Der Koran im Licht der „Eröffnenden“ Sure (1:1-7)

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen.
Lob sei Allah, dem Weltenherrn.
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen.
Dem Herrscher am Tage des Gerichts.
Dir dienen wir und zu Dir rufen wir um Hilfe.
Leite uns den rechten Pfad.
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.

(Sure 1)

An dieser Stelle geht es also, wie im letzten Beitrag gesagt, um einen Schlüssel zur Lektüre des Koran, und der soll die erste Sure sein.

Die erste Sure lese ich als Gebet. In der Grundform des Gebets kommen grundsätzlich vier Haltungen zum Ausdruck, die die Bereiche ansprechen, welche unseren Glauben ausmachen.

1. Gott zuwenden.

Wir stellen uns bewusst ins Gespräch mit Gott. Christliche Gebete werden in der Regel eingeleitet durch eine (oft sehr kurze) Formel, („Gott.“ „Vater unser.“ oder „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“) Damit öffnen wir uns und treten aus all den Themen, die wir aus dem Alltag mitbringen, in die Wirklichkeit Gottes hinein.

Die erste Sure beginnt (wie nahezu alle anderen Suren) mit der Anrufung „Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen“. Das ist der große Anspruch der Muslime. Nun sprechen wir nicht mehr in unserem Namen, sondern stellen uns unter den Namen Gottes. Ich kann das nur so lesen: Von nun an gelten nicht mehr „meine“ Themen. Unsere Anliegen treten in den Hintergrund zugunsten des Willen Gottes, in dessen Namen ich beten und handeln möchte. Wie im Christentum lese ich diese Stelle als Verpflichtung, dass nicht mein, sondern Gottes Wort aus mir heraus im Gebet sprechen soll.

2. Kommemoration

Daraufhin nehmen christliche Gebete das Heilshandeln Gottes in der Welt in den Blick. Entweder wird an die biblische Überlieferung angeknüpft („Du hast Deinem Volk den Weg durch die Wüste gewiesen“), oder aber Gottes Handeln an uns („Deine Gegenwart umhüllt und durchdringt uns wie die Luft, die wir atmen, ohne die wir nicht leben können.“). Wir bedenken dabei, dass wir stets unter dem Schutz Gottes stehen und immer mit Gott rechnen können.

Auch wenn dies so ausdrücklich in der Fatiha nicht geschieht, kommt dieser Grundgedanke aber dennoch deutlichst zum Ausdruck: Gott wird als „Weltenherr“ angerufen. Dieses Wort bedeutet für mich nur eines: Gott handelt in der Welt. Gott lenkt und führt seine Schöpfung. Nach seinem Gesetz. „Wie sich doch alles fügt“, formuliert Augustinus die Tatsache, dass alles gemäß des Plans Gottes geschieht. „Weltenherr“. Dies bringt es auf den Punkt.

3. Lobpreis und Dank

Die Präsenz Gottes verdient Anerkennung. Es steht uns an, Gott zu loben. „Du bist unsagbar größer, als wir Menschen begreifen, du wohnst im unzugänglichen Licht, und doch bist du uns nahe.“ Bei unserer Neigung, selbst im Zentrum des Lobs zu stehen, ist Demut unser Ansporn. Demut und Selbstbewusstsein gehen bei dem sehr gut zusammen, der loben kann. Ehrlich gemeint. Und bewusst ausgedrückt. (Wer geübt ist im Lob Gottes, dem fällt es übrigens auch nicht schwer, ebenso ehrlich seine Mitmenschen, den Partner, die Kinder, Kollegen und Freunde wertzuschätzen.)

„Lob sei Gott, dem Weltenherrscher, dem Erbarmer, dem Barmherzigen, dem Herrscher am Tage des Gerichts.“ Ein solcher Lobpreis schließt im Übrigen immer auch ein Moment des Dankes mit ein.

