Die Gebetsrichtung – sie verbindet und unterscheidet (2:142-153)

Wir sahen dich dein Antlitz ohne bestimmte Richtung zum Himmel kehren, jetzt wollen Wir dich auf eine Qibla (Gebetsrichtung) ausrichten, die dir gefallen soll: Wende dein Gesicht in Richtung auf die unverletzliche Moschee. Und wo immer ihr seid, wendet euer Gesicht in Richtung auf sie. …“ (2:144)

Wir haben in den vorangegangenen Versen erfahren, was zugleich die Mitte des islamischen Glaubens ist: der Glaube an den Einen Gott, der sich Abraham offenbarte, von Ihm gekennzeichnet zu sein und Ihm zu dienen (vgl. 2:138). Zur Zeit Abrahams gab es keine Juden oder Christen, nur den Glauben an den Einen Gott (vgl. 2:140).

Dieser gemeinsame Glaube verbindet Juden, Christen und Muslime.

Nun wenden wir den Blick der individuellen Religion zu. Wenn der Glaube das alle Religionen vereinende ist, so stellt sich die Frage, was den Islam als Religion denn nun unterscheidet. Und da spielt – ebenso wie im Vereinenden – Abraham auch eine Rolle. Auf ihn geht letztlich der Gedanke einer verbindlichen Gebetsrichtung zurück, der Qibla.

Wohin wenden wir demnach beim Gebet den Blick? Im Juden- und Christentum gibt es da durchaus verschiedene Traditionen. Klassisch im Judentum geht der Blick in Richtung des Alten Tempels, nach Jerusalem. Im Christentum sehr bald gen Osten, der aufgehenden Sonne entgegen, die das Symbol der Wiederkunft Christi ist. Aber ebenso wie im Islam ist Gott für Juden und Christen überall zugegen, sodass die Frage der Gebetsrichtung bald keine tragende Rolle mehr spielte. So wurden sehr bald Kirchen unterschiedlich ausgerichtet. Der Angang ist pragmatisch.


Die Gläubigen im Aachener Dom blicken gen Osten. - Berthold Werner (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aachener_Dom_BW_2016-07-09_16-20-40.jpg), Aachener Dom BW 2016-07-09 16-20-40, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode


Die Gläubigen im Aachener Dom blicken gen Osten.
Berthold Werner (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aachener_Dom_BW_2016-07-09_16-20-40.jpg), Aachener Dom BW 2016-07-09 16-20-40, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode


Die Gebetsrichtung für Muslime ist verbindlich. Sie richtet sich zunächst dorthin, wo wir gemeinsam die Nähe Gottes erspüren: nach oben. Ein Gott der uns von oben, vom Himmel her, begleitet, ist unserer menschlichen Natur wohl ins Herz gelegt: nirgends haben wir ein solches Gefühl der Weite, der Unendlichkeit, als wenn wir zum Himmel blickend dort den Unbegrenzten erahnen. Und so geht es auch im Koran zunächst darum, das Antlitz „zum Himmel (zu) kehren“ (2:144); „Allahs ist der Westen und der Osten“ (2:142).

Und nun wird eine verbindliche Gebetsrichtung eingeführt. Sie wird alle Muslime von nun an vereinen. Zum Gebet wendet man sich in Richtung der „Unverwüstlichen Moschee“ (2:144) in Mekka, in deren Zentrum das zentrale Heiligtum des Islam, die Kaaba liegt. Das Entscheidende dabei: die Kaaba versinnbildlicht ganz allgemein den Menschen – der Legende nach ist sie von Adam, der immer schon für den Menschen schlechthin steht. Dann aber auch den Gläubigen Menschen, da sie von Abraham wieder aufgebaut wurde, und den Muslim im Speziellen – Abraham tat dies gemeinsam mit seinem älteren Sohn Ismael.

Wer einfach einmal das Wort ‚Gebetsrichtung’ in Google eingibt, wird zunächst nur Hinweise auf die Qibla im Islam finden. Apps für Mobilgeräte, die die Gebetsrichtung per GPS und Kompass berechnen, Foren, in denen diskutiert wird, ob Gebete auch dann gültig sind, wenn nach aller Abwägung die ermittelte Gebetsrichtung nicht stimmte. Man könnte fast böse formulieren: Im Islam kommt das Gebet nur dann ordentlich bei Gott an, wenn man in die richtige Richtung bete.

