Der eine sei des anderen Feind? (2:36-38)

„Aber Satan ließ sie straucheln und vertrieb sie, von wo sie weilten. Und Wir sprachen: „Fort mit euch! Der eine sei des anderen Feind. Doch auf Erden sollt ihr eine Wohnung und Nießbrauch auf Zeit haben.“ Und Adam empfing von seinem Herrn Worte und Er nahm seine Reue an; denn siehe, Er ist der Vergebende, der Barmherzige. | Wir sprachen: „Fort mit euch von hier allesamt! Und wenn zu euch Rechtleitung von Mir kommt, wer dann Meiner Rechtleitung folgt, über die soll keine Furcht kommen, und sie sollen nicht traurig sein.“

In der christlichen Tradition steht Adam für den Menschen schlechthin. Die hier bezeugte Stelle gibt einen Hinweis darauf, dass diese Auffassung auch koranisch sein mag: wunderbar, wie der Übergang von zwei Abschnitten hier expliziert wird: der Wortlaut der Ausweisung aus dem Paradies (Fort mit euch!“) ist zugleich Einleitung des „rechtleitenden“ Teils: „Fort mit euch von hier allesamt!“ Und dieser Spruch Gottes in 2:38 scheint zugleich beides zu sein: die in Vers 37 angedeutete Rechtleitung, die an Adam ging und die Rechtleitung, die an die „Kinder Israels“ (2:40) gerichtet ist. Adam steht nicht nur für sich selbst, sondern auch – das ist meine Frage an die mitlesenden Muslime – für die „Kinder Israels“ und vielleicht auch für den Menschen schlechthin? – Wie sonst erklärt sich, dass die Ausweisungsformel in 2:38 mit „allesamt“ beendet wird? – Dies würde wohl nicht so formuliert sein, wenn es nur um Adam und seine Frau ginge?!

Adam steht für den Menschen schlechthin. So kann jedenfalls das erschreckende folgende Wort verstanden werden: „Der eine sei des anderen Feind.“ Nur, wer den Koran als „Unruhestifter“ für eigene Pläne missbraucht, kann darin eine Anweisung Gottes sehen, der Mensch solle „einander Feind“ sein. Nur, wer die Botschaft von Gott als „Erbarmer“ nicht verstanden hat und den Gruß „Salam“ nicht kennt, kann diesen Satz als Fluch Gottes gegen die Menschen missverstehen.

Wenn Adam der Mensch schlechthin ist, dann beschreibt die Aussage des Satzes schlichtweg eine Grundverfasstheit des Menschen. Es folgt ja der Hinweis: Nicht alle Güter stehen in vollkommener Fülle zur Verfügung stehen, wie im Garten, „Nießbrauch auf Zeit“ (2:36).

So gehört es zum Menschsein dazu, für Mangel Ausgleich schaffen zu müssen. Ansprüche zwischen Menschen werden ausgehandelt. Und so stehen Interessen gegen Interessen, ein Mensch ist des anderen Feind.

Frieden bedeutet nicht, mit anderen Menschen nicht in Konkurrenz zu stehen, „Feind“ zu sein. Frieden bedeutet, in schwierigen Situationen der Rechtleitung Gottes zu folgen. Die Menschen, die dies tun, „über die soll keine Furcht kommen und sie sollen nicht traurig sein.“ Und genau dies ist der Zustand des Friedens: keine Furcht, keine Trauer. Und dies ist eine deutliche Absage an den Krieg, denn: der Krieg ist das Paradigma für Menschen in Furcht und Trauer schlechthin!

Und dieser friedliche Interessensausgleich – wie der gelingt, das wird in den folgenden Versen beschrieben. Und in meinem übernächsten Post.

Jörg

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6 Kommentare zu Der eine sei des anderen Feind? (2:36-38)

  1. Genau dies stellt das Konzil heraus. Die Kirche verfügt nicht einfach über den Weg in eine bessere Welt, sie möchte vielmehr „im Licht Christi … alle Men-schen ansprechen, um das Geheimnis des Menschen zu erhellen und mitzuwir-ken dabei, daß für die dringlichsten Fragen unserer Zeit eine Lösung gefunden wird“ (GS 10,2). Ausdrücklich wird gesagt: Um ihre Soziallehre formulieren zu können, bedarf die Kirche eines echten Dialogs mit allen Menschen guten Wil-lens im Sinne der „richtigen Autonomie“ der Schöpfung (vgl. 41,2).4 Dieser Dialog kann von beiden Seiten verfehlt oder verhindert werden. Die kirchliche Verhinderung dieses Dialogs liefe auf die „integralistische“ Vorstellung hinaus, als ob allein vom Glauben her eine menschenwürdige Gesellschaft definiert und gestaltet werden könnte. Die gegenteilige Verfehlung des Dialogs wäre der „Sä-kularismus“, also jene Mentalität, die glaubt, daß der Mensch seine Würde ohne den Beitrag des christlichen Glaubens finden und bewahren könne.