4. Bitte

Abschließend beendet in der Regel eine Bitte das Gebet. „Gib, dass wir heute mit Ehrfurcht vor dir stehen und froh werden in deiner Nähe.“ Diese Bitte kann eine Bitte Bitte um Beistand sein; vor allem geht es aber um den persönlichen Weg mit Gott und den Mitmenschen.
„Leite uns den rechten Pfad.
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.“

Leitlinie für die Koranlektüre

Wie auch ein Christ versteht sich der Mensch, der die Fatiha betet, als jemand,
(1.) der sich Gott zuwendet,
(2.) der Gottes und dem Handeln Gottes in der Geschichte gedenkt,
(3.) der Gott preist und ihm dankt
(4.) und Gott bittet, ihn rechtzuleiten.

Dies beschreibt aber nicht nur die Grundhaltung des Gläubigen. Es war darüber hinaus grundsätzlich mein Schlüssel zum Verständnis des Koran. Der Koran, im Lichte der Fatiha gelesen, ist demnach

(1.) Brücke zwischen Gott und Mensch
Wie kann der begrenzte Mensch das unendliche Wesen Gottes zu begreifen versuchen? – Bilder und Vorstellungen über Gott offenbart der Koran.
(2.) Erinnerung an die Wege Gottes mit den Menschen
Gott handelt geschichtlich. Er schickt Engel, Propheten und lenkt die Geschicke der Welt. Der Koran erzählt die Geschichte der Offenbarung Gottes.
(3.) Zeichen der uneinholbaren Größe Gottes
Der Mensch ist dementsprechend darauf verwiesen, Gott als Ursprung und Ziel seines Lebens zu verstehen, …
(4.) Ansporn und Anleitung zum gelungenen Leben.
… und an seinen Geboten auszurichten.

Mit der Fatiha als Richtschnur, ist das Thema des Koran der Weg des Menschen mit Gott.

Herrschaft.
Der Koran ist keine Anleitung für die Installation eines Herrschaftssystems. Herrschaft beschreibt vielmehr das Verhältnis Gottes zu seinen Geschöpfen.

Gesetz.
Der Koran institutionalisiert kein gesellschaftliches Rechtssystems. Gesetze sind die Gesetze Gottes, die Er uns ins Herz schreibt.

Kampf.
Der Koran ist keine Anleitung zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Der Kampf ist vielmehr der alltägliche Kampf, den wir (oft genug auch gegen unseren egoistischen Willen) zu führen haben, um auf Gottes Wegen zu gehen.

Meine Erfahrung mit dieser Lesart

Zusammenfassend lässt sich festhalten: ich habe den Koran gelesen, indem ich
– nur den Text des Korans selber zur Interpretation heranziehe, wo es eben geht,
– auf eine historisch-kritische Methodik verzichte,
– dem Gottesbild von Gott als dem Erbarmer, dem Barmherzigen Vorrang vor anderen gebe und
– die Fatiha als Schlüssel einer Interpretation zu Grunde lege.
(Vgl. den vorangegangenenen Beitrag http://www.christ-koran.de/richtlinien-des-christen-bei-der-lektuere-des-korans-12-3/.)

Es zeigt sich, dass diese Lesart durchgängig schlüssig auf den Koran angewendet werden kann. Vieles, was im Koran im Dunkeln liegt, erschließt sich stimmig, wenn man ihn unter diesen Vorbehalten liest.

Es zeigt sich, dass an vielen Stellen des Koran eine solche Auslegung explizite gefordert wird. An einigen Stellen erklärt der Koran selbst, wie diese zu verstehen sind: nämlich diesem Ansatz entsprechend.

Es zeigt sich, dass oft andere Interpretationen – die in der Schrift Aufrufe zu Hass und Kampf sehen – dem Kontext der Schrift selbst nicht entsprechen und über den ganzen Koran nicht durchzuhalten sind.

Und hier erschließt sich mir das, was Muslime „das Wunder des Koran“ nennen: ein Werk, das in sich geschlossen das ist, was es sein will: „Dieses Buch, daran besteht kein Zweifel, ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen.“ (Sure 2:2)

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