Religion der Liebe

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. “ – So beginnt das „Hohelied der Liebe“ der Bibel (1 Kor 13, 1-13). „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1 Kor 13) Die Perikope bezeichnet nicht nur die Liebe der Menschen untereinander, sondern schließt ebenso auch die Liebe, die den Menschen und Gott verbindet, ein.

„Sprich: ‚Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir. Dann wird euch Allah lieben und euch eure Sünden verzeihen; denn Allah ist verzeihend und barmherzig.’ “ (Sure 3:31)

Hier ist im Koran die wechselseitige Liebe zwischen Gott und Mensch beschrieben. Tatsächlich ist nur an wenigen Stellen im Koran diese Liebe zu Gott als Grundtugend bezeugt. Haben wir Christen die Liebe für uns reserviert? – Wer genau im Koran liest, wird bald bemerken, dass der Koran aus dem Geist der Liebe lebt.

Wir atmen jeden Tag unzählige Male. Wir tun dies, ohne darüber zu sprechen, ohne daran denken zu müssen, wir vergessen es nie, obwohl wir nicht daran denken müssen. Und: wenn wir aufhörten zu atmen, dann würden wir sterben. So kommt es mir bei meiner Koranlektüre auch mit der Liebe vor: an wenigen Stellen habe ich von der Liebe Gottes konkret gelesen, wie in Sure 3:31-32. Und dennoch spricht die Liebe aus unzähligen Versen. Ohne dies explizite zu tun, „atmet“ der Koran aus dem Geist der Liebe. Er würde „sterben“ – zu einem Regelwerk abzuarbeitender to-dos verkommen, wenn dieses „Atmen“ aus dem Geist der Liebe nicht wäre.

Das Gebet ist wesentlicher Glaubensvollzug des Christen und des Muslimen. Würde die Liebe fehlen, dann würde das Herzensgebet verkommen zur (im schlimmsten Falle lästigen) Pflichtübung. Würde die Liebe fehlen, wäre das Fasten ausschließlich toter Verzicht und berge keinen Gewinn. Wäre die Liebe nicht, so wäre das Abgeben von den Gaben, die Gott uns gibt, keine Tat der Barmherzigkeit, sondern eine zu verbuchende Steuer.

Wie Muslime beten, fasten und teilen wir Christen auch. Wir machen Wallfahrten, bekennen unseren Glauben und lesen unsere Heilige Schrift, die für uns ebenso Offenbarung Gottes ist. Die Glaubenshandlungen sind für uns Vollzüge der doppelten Liebe: gegenüber den Mitmenschen, gegenüber sich selbst und gegenüber Gott.

Im Koran sind häufig die Vollzüge explizite erwähnt, und sie verstehen sich im Islam eben auch als Liebestaten.

Akif Sahin, der sich in seiner Gemeinde engagiert und islamische Religionskatechese betreibt, schreibt auf meine Anfrage hin in seinem Blog: „Ich habe das Thema ‚Liebe zu Allah’ als erstes behandelt, weil dies auch klassischer-weise als erstes im Unterricht zum Thema ‚Islamischer Katechismus’ auch so gelehrt wird. Es ist das Kernelement des islamischen Glaubens und ein unabdingbarer Teil des muslimischen Glaubens. Wer Allah nicht liebt, kann kein gläubiger Muslim sein.“ Er fasst die Grundaussage des koranischen Liebesgebots wie folgt zusammen: „Die Liebe zu Allah wird gezeigt in dem man seinen Namen ehrfürchtig und respektvoll nennt. – Die Liebe zu Allah wird gezeigt in dem man die uns auferlegten religiösen Pflichten, wie z.B. das Gebet, mit Hingabe erfüllt. – Die Liebe zu Allah wird gezeigt in dem man sich von den verbotenen Dingen fernhält und an den Erlaubten Dingen festhält. – Die Liebe zu Allah wird gezeigt in dem man sich bildet, seine Religion kennt und diese bewusst lebt.“

Liebe erschöpft sich also im Koran nicht darin „Gefühl“ oder „innere Zugewandtheit“ zu sein, sondern kommt im konkreten Tun zum Ausdruck.
In der Tradition der Mitglieder der Sufi-Ordensgemeinschaften steht die Liebe über allen Geboten. Die Gemeinschaft der Trebbuser Mevlevihane schreibt: „Der Weg der Sufis wird häufig als der Pfad der Liebe bezeichnet. Liebe bedeutet in diesem Zusammenhang immer die Hinwendung zu Gott. … Islam bedeutet Hingabe unter den Willen Gottes. Die sich daraus ergebende Nähe zu Gott bedeutet gleichzeitig die Nähe zu sich selbst“.

