Spiritualität: die Innerlichkeit des Glaubens (2:118-121)

Siehe, Gottes Rechtleitung ist die einzig wahre Rechtleitung.“ (2:120)

Wir hatten bereits den doppelten Ansatz des Korans in den Blick genommen. Für die folgenden Verse ist er besonders bedeutend und wird deshalb noch einmal ausdrücklich formuliert: „Wahrlich, wir haben dich (o Prophet) gesandt mit der Wahrheit, als Überbringer froher Kunde und Warner … .“ (2:119) Also:

1. Der Koran ist Rechtleitung für die Gläubigen (vgl. 2:2).

2. Dann aber mahnt er die Gläubigen vor Gefahren, die mit dem Glauben einhergehen. Somit wird der Gedanke der Verse 2:6 ff. weitergeführt. Wenn von den „Ungläubigen“ die Rede ist, geht es nicht in erster Linie um die Ungläubigen; vielmehr geht es immer um Gefahren, die die Gläubigen selbst bedrohen. Die Sünde der Leute der Schrift, wie wir gesehen haben, liegt nicht an der Beachtung der Schrift, sondern genau an deren Nichtbeachtung.

Die Gefahren und die Sünden, die z. B. Christen begehen, drohen eben auch muslimische Gottergebene zu korrumpieren. Allen Voran der Impuls, Unruhe zu stiften. (2:6 ff.)

Die Innerlichkeit des Glaubens

Bei den Versen 2:118-121 ist das offensichtlich. Die Sünde hier: die Menschen erwarten „Zeichen“, also Wunder Gottes, bevor sie glauben. Der Grund für diese Sünde wird im Folgenden erläutert: „Jene, denen Wir die göttliche Schrift gewährt haben, und die ihr folgen, wie ihr gefolgt werden soll – es sind sie, die wahrhaft an sie glauben; während alle, die es vorziehen, ihre Wahrheit zu leugnen – es sind sie, welche die Verlierer sind.“ (2:121) Also: Glaube heißt, den Blick auf Gott und Gottes Botschaft in den Heiligen Schriften zu wenden. Gläubig ist, wer Gott in seiner Offenbarung sucht.

Anders gesagt: nicht Wunder, Gottesbeweise oder heroische Taten in der Geschichte offenbaren die Wirklichkeit Gottes. Vielmehr ist es die persönliche Begegnung des Gläubigen mit Gott. Ein anderer Begriff dafür: Spiritualität. Dass Glaube nicht eine Sache äußerer Gottesbeweise ist, sondern immer einer inneren Haltung entspringt, machen die Verse deutlich: „Fürwahr, Wir haben alle Zeichen offenkundig gemacht für Leute, die mit innerer Gewissheit versehen sind.“ (2:118)

Ersatz für den innerlichen Glauben?

Wir haben bereits über das Gerangel zwischen den drei Religionen Gottes – Judentum, Christentum und Islam – in den vorangegangenen Beiträgen gesprochen. Die Botschaft auch dieser Verse (vgl. 2:120) greift diesen Gedanken auf. Keine Fürsprache von christlichen, jüdischen oder muslimischen Gottergebenen wird diese persönliche und innere Erfahrung Gottes ersetzen können. „Und bleibt euch bewusst (des Kommens) eines Tages, da kein Mensch einem anderen im geringsten nutzen wird, noch Auslösung von irgendeinem von ihnen angenommen werden wird, noch Fürsprache von irgendeinem Nutzen für sie sein wird, und keinem beigestanden werden wird.

Im Christentum gibt es den Gedanken der Fürsprache in Bezug auf das Heil: zeitliche Strafen für Sünden können durch Fürsprache von liebenden Hinterbliebenen genommen werden; Messen werden zur Tilgung zeitlicher Strafen für Verstorbene gelesen. Auch und vor Allem der Ablass als kirchlichem Gnadenakt zur Erlassung zeitlicher Strafen muss hier genannt werden. Was im Gnadengedanken seinen Ursprung hat, konnte leicht ausgenutzt werden, um genau die Innerlichkeit des Glaubens durch äußerliche Akte und ein entsprechendes Denken zu missbrauchen – bis hin zum institutionalisierten Missbrauch, der seinen Höhepunkt im Ablasshandel fand.

Weisung und Mahnung

Grundbotschaft des Korans hier ist also: glaube innerlich. Die Schriften sind Bürgen für Gott. Wer die Offenbarungen Gottes liest und nach ihnen handelt ist Gott nahe.

