Der Name aller Dinge (2)

„Und er lehrte Adam aller Dinge Namen… .“

Aristoteles

Bis zum 14. Jahrhundert gingen die christliche Theologen davon aus, dass sich dem denkenden und erkennenden Menschen das Wesen der geschaffenen Dinge durch die Sprache erschließt. Sie übernahmen die durch Aristoteles überlieferte antike Lehre von den Kategorien. Aristoteles kannte 12 Kategorien, mittels derer sich alles Seiende beschreiben lässt. So kann man einer Sache einen bestimmten Ort zuschreiben, an dem sie sich befindet. Man kann die Zeit beschreiben, zu der er dort war, sie hat eine räumliche Ausdehnung, eine Beziehung zu anderem Seienden und so weiter. Mittels der 12 Kategorien kann man also alles Seiende beschreiben, kann bestimmen, WIE etwas ist. Aber eines kann man nicht mittels der Kategorien sagen: nämlich WAS das Seiende ist. Selbst wenn man einen Baum detailliert und genau beschrieben hat – wo er zu welcher Zeit wo stand, in welchen symbiotischen Zusammenhängen er stand: die Tatsache, dass es sich um einen Baum handelt, erschließt sich aus der Bestimmung noch nicht. Das Wesen einer Sache zu bestimmen geht also über die phänologische Beschreibung hinaus. Dieses Wesen eines jeden Seienden nennt Aristoteles ‚ousía‘, lateinisch ’substantia‘.

Wenn wir nun einen Baum als solchen benennen, sagen wir zwar einiges über seine Eigenschaften (Kategorien) aus, also WIE er ist. Dies tun wir aber nur implizite. Ausdrücklich machen wir eine Aussage über sein Wesen, also darüber WAS er ist, seine ‚ousía‘.

Ockham und der Nominalismus

Im 14. Jahrhundert hinterfragte ein Theologe und Philosoph, William Ockham, die Vorstellung, ob unsere Allgemeinbegriffe (wie „Baum“) tatsächlich eine andere Wirklichkeit beschreiben, eine „ousia“, man könnte vielleicht sagen: einen „Schöpfungsgedanken Gottes“, der jedem einzelnen Baum zugrundeliegt. Verkürzt dargestellt könnte man Ockham so zusammenfassen: unsere sprachlichen Begriffe sagen nichts über das Wesen einer Sache aus, seine ‚ousía‘. Sie sind lediglich ‚Namen‘, ’nomina‘, mehr oder weniger willkürlich gesetzt, indem alles Seiende, was bestimmte Eigenschaften hat (Stamm, Blätter, …) als „Baum“ bezeichnet wird.

Mit diesem, als „Nominalismus“ bekanntgewordenem Denken, setzt sich Umberto Eco in seinem Roman „Der Name der Rose“ auseinander. Die „Rose“ ist hier eine junge Frau, von der die Protagonisten was wissen? – Eigentlich – von ganz wenigen biografischen Daten abgesehen – nichts. (Nicht einmal den Namen.)

Gott lehrt den Menschen „aller Dinge Namen“

Was hat das mit Sure 2 zu tun? Gott lehrte also den Menschen „aller Dinge Namen“ (2:…). Was hat es mit diesem Geschenk auf sich? Was bedeutet die Kenntnis des Namens der Dinge für den Menschen?
Welches Geschenk gibt Gott damit dem Menschen? – Lehrt er ihn, Einsicht in das Wesen seiner Schöpfung und alles Geschaffenen zu nehmen? Oder hebt sich der Mensch nur dadurch von Tieren und Engeln ab, dass er die Dinge ‚irgendwie‘ und willkürlich bezeichnen kann?

Der Koran spricht da eine deutliche Sprache. Sie nehmen zwar die Schöpfung wahr, aber sie erkennen den Sinn der Schöpfung nicht. Ihr ganzes Sein ist Lob und Ruhm Gottes. Und so verstehen sie die Sachwalterschaft des Menschen überhaupt nicht: Wieso den Menschen erschaffen, der nur Unruhe bringt? – „… Wir verkünden doch Dein Lob und rühmen Dich. …“ (2:30) Gott zuloben und rühmen ist ein großes Geschenk, es ist aber nur ein Teil der Wirklichkeit. Und so lehrt Gott den Menschen die Namen der Dinge.