Spielt also im Koran die Liebe wirklich nur eine Nebenrolle, weil die Vokabel „Liebe“ nur ein paar mal vorkommt? – Ganz sicher nicht, denn die Liebe scheint durchgehend im Koran durch. Im praktischen Glaubensvollzug. Nicht Unterwerfung unter formale Gebote ist Gottesdienst, sondern Rechtleitung im Denken und Empfinden, Sprechen und Handeln.

Jörg

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8 Kommentare zu Religion der Liebe

  1. Manaar m sagt:

    Lieber Jörg,
    du hast den Vers31 in der Sure 3 erwähnt: „Sprich: ‚Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir. Dann wird euch Allah lieben und euch eure Sünden verzeihen; denn Allah ist verzeihend und barmherzig.“ Man kann es auch umgedreht sagen: Wer als guter Muslim seine Pflichten erfüllt – das heißt: das regelmäßige Gebet, die Zakat- Pflichtabgabe, das Fasten während des Monats Ramadan, die Pilgerreise nach Mekka, das heißt wer es finanziell kann, und natürlich als Wichtigstes das Aussprechen der Schahada , also Zeugnis darüber geben, dass es keine Gottheit außer Gott gibt – der kann gar nicht anders als Gott lieben, sonst würde er diese fünf Säulen im Islam nicht durchführen. Diese Muslim wird so Gott will von Ihm geliebt werden.
    Jedes Wort im Koran spricht von Gottes Liebe. Auch Seine Mahnungen zeugen davon. Wenn ein Vater seinem Kind Ermahnungen auf seinen Weg mitgibt, dann meint er es nur gut und in Liebe zu seinem Kind. Viel stärker als wir es uns je vorstellen können, liebt Gott uns, seine Geschöpfe.
    Wir Muslime trennen nicht Leben und Religion, wir leben in Einklang mit Gottes Geboten. Dazu gehört auch die Liebe zu Gott

  2. Joerg sagt:

    Liebe Manaar,

    zu Deinem Kommentar fehlt nur der Like-Button, den ich direkt anklicken würde! 😉

    Jörg

  3. Johanna sagt:

    1. Johannes 4,10: Darin besteht die Liebe, nicht daß wir Gott geliebt haben, sondern daß Er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühnopfer für unsre Sünden.
    1. Johannes 4,19: Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.

  4. Frotz Müller sagt:

    Gott ist die Liebe. Die Liebe allein reicht aus, um ihm Nahe zu sein.
    Es sind keine Leistungen in Bezug auf Menge oder Religiöser Taten ünerhaupt erforderlich.
    Gottes Wille ist die Liebe zueinander, da er nur liebt. Daher ist alles was mit Leistung zu tun hat, fünf Mal beten, fasten etc. hinfällig. Die Beziehung zu Gott reicht völlig aus. Gott wird einem den Weg weisen. Gott muss nicht verzeihend oder bar,herzog sein, er ist die Liebe. Da ist schon alles drin. Das ist der grosse Unterschied zwischen dem was Jesus Christus als Lehrer während nur drei Jahre gelehrt hat und dem was danach geoffenbart worden sein soll. Durch die Liebe zu Gott, zu den Menschen ergäbe sich alles Weitere von selbst. Aber genau da versagt der Mensch. Dieses Versagen zu erkennen, immer wieder sich diesem zu stellen und neu mit der Liebe zu beginnen ist eine grosse Aufgabe. Keine Pilgerfahrt, kein Ableisten von fünfmaligen Gebeten kann diese innere menschlixhe Entwicklung fördern. Daher ist für mich persönlich der Islam keine Option. Denn die Liebe braucht keine Leistung. Sie ist einfach da. und Gott ist einfach da. immer überall von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ewig…. was ist der Mensch gegenüber der Ewigkeit. Im Islam, tut mir Leid, finde ich keinerlei Trost. nie. nur in der Lehre von Jesus.

