Der Name aller Dinge (2:30-37)

Die Sprache ist der Schlüssel unseres menschlichen Verstehens. Und dass wir denkend die Schöpfung Gottes erfassen können, verdanken wir vor allem unserer Fähigkeit, Worte für die Dinge zu finden. jeder Baum ist anders, keiner ist dem anderen gleich. Dennoch können wir den Baum als „Baum“ benennen. Jede gute Tat unterscheidet sich von der anderen: wenn wir zum Beispiel für einen guten Zweck Geld spenden, tun wir etwas völlig anderes, als wenn wir uns beispielsweise für ein ehrenamtliches Projekt engagieren: im ersten Fall starten wir zum Beispiel unseren Computer, loggen uns bei unserer Bank ein, füllen ein Online-Formular aus und klicken auf „Überweisen“. Im zweiten Fall gehen wir aus dem Haus, leiten zum Beispiel Pfadfinder-Gruppenstunden, geben Hausaufgabenhilfe oder lesen älteren Leuten im Altenheim Siegfried Lenz (oder den Koran) vor. Trotzdem haben wir für all dies – so unterschiedlich die einzelnen Handlungen sind – einen gemeinsamen Namen: wir nennen es „gut“.

Die Fähigkeit,
1. entgegengesetzte Handlungen (zum Beispiel zu Hause in den Computer einzutippen und andererseits rauszugehen und mit anderen Menschen etwas zu machen) dennoch mit dem gleichen Namen zu benennen („gut“)
und die Fähigkeit
2. ganz ähnliche Handlungen (z. B. am Computer Geld für soziale Projekte zu spenden oder dies beispielsweise an menschenverachtende Gruppierungen zu überweisen) mit entgegengesetzten Begriffen zu benennen,
ist im Westen von Platon beantwortet worden. Er geht davon aus, dass es eine Wirklichkeit gibt, in der „das Gute an sich“ existiert. Wir Menschen beziehen uns, wenn wir etwas als „gut“ bezeichnen, auf diese – er nennt es – „Idee“ des Guten.

Wir Menschen allein sind in der Lage, den Dingen ihren wirklichen, ihren eigentlichen Namen zu geben. Wir nehmen die Schöpfung nicht nur wahr, wie auch Tiere es tun, wir können auch Werte in den Dingen, die uns begegnen, erkennen. Und diese Fähigkeit zeichnet uns in der Schöpfung Gottes aus.

Daran erinnert mich die so vielschichtige folgende Perikope: die Adamserzählung (Sure 2:30-37), welche den großen Abschnitt über die biblische Geschichte einleitet. Allah erschafft den Menschen. Die Engel, erstaunt über diesen neuen Schöpfungsakt, werfen sich vor Allah nieder, als sie ein Geschöpf sehen, das die Dinge nicht nur bezeichnen kann, sondern ihnen auch „ihren Namen“ geben kann: „Und Er lehrte Adam aller Dinge Namen; dann zeigte Er sie den Engeln und sprach: ‚Nennt Mir die Namen dieser Dinge, wenn ihr wahrhaft seid.’ Sie sagten: ‚Preis Dir, wir haben nur Wissen von dem, was Du uns lehrst; siehe, Du bist der Wissende, der Weise.’ Er sprach: ‚O Adam! Nenne ihnen ihre Namen.’ Und als er ihnen ihre Namen genannt hatte, sprach er: ‚Sagte Ich euch nicht: Ich kenne das Verborgene der Himmel und der Erde, und ich weiß, was ihr offen tut und was ihr verbergt?’“ (2:31-33)

Was also Christen und Muslime mit Platon verbindet: das Wissen darum, dass es eine Wirklichkeit gibt, die die Grenzen unserer Welten, die wir mit den Sinnen entdecken können, überschreitet.

Ein zweites: Diese Perikope hebt die Bedeutung des Wissens hervor: der Mensch – die Person Adam steht für den Menschen allgemein – hat das Wissen um die Dinge von Gott übertragen bekommen. Die Liebe zum Wissen ist für ihn zugleich ein göttlicher Auftrag, die Vermehrung des Wissens Gottes-Dienst.

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2 Kommentare zu Der Name aller Dinge (2:30-37)

  1. hlutfi sagt:

    Lieber Jörg,

    das ist doch eine gewaltige Offenbarung: „Und Er lehrte Adam aller Dinge Namen…“. Dies deutet auf eine immens große Bandbreite hin. Es geht um „ALLE“ Dinge! Gott erwähnt mit deutlichen Worten, dass Adam, wie Du ihn schon richtig als „Menschen allgmein“ nennst, alle Dinge gelehrt wurden. Das bedeutet, dass der Mensch im Grunde genommen alles Wissen, was Gott bei der Schöpfung gelehrt hat, in sich trägt. Es geht darum, sich an dieses Wissen „zu erinnern“.

    Herzliche Grüße
    Hüseyin Lutfi

  2. Joerg sagt:

    Als Teil der Schöpfung ist der Mensch also immer schon ausgerichtet auf die gesamte Schöpfung hin. Dank Dir für den guten Gedanken.

    (Und entschuldige das verpätete Freischalten; die Spammer machen mir wirklich das Leben schwer. Dein Kommentar ist leider unter dem ganzen Müll, der so aufläuft, zunächst untergegangen.)

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