Der Künstler

Von einem Künstler erfährt man das Wesentliche nicht, indem man seine Biografie liest, sondern indem man seine Werke betrachtet. Und so hat Gott uns das Geschenk gegeben, ihn selbst in seiner Schöpfung zu erkennen.
Jeder Mensch ist angesichts der Mannigfaltigkeit und Großartigkeit der Welt auf den Schöpfer hin verwiesen. Und jede Erkenntnis, und jedes schöpferische Tun des Menschen, offenbart die Wirklichkeit Gottes um so mehr. Und alles Geschöpfliche steht auch in einem tiefen Zusammenhang, der nur uns Menschen verständlich wird, und etwas mit den Schöpfungsgedanken Gottes zu tun hat.

Die Einheit der Schöpfung

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Pablo Picasso, Frau mit Rabe
Mit freundlicher Erlaubnis von www.germanposters.de.


Picasso hat ein wunderbares Bild geschaffen, „Frau mit Rabe“, in dem drei „Seiende“ zusammenkommen: eine Frau, ein Rabe und ein tiefes Blau. Drei unterschiedlichste Geschöpfe, und dennoch aufs tiefste in diesem Bild miteinander verbunden. Dadurch, dass diese DREI auf dem Bild zusammenkommen, werden sie zu EINEM Kunstwerk. Ebenso ist die Schöpfung Gottes auch EIN „Kunstwerk“, bei dem alles Geschaffene mit dem anderen im Zusammenhang steht.
In diesem Moment, in dem ich diese Zeilen tippe, höre ich die Alpensinfonie von Richard Strauß. Sie beschreibt eine Bergwanderung, die der Komponist als junger Mann gemacht hat. In der Musik wird ein Sonnenauf- und untergang, Bergwiesen, Bäche, ein Wasserfall, ein Gebirgsgewitter und vieles mehr musikalisch gezeichnet. Und dieses Erlebnis versteht sich als Allegorie auf die Lebensbiografie des Komponisten: mit sonnigen Wiesen, steilen Klüften und Gewittern wird nicht nur ein Jugenderlebnis, sondern ein ganzes Leben mit seinen sonnigen Seiten, aber auch mit seinen Herausforderungen gezeichnet.

Völlig Unterschiedliches verweist hier aufeinander:
Musik (als akustisch-physikalisches Phänomen),
Musik (in der Wahrnehmung des Hörenden),
eine Topografie (Gebirgslandschaft),
Wetterphänomene (Gewitter),
ein historische Ereignis (Spaziergang),
eine Lebensbiografie,
und zuletzt schlägt sich die Musik noch in diesem Blogbeitrag nieder und verweist auf die Einheit alles Geschaffenen.
Nur der Mensch kann in all dieser Verschiedenheit der Dinge die ihnen zugrundeliegende Einheit verstehen.

Steine haben an der Schöpfung durch ihre Existenz teil.
Tiere nehmen alles Seiende darüber hinaus mit ihren Sinnen wahr,
Engel können alles seiende weiterhin beschreiben.
Deuten kann es nur der Mensch allein: Gott hat ihn aller Dinge Namen gelehrt.

Der Mensch als Sachwalter Gottes

Jedes Geschöpf dient dem Schöpfer auf seine Weise: der Stein durch seine Festigkeit, das Tier durch sein Verhalten, die Engel durch ihr Loben und Rühmen. Der Mensch als „… Sachwalter Gottes …“ (2:30) erkennt die Schöpfung, und wird selbst schöpferisch tätig.

Picasso setzt das tiefste Aquamarin, eine Frau und einen Raben auf die Leinwand und schafft etwas ganz neues. Strauß erkennt den Zusammenhang zwischen einem Erlebnis, seinem Leben, einer Gebirgslandschaft, setzt all dies in Noten und schafft damit etwas ganz Neues.

Gott hat also den Menschen als Sachwalter in seine Schöpfung gesetzt, indem er Gott, den Schöpfer nachahmt, indem er selbst neues schafft. Wir Christen sprechen biblisch von der „Ebenbildlichkeit Gottes“ und haben damit vielleicht ganz ähnliche Vorstellungen vor Augen.

Zusammenfassend

Wir sind nicht nur Teil der Schöpfung (wie ein Stein), wir nehmen sie auch nicht nur wahr (wie ein Tier) und erkennen sie nicht nur (wie ein Engel), sondern wir erfassen auch deren geschöpfliches Potential. Und damit erkennen wir „aller Dinge Namen“.

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Ein Kommentar zu Der Name aller Dinge (2)

  1. Mose sagt:

    Ihr eintrag, Der Name aller Dinge (2) | Ein Christ liest den Koran, ist gut geschrieben und aufschlussreiche. Herzlichen Grüßen!
    — Mose

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