Der Eine Gott (2:38)

„Ich glaube an den Einen Gott.“ Das ist das grundlegende Glaubensbekenntnis des Christentums.
„… Er ist der Eine Gott, Allah, der Absolute.“ (112:1-2) bekennt jede Muslima und jeder Muslim. Dieser Gott ist Einer. Punkt. Kein „Aber“.

Dieser Gott ist ganz Eins. In sich ruhend. Unbegrenzt. Unveränderlich.

Menschen sind zerrissen, finden sich in immer neuen Rollen wieder, als liebende Familienväter, strenge Vorgesetzte, zärtliche Liebhaber, von Gier oder Verschwendungssucht getriebene Konsumenten, freundliche Nachbarn, aggressive (oder rücksichtsvolle) Autofahrer.

Gott ist der Eine unveränderliche Gott (denn wer veränderlich ist, kann nicht absolut, sondern muss an Umstände gebunden sein).

Aber der Koran sagt auch: Gott ist der Erbarmer, der Barmherzige, der Richtende, der Herrschende. Neunundneunzig Namen Gottes kennt der Koran.

Ich finde hier zwei Aspekte Gottes, die auch im Koran bezeugt sind: Gott, der In-Sich-Ruhende, der Absolute auf der einen Seite. Dann auch Gott, der in Bezug zur Schöpfung steht, der nach außen wirkt. Er hat alles geschaffen, er führt jeden Menschen auf seinem Weg und ist zuletzt der Richter aller Menschen.

Für endliche Wesen wäre dies ein Widerspruch in sich: ruhend und zugleich handelnd. In Gott, so stellte der Theologe und Philosoph Nikolaus von Kues (Cusanus) fest, fallen die Gegensätze zusammen. Ein Mensch kann nicht immer zugleich barmherzig UND gerecht sein. Gott kann dies. Ein Mensch kann nicht zugleich völlig in sich gekehrt UND der Welt zugewandt sein. Gott kann dies.

Und nichts anderes, als diese Erkenntnis, ist das , was in unserem Gottesbild „Gott-Vater“ und „Gott-Sohn“ genannt wird. Der eine Gott als zugleich in-sich-ruhender Gott und dann aber auch als Schöpfer, als gestaltender Gott.

Missverständlich ist dabei einzig die Begrifflichkeit. Diese beiden „Seiten“ Gottes nennen wir „Vater“ und „Sohn“, und lösen damit – nach innen ebenso, wie nach außen – Verwirrung aus. Die Begriffe sind schlicht in Analogie zu Familienstrukturen gewählt, bezeichnen aber in keiner Weise eine Art „Vaterschaft“ oder „Sohnschaft“. Gott hat also weder einen Vater, noch einen Sohn. Gott ist der Eine. Der Eine Gott, der das in sich gekehrte, absolute und auf der anderen Seite das schöpferische Moment in sich selbst einschließt.

Und damit beide Aspekte nicht- wie bei einem in sich zerrissenen Menschen – nebeneinander stehen, braucht es noch ein drittes, „Vater“ und “Sohn“ verbindendes Element. Und dieses dritte Moment erhält den Namen – und auch dies ein bloßer Name -„Heiliger Geist“.

Alles, was Theologen aussagen, ist ohnehin nur ein Bild für die unaussprechliche Wirklichkeit Gottes. Das wahre Wesen Gottes kann keine im Endlichen verhaftete Sprache erfassen, der hundertste Name Gottes bleibt uns verborgen, Meere voller Tinte würden nicht reichen, den wahren himmlischen Koran zu schreiben. Also: sprechen wir Christen weiter in BILDERN über Gott.

Das Bild, das sich Augustinus machte, geht von der Selbsterkenntnis Gottes aus: Gott ist der Wissende, hat alle Erkenntnis, also muss er auch sich selbst erkennen. Da Gott aber Vollkommen ist, muss diese, seine Selbsterkenntnis, ebenfalls vollkommen (und damit existent) sein – und gleichzeitig in ihm selbst eingebunden. Der EINE Gott ist somit zugleich der Erkennende und der Erkannte. Gott „Vater“ und Gott „Sohn“. Wie aber auch menschliche Liebe nie sich selbst genügt, sondern sich immer, neben dem „Ich“ und dem „Du“, auch nach außen mitteilen will, so muss Gott, der die Liebe IST auch noch ein drittes Element in sich bergen. Und dieses ist der „Heilige Geist“. Anders: wenn Gott nicht nur Liebe HAT, sondern die Liebe IST, dann muss in ihm das „Ich“, das „Du“ und das „Andere“ eingeschlossen sein. So ist Gott natürlich EINER. Gott „Ich“, der Vater, Gott „Du“, der „Sohn“ und „Gott der sich mitteilt“, der „Heilige Geist“.