  2. Joerg sagt:

    Hallo Carmen!
    Ich bin selbst ein Freund aller Ansätze, die keine Extreme kennen. Und genau da, denke ich genau wie Du, lauert die Gefahr!

    Übrigens: das wird ein interessanter Blog! Ich wünsche Dir viel Erfolg! Aber Du denkst ja sowieso positiv… 🙂

    Herzlich,
    Jörg

  3. Dennis sagt:

    Sehr geehrter Jörg,

    super, dass Sie den Koran lesen!
    Genau so begann ich vor etwa 5 Jahren auch mit dem „Islamstudium“.

    Zu der besagten Stelle im Qur’an:
    Es gibt verschiedene Übersetzungen…

    so zum Beispiel Sure 2, Vers 36:

    übersetzt von Bubenheim & Elyas: „…Wir sagten: „Geht fort! Einige von euch seien der anderen Feind.“

    übersetzt von Khoury: „…Wir sprachen: «Geht hinunter. Die einen von euch sind Feinde der anderen.“

    übersetzt von Zaidan: „…WIR sagten: „Steigt ab! Die einen von euch (Menschen) sind Feind für die anderen (Satane)“

    Die arabische Sprache ist nicht 1:1 zu übersetzen. Um sich also auf Ihrem (beeindruckend hohen) Niveau damit auseinanderzusetzen, muss man echt verschiedene Quellen heranziehen, bzw. der arabischen Sprache mächtig sein.

    Herzliche Grüße und Salam,

    Dennis

    (Gerne begrüße ich Sie auf meiner Facebook – Seite und lade selbstverständlich alle anderen ein, diese zu besuchen 🙂 – dort versuchen wir den Qur’an zu verstehen, bzw. uns mit bestimmten Versen auseinanderzusetzen)

  4. Joerg sagt:

    Danke für die Übersetzungsvarianten! Und den Link zu Deiner Facebookseite!

  5. Tayyab sagt:

    Adam der erste Mensch oder der erste GEWORDENE Mensch?

    Adam steht nicht nur für sich selbst, sondern auch – das ist meine Frage an die mitlesenden Muslime – für die „Kinder Israels“ und vielleicht auch für den Menschen schlechthin? – Wie sonst erklärt sich, dass die Ausweisungsformel in 2:38 mit „allesamt“ beendet wird? – Dies würde wohl nicht so formuliert sein, wenn es nur um Adam und seine Frau ginge?!

    Tatsächlich steht Adam (as) in erster Linie für sich selbst. Um die berechtigte Frage, warum Allah hier diese in Plural (im Arabischen gibt es neben Singular und Plural auch Dual [für zwei Personen], welcher hier bewusst NICHT verwendet wurde) anspricht, müssen wir einige Verse zurückgehen.
    In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist Adam der erste Mensch. Wenn man mit diesem Vorwissen (oder im Lichte dieses Vorwissens) an die Sache rangeht, dann landet man in genau diese Sackgasse.

