen wird, noch Auslösung von irgendeinem von ihnen angenommen werden wird, noch Fürsprache von irgendeinem Nutzen für sie sein wird, und keinem beigestanden werden wird.

Im Christentum gibt es den Gedanken der Fürsprache in Bezug auf das Heil: zeitliche Strafen für Sünden können durch Fürsprache von liebenden Hinterbliebenen genommen werden; Messen werden zur Tilgung zeitlicher Strafen für Verstorbene gelesen. Auch und vor Allem der Ablass als kirchlichem Gnadenakt zur Erlassung zeitlicher Strafen muss hier genannt werden. Was im Gnadengedanken seinen Ursprung hat, konnte leicht ausgenutzt werden, um genau die Innerlichkeit des Glaubens durch äußerliche Akte und ein entsprechendes Denken zu missbrauchen – bis hin zum institutionalisierten Missbrauch, der seinen Höhepunkt im Ablasshandel fand.

Weisung und Mahnung

Grundbotschaft des Korans hier ist also: glaube innerlich. Die Schriften sind Bürgen für Gott. Wer die Offenbarungen Gottes liest und nach ihnen handelt ist Gott nahe.

Wer allerdings auf Äußeres (Wunder und Zeichen) setzt, ist ebenso Gott ferne, wie der, der den persönlichen inneren Glauben durch Glaubensakte zu ersetzen sucht. Keine Tat, keine Fürsprache, vor allem kein äußerlicher religiöser Fanatismus ist ein Ersatz für innerlichen Glauben. Die Gläubigen werden in diesen Koranversen deutlich vor diesem Irrschluss gewarnt. Der Bezug zum Beginn der Sure mit der Charakterisierung des „Unruhestifters“ als Paradigma des Ungläubigen (er führt Gott, Gott, Gott im Munde und wendet sich, sobald er alleine ist, seinen eigenen Dämonen zu; vgl. 2:6 ff.) ist hier offensichtlich.

Nicht menschliche, sondern, „Siehe, Gottes Rechtleitung ist die einzig wahre Rechtleitung.“ (2:120)


Jean-Léon Gérôme, Das Gebet (1865). Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)


Jean-Léon Gérôme, Das Gebet (1865). Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)


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Glaube und Unglaube (2:108-117)

Preis sei ihm! (…) Ihm gehört, was in den Himmeln und auf Erden ist: alles gehorcht Ihm. Er ist der Schöpfer der Himmel und der Erde, und wenn Er eine Sache beschließt, spricht er nur zu ihr: ‚Sei!‘, und sie ist.“ (2:116-117)

Aus dem Gesagten (vorangegangener und vorletzter Beitrag) deutet sich also an, was in unserem Zusammenhang Unglaube bedeutet:

Unglaube ist die bewusste Entfernung von Gott. Und konkreter noch: Ungläubig ist der Mensch, der anstelle des „Schau-auf-uns“-Gottes das Zerrbild eines „Favorisiere-uns“-Gottes setzt. Ersterer ist der, von dem wir bekennen: „Gott ist unerreichbar groß / größer“ (Allahu akbar), als wir ihn denken könnten. Letzterer ist der Götze, von dem wir mit dem Mund predigen: „Gott ist so und so“ – ein Bild, das unsere Imaginationskraft befriedigt, aber letztlich unserer Phantasie entspringt.

Was also macht in diesem Sinne den Unglauben aus? – Jener ist Gott fern, der sein eigenes Gottesbild als das einzig wahre verkündet. Ausdrücklich beschreibt der Koran diese Gefahr:

1. Zunächst unter den eigenen Leuten. („Oder wollt ihr eueren Gesandten ausfragen, wie Moses seinerzeit ausgefragt worden war? Wer aber den Glauben mit dem Unglauben vertauscht hat, der ist schon vom ebenen Weg abgeirrt.“ 2:108)

