„Stille Nacht – Heilige Nacht“ – Die Flüchtlingsfamilie der Weihnachtslieder

Stille Nacht, heilige Nacht. Die wohlvertrauten Weihnachtslieder, die wir in dieser Zeit singen, gehören mit zum Fest, das wir als „Fest der Liebe“ feiern. Und so freuen wir uns über die stillen harmonischen Tage der Zeit „zwischen den Jahren“ bei Kerzenschein und gutem Essen.

Die erste Weihnacht lag fern jener Krippenromantik unter dem Tannenbaum; heute wäre es vielleicht eine Bauwagenkolonie. Betlehem wäre Wilhelmsburg, vor den Toren der großen Stadt, Jerusalem. Ein guter Mensch hat ein offenes Herz gezeigt: er hat zumindest seinen Stall für die junge Familie bereitgestellt, damit Jesus nicht auf offenem Feld – unter einem Brückenpfeiler – zur Welt kommen musste.

Betlehem ist aber auch der Beginn einer – man könnte sagen politischen – Verfolgung und Flucht. Im weiteren Verlauf wird es Maria und Josef mit ihrem Kind bis nach Ägypten verschlagen, bis sie letztendlich dann wieder nach Hause, ins heimatliche Nazareth, gelangen. Dort in Ägypten sind sie angewiesen auf Menschen mit offenen Herzen und offenen Händen.

Die Heilige Familie ist eine Flüchtlingsfamilie, und sie erinnert uns an die vielen Flüchtlingsfamilien aus Syrien und andern Ländern. Wenn es neben der Menschwerdung Gottes noch eine zweite Botschaft hinter der Weihnachtsgeschichte gibt, so mag es die sein: habt ein offenes Herz und offene Hände für Flüchtlinge!

Jesus wird später immer das Wohl der Armen, Gefangenen, Gedemütigten im Blick haben. Seine zentrale Botschaft des Gottesreichs ist stets mit dem Anspruch, für die Ausgegrenzten Sorge zu tragen, verbunden. „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, wird er später sagen. Menschendienst ist Gottesdienst. Deshalb gilt der größte Respekt den Institutionen und auch Einzelpersonen, die großmütig Flüchtlinge bei sich in diesen Tagen aufnehmen.

Die schlimmste Perversion von Weihnachtsliedern ist, sie in Kontexten der Ausgrenzung zu instrumentalisieren. Es ist erschreckend, dass die Leute, die sich „PEGIDA“ nennen, Weihnachtslieder singen, um damit schlimmste Hetze zu propagieren. Als wäre ihr Anliegen ein „christliches“. Das genaue Gegenteil ist der Fall.

Ich kann nicht jedem Anhänger der Bewegung unterstellen, Nazi zu sein. Mit Wahrscheinlichkeit ist auch ein großer Anteil von schlecht informierten Leuten – wie heißt es so schön ? – „aus der bürgerlichen Mitte“ dabei, die sich von der Extremrechten einbinden lassen. Schlimm ist jedoch, wenn sich Privatmeinungen einiger „Christen“ mit religiösen Motiven vermischen.

Ausgrenzung – insbesondere unter der Motivation des Hasses – ist nicht nur ein nicht-christliches Phänomen, sie steht vielmehr dem zentralen Motiv der christlichen Nächstenliebe unvereinbar gegenüber. Wer sich bewusst dem anschließt, steht damit außerhalb des Christentums und kann sich allenfalls noch institutionell „Christ“ nennen.

PEGIDA steht für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“.

Patriotismus meint in diesem Sinne nicht schlicht die Liebe zur Heimat. Patriotismus bedeutet in diesem Sinne die vermeintliche „Sendung“, die Heimat „rein“ zu halten von nichtheimatlichen Einflüssen.
„Islamisierung“ ist ein Schlachtbegriff, der diesen Einflüssen einen Namen zu geben scheint. Dadurch, dass es für ein Phänomen einen Namen gibt, wird suggeriert, dass es dieses Phänomen als reales Problem gibt. Wer sich ein wenig informiert – es genügt da eine dreiviertelstündige Recherche im Internet – wird feststellen, dass dem nicht so ist. Offensiv missionierende Islamisten vertreten völlig eindeutig nicht den Islam in Deutschland. Und es ist nichts als Hetze, dies zu suggerieren: angesichts der Lebenswirklichkeit nahezu aller Muslime in Deutschland, die ganz bewusst einen demokratischen Staat als Heimat gewählt haben und unsere Demokratie wertschätzen und stützen.
Und das „Abendland“? Wo stand noch einmal die Krippe der Weihnachtslieder? Wo hat Jesus gelebt und gewirkt? Soll der Okzident wirklich vor orientalischen Einflüssen <sic>durch Weihnachtslieder</sic> geschützt werden? Was soll man dem erwidern, der polemisch fragt, ob bei PEGIDA mithin nicht auch ganz schlichte Dummheit eine Rolle spielt?

Für uns Christen ist Weihnachten jedenfalls ein Anspruch, der sich nicht besser zusammenfassen lässt, als so: (Mt 25, 31-46)

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.

Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?

Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.

Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

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6 Kommentare zu „Stille Nacht – Heilige Nacht“ – Die Flüchtlingsfamilie der Weihnachtslieder

  1. Amal sagt:

    Lieber Jörg,

    was für ein wunderbarer und wahrer Artikel! Leider habe ich ihn erst jetzt entdeckt.
    Für das neue Jahr wünsche ich dir nur das Beste, Allahs Segen und eine wunderbare Zeit.

