Richtlinien des Christen bei der Lektüre des Koran (1:2-3)

Lob sei Allah … Dem Erbarmer, dem Barmherzigen. (1:2-3)

Bei der Lektüre des Korans ergibt sich die Notwendigkeit der Interpretation mit dem Lesen. Ich bin überzeugt, dass Koranlektüre stets auch Interpretationsarbeit bedeutet. Ich glaube nicht, dass man überhaupt in der Lage ist, dieses Werk schlechthin zu lesen: Diese Schrift spricht unmittelbar das Herz eines jeden, der es liest, an. Und findet im Herzen Widerhall. Diese Antwort des Herzens ist letztendlich ja bereits Interpretation.

Zugespitzt kann man vielleicht sagen: niemand kann den Koran „an sich“ lesen; vielmehr liest jeder den Koran „für sich“. Wenn ich als Christ den Koran lese, muss ich mir demnach zunächst Gedanken über den Ansatz meines Verstehens machen, um nicht der Versuchung zu erliegen, ein vorgefärbtes Koranbild auf die Schrift selbst zu übertragen.

Für mich gelten da im wesentlichen vier Richtlinien.

1. Grundlage der Interpretation des Koran ist der Koran.

So einfach das klingt: es ist nicht trivial. Die Koraninterpretation hat im Islam eine große Tradition und wird – ebenso wie die Exegese biblischer Schriften im Christentum – wohl als Kernfach des theologischen Studiums gepflegt. Insofern gibt es zahlreiche – und zum Teil einander widersprechende – Ansätze. Bewusst verzichte ich zunächst darauf, Hintergründe über die Tradition oder zum Beispiel über Hadithe zu Rate zu ziehen. Wenn der Koran im Selbstverständnis des Islam Gottes wortwörtliches Wort ist, dann muss er den Anspruch haben, unmittelbar den einzelnen anzusprechen.

Dies läuft zunächst dem dialogischen Prinzip der Religion zuwider: die (religiöse) Kommunikation geschieht in der Regel von Mensch zu Mensch. Christen „erklären“ einander und Nichtchristen das Christentum, Muslime „erklären“ einander und Nichtmuslimen den Islam. Insofern ist es vielleicht ein Verlust, auf die Zeugnisse von Muslimen zunächst weitgehend zu verzichten. Auch gelingt dies nur zum Teil: denn natürlich spielen Gespräche mit Muslimen immer mit eine Rolle bei meiner persönlichen Lesart.

Im Zweifel jedenfalls – wenn offen ist, wie ein bestimmter Vers zu verstehen ist – soll der Text des Koran selbst Aufschluss geben. Hinweise aus der Schrift haben stets Priorität vor allem Anderen.

2. Ich verzichte auf einen historisch-kritischen Ansatz.

Wir christlichen Theologen interpretieren freilich auch unsere Heilige Schrift. Wir haben dazu einen methodischen Strauß an Untersuchungen kultiviert, mit dem wir den Text intensiv analysieren. So können wir den menschlichen Anteil der Schrift ziemlich genau bestimmen: wer die Autoren waren, welche politischen, gesellschaftlichen oder philosophischen Ansätze sie vertraten. Und wir erkennen ein Stück weit, inwiefern Gott sich in den Schriften offenbart. Kurz: wir analysieren die Bibel als „Gotteswort in Menschenwort“.

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Der sogenannte Textkritische Apparat, eine sehr verkürzte Auflistung unterschiedlicher Versionen der einzelnen Schriftenfunde.
Foto: J. B. aus: Nestle, Aland (ed.), Das Neue Testament: Griechisch und Deutsch. Stuttgart: 26. Aufl., 1984.


Darauf muss ich verzichten aus zwei Gründen:
1. Ich liefe Gefahr, den Koran zu vereinnahmen. Wenn im Islam bei vielen von einer wortwörtlichen Überlieferung des Koran ausgegangen wird, würde ich diesen Ansatz nicht ernst nehmen. Mir als Christ steht es nicht zu, diese christliche Methodik auf den Koran anzuwenden. Zur Zeit nehme ich innerhalb des Islam zur Frage der Methodik eine Debatte wahr. Ich persönlich hielte ich es für spannend, wenn die historisch-kritische Methode auch auf den Koran ausgeweitet würde; ich muss mir das hier allerdings versagen.
2. Der historisch-kritische Ansatz arbeitet intensivst mit dem biblischen Originaltext in griechischer, hebräischer, und (in wenigen Perikopen) aramäischer Sprache. Ich bin des Arabischen nicht mächtig. Deshalb versuche ich erst gar nicht, entsprechende Impulse herauszuarbeiten.

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Der hebräische Text der Bibel.
Foto: J. B. aus: Kittel, Rudolf (ed.), Biblia Hebraica [Stuttgartensia]. Stuttgart: 14. ed., 2002.


3. Gottesbild

Zum Gottesbild habe ich bereits viel in den Beiträgen geschrieben. Unter den neunundneunzig Namen Gottes haben zwei eine besondere Würde, weil sie in der Fatiha (Sure 1, dem Grundgebet der Muslime) an erster Stelle und wiederholt Gott bezeichnen. Der Erbarmer. Der Barmherzige.

Dieses Gottesbild deckt sich in höchstem Maße mit der Vorstellung des Gottes der Liebe im Christentum. Deshalb orientiert sich die Interpretation dort, wo von Gott die Rede ist, an dieser Vorstellung.

4. Al-Fatiha – Sure 1 – „Die Eröffnende“

Sie eröffnet nicht nur als erstgesetzte Sure den Koran, sie eröffnet auch das tägliche Gebet der Muslime. Ich unterstelle meine Interpretation der ersten Sure. Methodisch gehe ich davon aus, dass das, was in Sure 1 der Betende aussagt, der Kern des islamischen Glaubens schlechthin sei: das Ziel sämtlicher Glaubensvollzüge.

Sobald es also um den Weg des Menschen mit Gott geht, und eine Deutung unsicher ist, gewinnt sie dann an Plausibilität, wenn sie übereinkommt mit dieser Ersten Sure. Im letzten Sommer bereits habe ich als folgenden Beitrag erste Impulse zur ersten Sure angekündigt.

Im Folgenden will ich ebendies nun auch tun: in nicht ferner Zukunft folgt als nächster Beitrag eine Annäherung an die Fatiha.

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