2. Dann auch bei Juden und Christen. („Und sie sprechen: ‚Ins Paradies treten ausschließlich Juden oder Christen ein.‘ Dies sind ihre Wünsche. Sprich: ‚Bringt eueren Beweis bei, wenn ihr die Wahrheit zu sagen glaubt.‘“ 2:111)

Dies ist Unglaube in seiner reinsten Form, das Ziel allen Götzendienstes: Favorisiere uns! (vgl. 2:113) Es gibt für diese eine Antwort: „Allah wird unter ihnen am Tag der Auferstehung über das richten, worin sie uneins sind.“ (2:113) Ich persönlich bin davon überzeugt: Alle, die sich uneins waren und alle Gläubigen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, alle Zweifler, alle Menschen werden erkennen: Gott ist noch unendlich mal größer, als unsere Worte und Gedanken Ihn hätten fassen können. Und dann werden alle auch wissen, wie kleinlich sich aller Streit um das Wesen Gottes gestaltet hat.

Gott selbst bleibt unbewegt von dem: „Und Allah ist der Westen und der Osten. Daher: Wohin ihr euch wendet, dort ist Allahs Angesicht. Siehe, Allah ist allumfassend und wissend.“ (2:115)

Der Gegenentwurf des Zerwürfnisses: Wendet Euch Allah zu. „Schau auf uns!“ Der Glaube ist die Sprache des Liebenden. „Und verrichtet das Gebet und zahlt die Steuer. Was ihr Gutes für Euere Seelen voraussendet, das werdet ihr bei Allah finden. Siehe, Allah sieht, was ihr tut.“ (2:110) „In der Tat, wer auch immer sich Allah hingibt und Gutes tut, der hat seinen Lohn bei seinem Herrn; und keine Furcht kommt über sie, und sie werden nicht traurig sein.“ (2:112) Am Anfang steht die Hingabe, das Gebet. Nicht als fromme Pflichtübung, sondern als zeichen dessen, der sich von Allah angeschaut weiß. Die Steuer zu zahlen und Gutes zu tun ist ebenso eine natürliche Folge dieser Hingabe, wie der Lohn, der ganz schlicht ist: „sie werden nicht traurig sein“.

Wer sich also von Gott erkannt weiß, der wird nicht streiten, sondern sowohl Gott als auch den anderen Menschen mit Vertrauen begegnen. Der Lohn (2:112): er liegt allein bei Gott.


Giorgione - Die drei Philosophen (1505). Quelle: Wikipedia


Giorgione – Die drei Philosophen (1505). Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)


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Der Schlüssel (2:98-112)

O ihr, die ihr glaubt! Sprecht nicht: ‚Favorisiere uns!‘, sondern sprecht: ‚Schau auf uns!‘, und gehorcht (…).“ (2:104)

Wir haben gesehen: wer von der Offenbarung spricht, läuft Gefahr, die falschen Engel zu predigen. Und das nicht unbedingt aus bösem Willen heraus, sondern auch schlichtweg aus Unwissenheit. „Und fürwahr, für Schlimmes verkauften sie ihre Seelen. O, dass sie es nur wüssten!“ (2:102)

Was ist aber nun legitime Rede über die Offenbarung, und was ist falsche Rede?

Zwei Hinweise haben wir im vorangegangenen Absatz bereits erhalten: Zauberei und das, „womit man Zwietracht zwischen Mann und Frau stiftet“ (2:102), wobei offen ist, ob „Mann und Frau“ bedeutet: Zwietracht zwischen den Menschen oder ob konkret Zwietracht zwischen z. B. Eheleuten gemeint ist.

Dies ist aber noch sehr unkonkret, und die Mahnung, keine Zwietracht zu säen mag hilfreich sein, angesichts der Komplexität zwischenmenschlicher Konflikte jedoch praktisch kaum Hilfe.

Der Koran wäre wohl nicht der Koran, wenn er nicht unmittelbar im Kontext dieses Abschnitts den Schlüssel klar und unmissverständlich böte.