    Eine Überlieferung des Propheten Muhammad saw sagt, dass es vor unsere Adam tausende Adams gab.
    Nun lesen wir Vers 2:30
    Und als dein Herr zu den Engeln sprach: „Ich will einen Statthalter auf Erden einsetzen“, sagten sie [die Engel]: „Willst Du denn dort solche Wesen haben, die darauf Unfrieden stiften und Blut vergießen? […]
    Erstaunlicherweise sind die Engel sehr gut mit den Eigenschaften eines Menschen vertraut, obwohl Gott den (irrtümlich angenommen) ersten Mensch noch gar nicht erschaffen hat!?
    Dies lässt nur den Schluss zu, dass Adam nicht der erste Mensch war. Es gab zuvor „Menschen“, aber diese kannten Gottes Gebote nicht. Sie folgten nur ihren biologischen Instinkten. Daher auch die bösartigen Eigenschaften, welche von den Engeln aufgezählt wurden. Dann erwählte Gott Adam als seinen Statthalter und lehrte ihm seine Gebote (siehe folgende Verse). Somit war er der erste Prophet. Er war der erste Mensch im Sinne des humanen und gottergebenen Menschen, aber nicht der Erste im biologischen Sinne.
    Kommen wir nun zum Vers 35:
    „nur nahet nicht diesem Baume, auf daß ihr nicht Frevler seiet.“
    Auch hier darf man nicht mit der Geschichte mit der „verbotenen Frucht“ ran gehen.
    Hierzu betrachten wir Vers 14:24-26
    „Siehst du nicht, wie Allah das Gleichnis eines guten Wortes prägt? (Es ist) wie ein guter Baum, dessen Wurzel fest ist und dessen Zweige in den Himmel (reichen). Er bringt seine Frucht hervor zu jeder Zeit nach seines Herrn Gebot. Und Allah prägt Gleichnisse für die Menschen, auf daß sie nachdenken mögen. Ein schlechtes Wort aber ist wie ein schlechter Baum, der aus der Erde entwurzelt ist und keine Festigkeit hat.“
    Allah vergleicht hier gute und schlechte Taten mit einem Baum.
    Dh. Gott warnte Adam und Eva (zusammen mit dem Volk von Adam, zu denen er gesandt wurde) in 2:35 vor einer bestimmten Sünde /Übertretung, welche sie nicht begehen sollten.
    (Gott hat bewusst hier die Art der Sünde nicht explizit genannt, da er nicht die Schwächen von Adam oder seinem Volke preisgeben möchte)
    Jetzt kommen wir zum Vers 2:36
    Doch aufgrund der Verführung des Satans, kam es durch Adam und Eva (oder ihrem Volk) zu dieser Übertretung, und Gotte verbannte diese.
    Der Ausdruck „einige von euch sind Feinde der andern,“ ist kein Befehl von Gott, sondern eher die Konsequenz, die sich durch das „annähern des Baumes“ ergab. Interessant ist, dass das Arabische Wort für Baum, welches hier benutzt wurde „SCH-J-R“, ursprünglich so etwas wie Streit, Zerwürfnis und Durcheinander bedeutet. Der Begriff wird für Baum benutzt, da die Äste eines Baumes wild durcheinander sprießen (Lane’s Arabic-English Lexicon). Die Übertretung hat dazu geführt, dass es zu einem Streit oder Unfrieden (Krieg?) zwischen den Menschen kam.
    Zusammengefast:
    Vor Adam gab es Menschen, ohne spirituelles Leben in sich. Gott erwählt Adam als Statthalter (im Arabischen wird hier das Wort „Khalifa“ benutzt, was Nachfolger bedeutet) und lehrte ihm Gebote und Gesetze. Adam lehrte diese den Menschen, diese wurden zivilisiert (MenschWERDUNG). Es kam durch den Einfluss von Satan zu einer Übertretung und Unfrieden zwischen den Menschen. Gott verbannt sie.
    Anschließend lehrt Gott Adam, wie man Gott um Vergebung bittet und verzeiht ihm und seinem Volk (Vers 2:37).

    • Joerg sagt:

      Lieber Tayyab,  

      ganz herzlichen Dank für die beiden zum Verständnis der Perikope wichtigen Hinweise. Beide Überlieferungen, sehen wir, geben also Antwortauf die Frage nach dem Menschen; das aber auf völlig unterschiedliche Weise: in der biblischen Tradition durch die Schöpfung des Menschen schlechthin aus der Erde, im Koran und derislamischen Überlieferung exemplarisch an einer historischen Persönlichkeit.  

      Mich erinnert die Interpretation an den durch Konrad Lorenz geprägten Begriff der Fulguration. Lorenz beschreibt dies am Beispiel einer Dinosaurierspezies: ein kleiner Saurier, der als erster seine Vorderarme ausstreckt, und sie dazu nutzt, von einer Höhe aus durch die Luft auf den Boden zu gleiten. Obgleich er sich in seinen körperlichen Eigenschaften kaum von seinen Artgenossen unterscheidet, ist dennoch etwas ganz neues  entstanden: der Vorderarm ist nunmehr – von einem Moment zum Anderen – ein Flügel geworden. Und dies völlig unerwartet und plötzlich, wie ein Blitz (lat. fulgur), der einschlägt.  

      So stelle ich mir Deiner Schilderung nach die Menschwerdung Adams vor: seine Vorgänger, die „Adam“ als Gattungsnamen trugen, tritt nun der Erste hervor, der Adam als Namen trägt. Er tritt – ebenso wie Blitz und Vogelflügel – unerwartet (die Frage der Engel), plötzlich und – darauf weist Du hin – als eine konkrete historische Persönlichkeit auf.

      Dieses Bild ist nicht nur kompatibel mit dem wunderbarsten Werkzeug, das Gott zur Schöpfung der lebendigen Welt nutzt, der Evolution, es gibt vor allem Auskunft darüber, was den Menschen zum Menschen macht: Einsicht in die Namen alles Seienden, und da das Seiende Gottes Schöpfung ist, auch eine Ahnung von und Beziehung zu Gott. Und dieser Adam des Koran ist damit zwangsläufig auch zugleich der erste Prophet.  Könnte man das so sagen? Oder ist auch das noch eine Mischung beider Vorstellungswelten?  

      Dank Dir vor allem für die Erklärung des Gleichnisses mit dem Baum in Sure 14. Zerwürfnis, Wirrwarr als Ursprung der Sünde.

      Gerne würde ich Dich an späterer Stelle zitieren, ist das in Ordnung?  

      Beste Grüße,  

      Jörg

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