    Viele liebe Grüße
    Amal

  2. Gottlieb sagt:

    Hallo Jörg, vielen Dank für deine Unterstützung. Gegen die Hetzer von „Pegida“ und Co. Aber zur „Weihnachtsgeschichte“ – als Theologe weißt du doch, dass es diese eigentlich gar nicht gibt. Es gibt 2 unterschiedliche Geburtsberichte bei Matthäus und Lukas, die sich z.T. widersprechen. Es gibt keinen Stall. Die Flucht nach Ägypten findet sich nur bei Matthäus, und diese ist höchstwahrscheinlich nicht historisch, sondern theologisches Konstrukt.

  3. Joerg sagt:

    Hallo Gottlieb,

    dank Dir für Deine Hinweise. Sehr genau hast Du erkannt, dass der Jesus der Krippe (bei Lukas überliefert; ob sich die Krippe nun in einem Stall oder auf offenem Feld befand, ist tatsächlich offen; in unserer Tradition lösen wie uns aber nur ungern von der Vorstellung des Stalles) und der Jesus der Flucht nach Ägypten (bei Matthäus) nicht unbedingt mit dem historischen Jesus deckungsgleich übereinkommen. Letzterer mag mit nicht großer Unwahrscheinlichkeit in Nazareth in einer Handwerkerwohnung zur Welt gekommen sein.

    Gerade die beiden Weihnachtserzählungen mögen den Blick weiten – das ist wohl ihr Ansatz – auf eine Wirklichkeit hin, die der historischen Faktizität übergeordnet ist.

    Gegebenheiten, die historisch ungeklärt sind, können dennoch – vielleicht sogar gerade deshalb in besonderer Weise – wahr sein.

    Ähnlich verhält es sich ja auch in der bildenden Kunst. Ein Maler oder Bildhauer versucht nicht, Oberflächen wirklichkeitsgetreu zu rekonstruieren, sondern die den dargestellten Dingen innewohnende Wirklichkeit zu erfassen.

    Viele Grüße,

    Jörg

    • Gottlieb sagt:

      Hallo Jörg, vielen Dank für deine Antwort. Wie rechtfertigst du die Zusammenführung zu einer „Weihnachtsgeschichte“? Warum geschieht dies? Warum werden die möglichen Widersprüche innerhalb der beiden Erzählungen ignoriert? Um bei deiner Analogie der bildenden Kunst zu bleiben: Hier wird vom Kunstbetrachter jedes Bild individuell unterschieden, die Mona Lisa z.B. wird nicht mit anderen Kunstwerken vermengt.

      „Gerade die beiden Weihnachtserzählungen mögen den Blick weiten – das ist wohl ihr Ansatz – auf eine Wirklichkeit hin, die der historischen Faktizität übergeordnet ist.“ Das tun Märchen möglicherweise auch.

      Wir können heute natürlich versuchen, diese Geschichten irgendwie in der Weise zu interpretieren, wie du dies versuchst. Ich frage mich – was war die Intention der Autoren? Wenn sie das als historische Wahrheit darstellen, wie kann das einer „göttlichen Inspiration“ entsprechen?

      • Joerg sagt:

        Hallo Gottlieb,

        liturgisch werden beide Perikopen nicht vermischt, in der Erzählung der Weihnachtsgeschichte geschieht dies natürlich.

        Auch im Koran werden doch, wenn ich das in den Kommentaren so wahrnehme, Bezüge zwischen den Suren wahrgenommen und einzelne Versen vor dem Hintergrund anderer Verse in anderen Suren erläutert, oder sogar vor dem Hintergrund der nicht-koranischen Überlieferung (z. B. Hadithe), oder?

        In der Weihnachtskrippe haben neben Josef, Maria und dem Jesuskind auch die Heiligen drei Könige aus dem Morgenland, Caspar, Melchior und Balthasar, ihren Platz, obwohl sie in der biblischen Überlieferung zwingend weder heilig, noch drei, noch Könige sind und ihre Namen sind dort auch nicht verzeichnet. (Immerhin: aus dem Morgenland kommen sie!)

        Aber belegen, dass sie nicht existierten, keine Heilige, keine drei (es waren drei Geschenke, die sie brachten!) und keine Könige waren, kann auch niemand. (Immerhin kann man ja ihre Gebeine, die im Kölner Dom im Schrein liegen, verehren! Zählt man die Knochen, kommt man auf die Dreizahl.)

        Scherz beiseite: wie im Islam gibt es auch im Christentum eine nichtbiblische Tradition. Und die gehört ebenso zum Fundus des Christentums, wie die biblische Überlieferung.

        Herzliche Grüße,

        Jörg

        PS: “Das tun Märchen möglicherweise auch.” Stimmt.

        • Gottlieb sagt:

          Hallo Jörg, vielen Dank für die Antwort. Allerdings beantwortest du meine Fragen nicht wirklich. Vielleicht drücke ich mich auch falsch oder missverständlich aus. Ich will es mal so sagen: Die 3 Könige haben insofern keinen Platz an der Krippe, als es sich um 2 unterschiedliche Geschichten handelt, die schwerlich zusammen passen – meiner Meinung nach. Die 3 Könige gehören zu der Tradition mit der politischen Verfolgung, allerdings gibt es in dieser Geschichte keine Krippe, es gibt ein Haus in Bethlehem, in dem die Familie zuhause ist …. etc. In der Geschichte mit der „Krippe“ gibt es keine Flüchtlingsfamilie, keinen Kindermord, es geht alles seinen geregelten Gang, Beschneidung nach acht Tagen, Opfer im Tempel, Rückkehr nach Hause. Vielleicht liest du die Geschichten noch mal „horizontal“ nebeneinander. Meine Frage an dich: Warum werden die Widersprüche in den beiden biblischen Versionen ignoriert? Was denkst du war die Intention der Autoren? War es für sie Darstellung historischer Fakten?

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