Wann verkehrt sich die Lehre des Koran also ins Gegenteil, was sind ‚aufgehobene Verse‘, und wann liegt ein rechtes Verständnis vor? „O ihr, die ihr glaubt! Sprecht nicht: ‚Favorisiere uns!‘, sondern sprecht: ‚Schau auf uns!‘, und gehorcht (…).“ (2:104)

Sprecht nicht: ‚Favorisiere uns!‘“ (2:104)

In der Schulzeit sagte mal ein Mitschüler zu mir: „Christen sind nicht besser, sie haben es besser!“ – Gemeint war die Gewissheit eines zukünftigen Platzes im Himmelreich.

Allein für Privilegien Christ zu sein ist der falsche Weg, weil dieses Denken in seiner Wurzel egozentrisch, wenn nicht gar egoistisch ist.

Als Jesus von seinen eifrigen Jüngern gefragt wurde, wer im Himmelreich (von ihnen) der größte sei, da „rief er ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.“ (Mt 18, 1-5)

Genau dies ist auch das Selbstbild des Glaubenden im Koran. Nicht meine Position, meine Privilegien, die Tatsache, dass ich in die verheißenen Gärten einziehe, ist wichtig, auch nicht meine Leistung, sondern dass – ganz schlicht – Gott auf mich schaut.

Konkret: Wenn junge Leute für politische Zwecke gewonnen werden, unter dem Versprechen, dass nach ihrem Tod Gärten für sie bereitet seien, der greift ein Bild des Koran – die Gärten – auf und vermischt es mit den Zielen seiner eigenen Dämonen. Diese Jagd auf Menschen entlarvt sich in der Grundhaltung: niemand, weder Verführer noch Verführte, tun irgendetwas aus dem Geist „Schau auf uns!“ heraus, sondern ausschließlich aus dem Geiste: „Favorisiere uns!“ Der Attentäter, der heute eine Gruppe unschuldiger mit sich in den Tod gerissen hat, tat dies in der Erwartung, nun, nach dem Tod, Gutem zu begegnen. „Favorisiere uns!“ war wohl seine Motivation. Er, ein Verführter und einer unter denen, denen man zuruft: „Hätten sie das doch gewusst!“ (2:103) Die Verführer in ihrer Suche nach Macht, ebenso unter dem Banner „Favorisiere uns!“ Ihnen geht es in zweiter Linie nur um eine Herrschaft Gottes; zunächst geht es ihnen wohl um die eigene Position innerhalb dieser. Sie sind es, von denen gesagt wird: „Von ihnen lernte man, womit man Zwietracht zwischen Mann und Frau stiftet.“

Kreuzzüge, Diktaturen, Hetze gegen „andere“, Kolonialisierungen: die Räderwerke der Grundhaltung „Favorisiere uns!“ funktionieren in allen Kulturen, Religionen und Gesellschaften.

Schau auf uns!“ (2:104)

In meiner damaligen Heimatstadt, Aachen, fand 1986 der Katholikentag statt. Dort begegnete ich in einem Forum „Geistliche Berufung“ Priestern und Mönchen, die über ihre besondere Berufung referierten. Ein Benediktinermönch sagte da sinngemäß: „Es heißt, unsere Berufung misszuverstehen, wenn wir Ordensleute und Priester als die besseren Christen dastünden. Menschen, die unseren Weg nicht gehen, sind ebensogute Christen, wie wir. Glauben Sie mal nicht, dass wir bei Gott in höherem Ansehen stünden, als irgendein anderer Mensch. Ich begreife unsere Aufgabe als eine Aufgabe, einen besonderen Dienst, der uns, wie es dem Begriff Dienst entspricht, zu Dienern macht. Vielleicht haben wir Theologen und Kirchenmänner viel über Gott gelernt, üben uns täglich im Gebet, versuchen, unser Leben an Gott auszurichten. Und dennoch: ein ganz einfacher Mensch, der ganz schlicht die Ahnung hat, dass es Gott vielleicht gibt, und ein kleines Gebet von Herzen an Gott richtet: er mag Ihm näher sein, als wir es je waren.“

Für Leistung gibt es Privilegien. Gott will aber keine Leistung. „Schau auf uns!“ Das ist die Grundhaltung des Christen. und ebenso – das beschreibt der Koran unzweideutig – des Muslims.