Eine solche Auffassung entspricht aber nicht dem, was der Koran beschreibt. Zwei Momente können hier festgehalten werden:

Zum einen ist die Qibla das äußere Zeugnis des Gläubigen für die Annahme des Koran und die Botschaft des ‚Gesandten‘ (Mohammed). Und offenbar wandten sich die Gläubigen zunächst ganz schlicht in die Richtung zum Gebet, in die sich der Prophet wandte. „Und so machten Wir euch zu einem Volk der Mitte, auf dass ihr Zeugen für die Menschen seid. Und der Gesandte wird für euch (vor Allah) Zeuge sein. Und wir setzten die Qibla, die du früher hattest, fest, um zu wissen, wer dem Gesandten folgt und wer auf seinen Fersen eine Kehrtwendung macht.“ (2:143) – Das mag in Richtung Osten sein, das mag in Richtung Jerusalem sein; das mag in Richtung Westen sein – „Allah ist der Westen und der Osten“ (2:142). „Das Volk der Mitte“, ein Volk, das in sich selbst die Mitte trägt, ist in sich das Ziel des Gebets. Das Bild der „Mitte“ bezeichnet jedoch nicht nur einen Ort, sondern auch eine Lebenseinstellung: Weder Prasser noch Asket, weder Ungläubiger noch Glaubensfanatiker. Ein Volk, das in der Mitte lebt, ruht in sich selbst. Auch deshalb ist eine Richtung beim Gebet zunächst keine Notwendigkeit. Die Mitte, der man sich zuwendet, trägt man in sich selbst; insofern bedarf es keiner festen Gebetsrichtung. Macht auf Euren Fersen die Kehrtwendung, folgt dem Gesandten, und Ihr habt die rechte Richtung. Dem Gesandten zu folgen fällt schwer, aber nicht dem, den Gott leitet.


Markierung der Qibla in einem Hotel in Ägypten. - Quelle: Wikipedia (en.wikipedia.org, gemeinfrei)


Markierung der Qibla in einem Hotel in Ägypten.
Quelle: Wikipedia (en.wikipedia.org, gemeinfrei)


Jedoch erweist sich diese Regelung als schwierig: auch der Gesandte ist ein Mensch. Die Richtung des Gebets soll aber nicht zum Gesandten führen, sondern zu Gott, der den Menschen (Adam) geschaffen, der sich Abraham geoffenbart und der Ismael erwählt hat. Wenn also das Gebet der „Unverletzlichen Moschee“ zugewandt geschehen soll, dann ist das der äußere Ausdruck dafür, dass das Gebet Gott (und nicht dem Gesandten) zugewandt gebetet werden soll. Das äußere Geschehen spiegelt somit die innere Hinwendung zu Gott.
Macht auf euren Fersen eine Kehrtwendung, aber nicht hin zum Gesandten, sondern, ihm folgend, Gott entgegen. Die Qibla ist der äußere Ausdruck des Inneren Gebets.


In den Moscheen zeigt die Gebetsnische (Mihrab) die Qibla an, wie hier in der Hagia Sophia. - Radomil (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haga_Sofia_RB5.jpg), Haga Sofia RB5, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode


In den Moscheen zeigt die Gebetsnische (Mihrab) die Qibla an, wie hier in der Hagia Sophia.
Radomil (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haga_Sofia_RB5.jpg), Haga Sofia RB5, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode


Ein Zweites: Wie zunächst die gemeinsame Gebetsrichtung mit dem Gesandten die Gemeinde ausgemacht hat, so ist es jetzt die gemeinsame Ausrichtung auf Mekka hin. Die Qibla ist äußerer Ausdruck für den eigenen Weg, den eine sich etablierende Religion geht. Äußere Zeichen sind identitätsstiftend. In ihr unterscheiden sich Muslime von Juden und Christen. „Denen, welchen die Schrift gegeben wurde, könntest du jegliches Zeichen bringen, sie würden doch deiner Qibla nicht folgen. Die einen von ihnen folgen nicht der Qibla der anderen. Und wahrlich, wenn du ihren Neigungen folgen würdest, … dann wärst du fürwahr einer der Ungerechten.“ (2:145) „Und jeder hat eine Richtung, nach der er sich kehrt.“ (2:148) Ja, der Koran sieht es sogar als ein Übel an, dass Juden und Christen das Gebet nicht konsequent auf ihre Richtung hin ausrichten: „Sie, denen Wir die Schrift gaben, kennen sie, wie sie ihre Kinder kennen: Wahrlich ein Teil von ihnen verbirgt die Wahrheit, obwohl sie sie kennen. Die Wahrheit ist von deinem Herrn; sei daher keiner der Zweifler.“ (2:146)

Die Gebetsrichtung zeigt also beides zugleich an: das die Religionen Judentum, Christentum und Islam verbindende, die Hinwendung zu Gott, und das die Religionen trennende, die sie unterscheidende und identtätsstiftende Gebetsrichtung.

Zugleich wird eine doppelte Mahnung an die Gläubigen ausgesprochen. Die eine Gefahr ergibt sich aus dem Verwässern des äußeren Zeichens. Im Alltag ist es nicht immer einfach, den Blick in Richtung Mekka zu wenden. Wie orientiert man sich, wenn man nicht in einer Moschee, sondern in der freien Landschaft betet? Wenn der Himmel bedeckt und kein Kompass zur Hand ist? Zahlreiche Apps zeugen von der Schwierigkeit, sich in Richtung Mekka hin auszurichten. Es bedarf einiger Disziplin, die rechte Richtung auszumachen. Hier warnt der Koran: „O ihr, die ihr glaubt! Sucht Hilfe in Standhaftigkeit und Gebet; siehe, Allah ist mit den Standhaften.“ (2:153)


Das Gebet wird stets auf die Kaaba in Mekka hin ausgerichtet. - Quelle: Wikipedia (en.wikipedia.org, gemeinfrei)


Das Gebet wird stets auf die Kaaba in Mekka hin ausgerichtet.
Quelle: Wikipedia (en.wikipedia.org, gemeinfrei)


Ein zweiter Gedanke ist maßgeblich und deutet auf eine vielleicht innere Gefahr hin: die Abwendung von Altvertrautem, von der Hinwendung nach Jerusalem, provoziert und irritiert. Wie soll ein ‚Volk der Mitte‘, des Ausgleichs, der Mäßigung, mit der Gefahr eines unheilvollen Wettstreits der Gebetsrichtungen umgehen? Die Antwort ist ebenso bestechend wie einfach: führt nicht den Wettstreit um die Gebetsrichtung! „Und jeder hat eine Richtung, nach der er sich kehrt. Wetteifert daher miteinander in guten Werken. Wo immer ihr seid, Allah wird euch allesamt zu Ihm zurückbringen. Siehe, Allah hat Macht über alle Dinge.“ (2:148)

Gott wird uns allesamt zu Ihm zurückbringen. Vor dem Kontext sind damit eindeutig Muslime wie die, denen „die Schrift gegeben wurde“ (2:145) gemeint.

In der Gebetsrichtung sind wir unterschieden. In der Ausrichtung auf Gott hin, der der Westen und der Osten ist, sind wir einander verbunden. Das ist die Lehre der Qibla.

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1 Antwort zu Die Gebetsrichtung – sie verbindet und unterscheidet (2:142-153)

  1. Francesco sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich denke es ist hilfreich, den historischen Kontext stets im Auge zu behalten. Die „Offenbarungen“ des AT, NT und Koran liegen teilweise Jahrhunderte auseinander und spiegeln natürlich die jeweiligen soziokulturellen/politischen/witschaftlichen Bedingungen. Was Ihnen gemeinsam ist im weitesten Sinne ist eine grundlegend antike Weltsicht. z.B. geozentrische Kosmologie, hierarchische Ordnung der Welt, Patriarchat etc. Das sollte anbei allen (harmonisierenden) Auslegungsversuchen aus der Weltsicht des 21. Jhs heraus nicht vergessen, mit berücksichtigen. Beste Grüße

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