Gottes Wort (3)

Die Schrift als „Gotteswort in Menschenwort“ ist von Menschen geschrieben und deshalb reich an Impulsen und unterschiedlichsten Interpretationsmöglichkeiten. Allein in unserer langen Kirchengeschichte werden und wurden biblische Erzählungen immer wieder unterschiedlich gedeutet: zum Beispiel wurde die Schöpfung in sieben Tagen historisch interpretiert: Gott habe Himmel und Erde in sieben Zeittagen (also 7 mal 24 Stunden) erschaffen, eine Vorstellung, die heutzutage eine wundersame Rennaissance bei protestantischen Christen US-amerikanischer Couleur erlebt.

Steht am Ende als Konsequenz eine große Beliebigkeit: mit der Bibel könne man eben alles und gar nichts vertreten?

Dagegen steht der Anspruch, Wort Gottes zu sein, damit auch – ebenso wie der Koran – Rechtleitung für die Gläubigen zu sein.

Der unerschöpfliche Schatz

Papst Benedikt sagte dazu in einer Ansprache: „Das Wort ist immer größer als die Exegese der Väter und die kritische Exegese, weil auch diese nur einen Teil, ja, ich würde sagen, einen sehr kleinen Teil versteht. Das Wort ist immer größer – das ist unser großer Trost. Und es ist einerseits schön zu wissen, dass man nur ein klein wenig verstanden hat. Es ist schön zu wissen, dass es noch einen unerschöpflichen Schatz gibt und dass jede neue Generation wieder neue Schätze  entdecken und weitergehen wird mit der Größe des Wortes Gottes, das uns immer voraus ist, uns leitet und immer größer ist. Mit diesem Bewusstsein muss man die Heilige Schrift lesen…“ (Begegnung mit dem Klerus von Rom am 22. Februar 2007)

Maßstäbe: 1. Liebe

Hier ist nicht von einer Beliebigkeit die Rede, sondern von dem Gegenteil: von einem „unerschöpflichen Schatz“, den es zu heben gilt. Und hier kann eine Interpretation immer nur eine Auslegung im Glauben sein. Und Maßstab dieser Auslegung ist für mich in  erster Linie der Maßstab allen Denkens und Handelns schlechthin: der Maßstab der Liebe. Dem Doppelgebot der Nächsten- (Menschen-, auch Feindes-) und Gottesliebe kann das Wort Gottes nicht widersprechen.

Und wenn der Prophet Elias die Baalspriester am Bach Kischon am Berg Karmel (in der Nähe des heutigen Haifa) tötet, so lautet die Botschaft für mich nicht: ‚Tötet eure Feinde‘. Dieses ‚Gebot‘ widerspräche der Nächstenliebe. Vielmehr sagt hier Gott zu uns: ‚Wer auf mich vertraut, braucht seine Feinde nicht zu fürchten.

2. Vernunft und Wissen  

Ein zweites Kriterium: die Auslegung darf unserer Vernunft und unserem Wissen nicht widersprechen. Ich habe oben die christliche Auffassung der „Kreationisten“ erwähnt, die die Bibel geschichtlich interpretieren und unter der Maßgabe, die Bibel könne nicht lügen, von einer Schöpfung der Welt in sieben 24-Stunden-Tagen ausgehen. Mit dieser Vorstellung schaffen sie es in einigen Schulen der USA sogar, im Biologieunterricht die Vermittlung der Evolutionstheorie zu verhindern. Dummheit im Namen der Bibel.

Ihre Vorstellung: Gott habe die Spuren einer vorgeblichen Evolution so geschickt in die Tier- und Pflanzenwelt gelegt – diese können ja nicht geleugnet werden, sie sind offensichtlich – um diejenigen, die nicht an die „Bibel“ glauben, zu täuschen und in die Irre zu leiten. Damit trennt Gott die „Rechtgläubigen“ (der eigenen „charismatischen“ Bewegung) von den Ungläubigen (alle anderen Menschen). Diese Auffassung ist ganz grundsätzlich durch keine naturwissenschaftliche Entdeckung oder theologische bzw. philosophische Erwägung zu widerlegen. Was auch immer entdeckt wird, selbst wenn die gesamte evolutionäre Entwicklungskette lückenlos bekannt wäre: Gott ist allmächtig, damit ein perfekter falscher Spurenleger.  

3. Gottesbild, Menschenbild

Ein drittes Kriterium für die Interpretation deutet sich an: das einer Interpretation zugrundeliegende Menschen- und Gottesbild muss annehmbar sein. Einer Religion könnte ich nicht folgen, die davon ausgeht, dass der Schöpfergott uns mit Sinnen, Vernunft, Entdeckerlust und Neugier ausgestattet hat, um uns dann bewusst durch trügerische Spuren zu täuschen. Oder ein Gottesbild, das von einem Gott der Liebe ausgeht, der allerdings den Großteil der Menschheit nicht zum Ziel der Vollendung führt, nur weil sie zufällig einer der tausend „falschen“ Religionen angehören, und nicht der einen (eigenen, zum Teil sehr kleinen) Splittergruppe.

4. Hinterfragbarkeit der Auslegung

Ein weiteres Kriterium: eine Interpretation, die davon ausgeht, die letztendlich gültige zu sein, trifft meines Erachtens nicht den Kern des Biblischen. Gerade die Brüche und verschiedenen – zum Teil gegenläufigen – Tendenzen verweisen ja auf das enorme Potenzial der Heiligen Schrift. Gott hat ein relatives Medium der Verschriftlichung für seine Botschaft  vorgesehen, die menschliche Sprache. Bibel ist Literatur, und wie jede Literatur ist sie offen für die unterschiedlichen Zugänge, und – ja, ruft sogar danach, immer wieder neu entdeckt zu werden.

Gerade deshalb muss sich jede Auslegung ihrer Vorläufigkeit bewusst sein und offen für den Prüfstand. Ein Ansatz, der sich selbst verabsolutiert, verrät vom Interpreten, dass dieser sich nicht mehr auf dem Weg der Suche Gottes befindet, sondern sich im gnadenreichen Zustand wähnt, Gott bereits gefunden zu haben. Ein solcher Ansatz trifft meines Erachtens nicht den Kern des Biblischen: Er tauscht Vielfalt gegen Einfalt, Offenheit gegen Sektierertum und in letzter Konsequenz die Liebe gegen formelle Gesetzestreue.

Vernommen, verstanden und wissentlich verdreht

Und Menschen, die wider besseren Wissens die Heilige Schrift, das Wort Gottes, instrumentalisieren,
Menschen, die durch die Predigt ihrer partiellen Meinung Einfluss auf andere Menschen nehmen,
Menschen, die unter Berufung auf die Schrift persönliche Macht über andere erlangen oder sichern,
Menschen, die im Namen der Schrift Kriege führen (Beispiele dafür gibt es in den meisten Religionen),  

die müssen sich schon die Frage beantworten, ob der Vorwurf nicht ihnen gilt, wenn der Koran schreibt: „Aber ein Teil von ihnen hat Gottes Wort vernommen und verstanden und hernach wissentlich verdreht“ (2:75).

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