Privilegien vergeben Könige, Herrscher und vielleicht der Chef im Unternehmen. „Schau darauf, was ich getan habe! Und zahle mir den Erfolg aus!“, sagt der, der abhängig von der Gunst ebendieser ist.

„Schau auf mich!“ sagt dagegen der Liebende. „Sieh mich an!“: das ist der Beginn einer Liebesgeschichte, und ebenso wie das Christentum ist dies auch der Islam: eine Liebesgeschichte des Menschen mit Gott.

Die drei Abrahmischen Religionen sind Religionen der Liebe. „Sieh mich an!“ ist die Forderung eines Liebenden. Im Artikel „Religion der Liebe“ schrieb ich: Die „Liebe scheint durchgängig im Koran durch“.

Oft werden Koranstellen im Diskurs auf schwierige Inhalte hin besprochen; in Bezug auf 2:98 ff. wird so getan, als gehe es darum, Koranstellen als „aufgehoben“ zu erklären. Die eigentliche Tiefe der Aussage geht in diesen Diskursen verloren; das Eigentliche wird von Beiläufigem überdeckt.


Demut im Gebet: 'Schau auf uns!' - Gottesdienst in der türkischen Moschee, Berlin 1931. Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-11243 / CC-BY-SA 3.0


Demut im Gebet: ‚Schau auf uns!‘ – Gottesdienst in der türkischen Moschee, Berlin 1931. Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-11243 / CC-BY-SA 3.0


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„Aufgehobene“ Verse? (2:98-112)

Was Wir auch an Versen aufheben oder in Vergessenheit fallen lassen: Wir bringen bessere oder gleichwertige dafür. (…).“ (2:106)

Die Verse 2:97-112 stehen in direktem Zusammenhang mit den vorhergehenden. Das Thema ist weiterhin die Offenbarung. Diesmal aber wird der Missbrauch der Offenbarung und deren Verfälschung thematisiert.

Dies geschieht wieder einmal vor dem Hintergrund der zu Anfang der Sure skizzierten Ursünde; wir erinnern uns: der ‚Unruhestifter‘. Sie führen Gott im Munde, sobald sie aber unter sich sind, wenden sie sich den eigenen Dämonen zu (vgl. 2:8-14).

Als Feinde Gabriels, der die Offenbarung dem Propheten vermittelte, sind sie Feinde der Offenbarung:“Sooft sie ein feierliches Versprechen geben, will dann nicht ein Teil von ihnen es verwerfen? Ja, die meisten von ihnen glauben nicht. Und als zu ihnen ein Gesandter von Allah kam, ihre Offenbarung bestätigend, da warf ein Teil jener, denen die Schrift gegeben worden war, Allahs Buch über die Schulter, als ob sie es nicht kennten. Und sie folgten dem, was die Satane in Salomos Reich vorbrachten. (…)“ (2:100-102)

Sind die ‚Teufel‘, denen sich die Unruhestifter zuwenden, mit diesen ‚Satanen‘ gemein? Möglicherweise; jedenfalls geht es auch hier um einen Gegenentwurf zur Offenbarung Gottes, der durch die Unruhestifter im Reich Salomos verbreitet wird.