Ganz klar: im Koran ist stets und ausdrücklich nur von dem Einen Gott die Rede. Aber wie ist zu verstehen wenn (zum Beispiel) in Vers 2:38 steht: „Wir sprachen: ‚Fort mit Euch, allesamt! Und wenn zu Euch Rechtleitung von Mir kommt, wer dann meiner Rechtleitung folgt, über die soll keine Furcht kommen, und sie sollen nicht traurig sein. …‘ – “ Wer ist es, der sich zunächst mit „Wir“, dann mit „Mir“ benennt?

Natürlich kein trinitarischer (dreifaltiger) Gott. Natürlich kann der Plural als Majestätsplural aufgefasst werden, oder aber Gott und die Engel einbeziehen. Aber vielleicht scheint dort doch die Grundidee eines „Wir“-Gottes ein wenig durch, des Einen Gottes mit hundert Namen?

Vielleicht sind Muslimen unsere Bilder von Gott zu durchdacht, zu hypothetisch, zu unklar. Die Theologischen Erwägungen sind, wenn man sie noch genauer betrachtet, noch viel „durchdachter“, noch komplexer und schwieriger zu verstehen und das Ergebnis sehr ausgefeilter akademischer Diskussionen. Ja: die Unterschiedlichkeit der Bilder mussten sogar als theologischer Vorwand für eine Kirchentrennung herhalten (wer’s genauer wissen will, kann mal nach „Filioque“ googeln).

Das deutsche Wort „zeugen“ meint in der Theologie eben den Ausgang von „Sohn“ und „Heiligem Geist“ aus dem „Vater“. Wenn in Sure 112 das Wort „zeugen“ jedoch im Sinne einer wortwörtlichen Vaterschaft gedeutet wird, kann ich als Christ mit allen Muslimen mitbekennen:

„Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen! Sprich: „ ‚Er ist der Eine Gott, Allah, der Absolute. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und es gibt keinen, der Ihm gleicht.‘ -“ (Sure 112)

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4 Kommentare zu Der Eine Gott (2:38)

  1. Mustafa sagt:

    Schöner Beitrag!
    Nur eine Kleinigkeit: Das mit den 99 Namen im Qur’an stimmt nicht, ist nur ein „Mythos“ bzw. häufige Falschinfo. Siehe Eslam:
    http://www.eslam.de/begriffe/n/neunundneunzig_schoenste_namen.htm

    Alles Gute!

  2. Auch die Zuhörer des Markus sind Heidenchristen, sie haben allerdings keinen großen Bedarf an Legenden. Daher fasst sich Markus kurz, verzichtet auf die Erfindung von Kindheitsgeschichten und stellt gleich den Mann vor, der in seiner Sicht das Unheil der Welt überwindet – durch seine sehr persönliche Beziehung zu Gott: Gott ist sein „Vater“ und Gott betrachtet ihn als „seinen geliebten Sohn“ (1,11; so etwas muss für die Anwesenden bei der Taufe Jesu spürbar gewesen sein, sofern sie die Gabe zu solchem Spüren hatten, also wenigstens für Jesus und für Johannes). Als solcher vermag er, den Menschen das Reich Gottes zu zeigen, sie der Hand des Satans zu entreißen und mit Gott zu versöhnen, auch wenn die Menschen – zunächst – in dem Sohn den Vater nicht erkennen können, trotz aller Zeichen, die er ihnen gibt.

  3. Gottlieb sagt:

    Hallo Jörg, bei allem nötigen Respekt, ich glaube da ist etwas unklar, nicht ganz korrekt? Du sagst:

    „Das deutsche Wort „zeugen“ meint in der Theologie eben den Ausgang von „Sohn“ und „Heiligem Geist“ aus dem „Vater“.“

    Ist es laut katholischer Glaubenslehre nicht eher so, dass der Vater als einziger „ungezeugt“ ist, der Sohn vom Vater ewig gezeugt wird, und der heilige Geist aus Vater UND Sohn ausgeht? Also der Sohn wird explizit „gezeugt“ (nur vom Vater!), der heilige Geist „geht hervor“ (aus Vater UND Sohn).

    Und der heilige Geist ist „offiziell“ weder gezeugt noch ungezeugt. Und zwar mit der Begründung, dass wenn der heilige Geist „ungezeugt“ wäre, es zwei „Väter“ (Ungezeugte) in der Trinität gäbe … und das kann/darf nicht sein 😉

    Und Jesus ist sogar zweimal unterschiedlich gezeugt: Ewig, ohne Mutter der „göttlichen Natur“ nach. Und einmalig, ohne (menschlichen) Vater der menschlichen Natur (dem „Fleische“) nach.

    Habe ich das so richtig verstanden, dargestellt?

    Es freut mich wirklich, maasha Allah, alhamdulillah, wenn du dies mitbekennst:
    „Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen! Sprich: „ ‚Er ist der Eine Gott, Allah, der Absolute. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und es gibt keinen, der Ihm gleicht.‘ -“ (Sure 112)

    Meine Meinung: man sollte sich aber bewusst sein, was man bekennt, und welche Realität der Bedeutung der Worte der Glaubensauffassung entspricht.

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