Wer allerdings auf Äußeres (Wunder und Zeichen) setzt, ist ebenso Gott ferne, wie der, der den persönlichen inneren Glauben durch Glaubensakte zu ersetzen sucht. Keine Tat, keine Fürsprache, vor allem kein äußerlicher religiöser Fanatismus ist ein Ersatz für innerlichen Glauben. Die Gläubigen werden in diesen Koranversen deutlich vor diesem Irrschluss gewarnt. Der Bezug zum Beginn der Sure mit der Charakterisierung des „Unruhestifters“ als Paradigma des Ungläubigen (er führt Gott, Gott, Gott im Munde und wendet sich, sobald er alleine ist, seinen eigenen Dämonen zu; vgl. 2:6 ff.) ist hier offensichtlich.

Nicht menschliche, sondern, „Siehe, Gottes Rechtleitung ist die einzig wahre Rechtleitung.“ (2:120)


Jean-Léon Gérôme, Das Gebet (1865). Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)


Jean-Léon Gérôme, Das Gebet (1865). Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)


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5 Kommentare zu Spiritualität: die Innerlichkeit des Glaubens (2:118-121)

  1. Joerg sagt:

    Dazu kommt gerade passend ein Link von evangelisch.de:
    „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ (Sam 16,7)
    Diese Stelle aus der hebräischen Bibel (also aus der jüdischen Tradition) ist bei meinen Brüdern und Schwestern der Evangelischen Kirche (ich bin ja Katholik) einer der Top-10 Konfirmationssprüche. (Konkret: die 10.)
    Interreligiöser und interkonfessioneller kann der Koran wohl kaum bestätigt werden, oder?
    Jörg

    • gottlieb sagt:

      Ich empfehle Recherche zur Bedeutung des Wortes „iman“in der islamischen Tradition, i.d.R. übersetzt als „Glaube“.

      • Joerg sagt:

        Hallo Gottlieb,

        dank Dir für den guten Hinweis.

        Überraschend kurz, aber vielsagend, ist der Artikel Iman in Wikipedia. Ich zitiere einmal zwei Passagen:

        Īmān (arabisch إيمان, DMG īmān) ist der Glaube (an Gott) in der islamischen Religion. Das Wort Iman ist das Verbalsubstantiv der IV. Form des Stammes ʾmn, welches auch in anderen semitischen Sprachen das Konzept von Vertrauen und Sicherheit zum Ausdruck bringt (siehe Amen), hat also eine doppelte Bedeutung, nämlich zum einen „Glauben“ im Sinne von „an etwas glauben“, aber auch „beschützen, sichern“.

        Dabei sind drei Grundelemente von Bedeutung:
        – Iʾtiqād (Taṣdiq) b ʾl Qalb (Innere Überzeugung)
        – Iqrār b ʾl lisān (b ʾl qawl) (Die Überzeugung aussprechen)
        – ʾAmal (Durchführung der vorgeschriebenen Handlungen)“

        (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/%C4%AAm%C4%81n , 28.2.2017)

        Jörg

        • Gottlieb sagt:

          D.h. du betreibst diese „Exegese“ ohne dich mit dem islamischen Verständnis vertraut zu machen? Wikipedia vielleicht nicht akademisch erschöpfend.

  2. Joerg sagt:

    Hallo Gottlieb,
    ein sehr guter Hinweis. Muss ich jetzt „erwischt“ einräumen? – Ich glaube, nicht.
    Zunächst: ein Blog ist in der Regel kein wissenschaftliches, sondern ein journalistisches Format. Und in diesem Kontext verstehe ich meinen Blog auch.
    Ein zweites: mein Blog kann kein im islam. Sinne Tafsir (Auslegung) sein. Meinen Ansatz erkläre ich auf der About-Seite. Und diesem Ansatz will ich auch treu bleiben.
    Und dann Wikipedia: Bei aller Unzulänglichkeit im wissenschaftlichen Kontext halte ich Wikipedia für großartig geeignet zur „Alltagsforschung“.
    Und wenn Wikipedia dann kurzgefasst genau das bestätigt, was ich auch entdeckte… Nicht in einem Beitrag, aber in einem Kommentar gebe ich’s dann auch weiter.
    Dank Dir, dass Du mich so gezwungen hast, die Metaebene noch einmal in den Blick zu nehmen und die Methodik zu reflektieren.
    🙂
    Jörg

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