Salomon trifft die Königin von Saba; Relief von Lorenzo Ghiberti an der bronzenen Paradiespforte des Baptisteriums in Florenz, 1425ff. Quelle: Wikipedia


Salomon trifft die Königin von Saba; Relief von Lorenzo Ghiberti an der bronzenen Paradiespforte des Baptisteriums in Florenz, 1425ff. Quelle: Wikipedia


Was fällt auf? – Es ist nicht angedeutet, dass sie die Schrift als solche und die Offenbarung Gottes verfälschten und korrumpierten: „Nicht, dass Salomo ungläubig war, vielmehr waren die Satane ungläubig, indem sie den Menschen Zauberei lehrten und was auf die beiden Engel in Babylon, Harut und Marut, herabgekommen war.“ (2:102)

Und die Satane, die da sprechen, bekommen im Folgenden menschliche Züge. Es scheint fast, als ob die Satane durch Menschen sprechen, die auffällige Parallelen zu den Unruhestiftern aufweisen. „(…) Doch lehrten sie keinen, ohne zuvor zu sagen: ‚Wir sind nur eine Versuchung: sei daher kein Ungläubiger!‘ Von ihnen lernte man, womit man Zwietracht zwischen Mann und Frau stiftet. Doch konnten sie ohne Allahs Erlaubnis niemandem damit schaden. Sie lernten von den beiden [den falschen Engeln Harut und Marut], was ihnen schadete und nichts nützte; und sie wussten wohl, dass, wer sich solches aneignet, keinen Anteil am Jenseits hat. und fürwahr, für Schlimmes verkauften sie ihre Seelen. O, dass sie es nur wüssten!“ (2:102)

Zweierlei muss also festgehalten werden:

1. Die Sünde dieser Verse besteht in zweierlei „Verfälschung“ der Offenbarung: zum Einen darin, dass der Unruhestifter Zauberei lehrt; zum anderen darin, dass er Zwietracht stiftet.

2. Die Sünde besteht nicht darin, dass die Offenbarung Gottes ‚umgeschrieben‘, also das Wort Gottes verändert würde. Weder in Bezug auf die ersten Offenbarungen der Bibel, noch in Bezug auf den Koran.

Offensichtlich geht es also um falsche Lehren, die außerhalb der Offenbarung Gottes nicht die Schrift, sondern die Menschen, die ihnen glaubten, korrumpierten.

Die Heiligen Schriften können für vieles herhalten: man kann mit Bibel und Koran herumzaubern, man kann Interpretationen liefern, mit denen man Unfrieden begründen kann, Unruhe stiften, Zwietracht säen kann. Das Ergebnis sind Zaubersprüche, Irrlehren, falsche Verse.

Man braucht nur in der Bibel und im Koran aufmerksam zu lesen, um zu entdecken, welche Botschaften der Dämonen Harut und Marut falsch sind. Das, was durch bewusste Fehlinterpretation der biblischen und koranischen Offenbarung Unruhe gebracht hat, all die Verse jenseits der Offenbarung, Zauberei, all dies wird durch die Offenbarung selbst aufgehoben.

Was Wir auch an Versen aufheben oder in Vergessenheit fallen lassen: Wir bringen bessere oder gleichwertige dafür.“ (2:106)

Aus dem Zusammenhang wird deutlich: Gottes Offenbarung, wie sie in der Bibel überliefert ist, wird durch den Koran bestätigt (vgl. 2:89). Die Offenbarung entlarvt den Missbrauch ihrer selbst. Falsche Lehre wird durch die Schrift selbst aufgehoben.

Aus dem Zusammenhang ist völlig eindeutig herauszulesen, dass hier nicht gemeint sein kann, dass Verse des Korans oder der Bibel aufgehoben werden. Vielmehr geht es um jene falschen Lehren der Zauberei und Zwietracht, die in 2:102 so treffend beschrieben wurden.

Das zu wissen ermöglicht uns im folgenden, den eigentlichen Höhepunkt und die großartige Lehre dieses Abschnitts zu verstehen.

Dazu im folgenden Beitrag der kommenden Woche.

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Gegenstroemungen – Querdenker erleben

Meinem Blogger-Kollegen Miguel Grandt durfte ich in seinem Podcast-Projekt „Gegenstroemungen – Querdenker erleben“ ein Interview geben. Hier der Link:

http://www.gegenstroemungen.com/podcast/2015/6/8/gs003-jrg-p-belden-bildungsreferent

Zum Podcast: www.gegenstroemungen.com

Ich freue mich (auch dort) über Kommentare!

Jörg

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