    • Joerg sagt:

      Lieber Frotz Müller,

      vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich stimme Dir da uneingeschränkt zu: es sind keine zu erbringenden Leistungen jenseits der Liebe nötig, um Gott nahe zu sein. Für mich bedeutet das Doppelgebot der Liebe alles, und was außerhalb desselben steht, nichts.

      Ich bin aber auch fest davon überzeugt, dass es ein Umfeld – dazu gehören zum Beispiel Werte, Menschen, Gebäude, Landschaften, Riten und vieles mehr – gibt, in dem man diesen Weg der Liebe besser pflegen und beschreiten kann. Was dazugehört, ist für jeden unterschiedlich; aber zu den genannten Punkten:

      Das regelmäßige Gebet bringt einen Gott näher. Das habe ich (jeweils ganz unterschiedlich) in vier Ordensgemeinschaften erlebt, in deren Bibliotheken ich arbeiten durfte. Siebenmal am Tage und einmal in der Nacht in der monastischen Tradition unserer Kirche. Fünf feste Gebetszeiten , in den (auch beruflichen) Alltag integriert – das wäre was!

      Eine Pilgerfahrt: was gibt es sinnvolleres, als einmal im Leben (zumindest) einen Monat einmal auf Reise zu sein, um – fern vom Alltag – diese zeit nur allein Gott zu widmen?

      Einmal im Jahr wirklich verbindlich zu fasten, um Dankbarkeit für die Gaben Gottes auch als Ausdruck der Liebe zu entdecken? 7

      In regelmäßigen Zuwendungen vom eigenen Vermögen einen verbindlichen Teil abgeben, um der großen Kommerzreligion einen Gegenentwurf zu setzen?

      Regelmäßig den Glauben zu bekennen?

      Es ist völlig klar, dass nicht jeder Weg, die Liebe zu üben, jeden Menschen gleich anspricht. Und da – da stimme ich Dir auch zu – denke, dass in der Bergpredigt alles gesagt ist.

      Herzlich,

      Jörg

    • Gottlieb sagt:

      Lieber Trotz Müller,
      Gott ist nicht „die Liebe“. Gott ist der Ursprung der Liebe. Gott ist der Absolut Liebende, al-Wadud. Meine Meinung: Du mis-repräsentierst die Lehre Jesu und den Islam. Jesus hat nicht gelehrt, „die Liebe sei genug“. Jesus war praktizierender Jude unter dem jüdischen Gesetz. Er hat gepilgert, festgesetzte Ritualgebete zu bestimmten Zeiten verrichtet, gefastet, …

      Du sagst: „Dieses Versagen zu erkennen, immer wieder sich diesem zu stellen und neu mit der Liebe zu beginnen ist eine grosse Aufgabe. Keine Pilgerfahrt, kein Ableisten von fünfmaligen Gebeten kann diese innere menschlixhe Entwicklung fördern.“ Die Wirklichkeit ist: die Pilgerfahrt, das „Ableisten“ von fünfmaligen Gebeten ist genau die Form, die du deiner Liebe geben musst, wenn Sie wahrhaftig sein soll. (nicht ausschließlich, aber zumindest mal ein Anfang).

      Talk is cheap. You have to practice, what you preach.

      Deinen behaupteten Gegensatz zwischen deiner Vorstellung von der Lehre Jesu und deiner Vorstellung von Islam empfinde ich als arrogant.

  5. Hüseyin Lutfi sagt:

    Lieber Frotz Müller,

    der Islam gebietet nichts anderes als Liebe und zeigt diesen auch als einzigen Schlüssel zur Glückseligkeit. So wie Jesus und andere Propheten vor ihm auch immer über Liebe als Schlüssel gepredigt haben, hat auch unser Prophet Mohammed (sav) dies gepredigt.

    Es ist völlig in Ordnung, dass du im Christentum Trost findest. Dass du keinen Trost im Islam findest, liegt vielleicht daran, dass du es nicht finden möchtest (?). Anders lässt sich dieser Umstand nicht erklären. Ich jedenfalls finde wunderbaren Trost im Islam. Und ein Blick zum Christentum so wie auch Judentum reicht mir, um auch dort Botschaften des Trostes zu finden. Wenn man Trost sucht, findet man es unbedingt.

    Herzliche Grüße
    Hüseyin

  6. Pingback: Der Schlüssel (2:98-112) | Ein Christ liest den Koran

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