„Stille Nacht – Heilige Nacht“ – Die Flüchtlingsfamilie der Weihnachtslieder

Stille Nacht, heilige Nacht. Die wohlvertrauten Weihnachtslieder, die wir in dieser Zeit singen, gehören mit zum Fest, das wir als „Fest der Liebe“ feiern. Und so freuen wir uns über die stillen harmonischen Tage der Zeit „zwischen den Jahren“ bei Kerzenschein und gutem Essen.

Die erste Weihnacht lag fern jener Krippenromantik unter dem Tannenbaum; heute wäre es vielleicht eine Bauwagenkolonie. Betlehem wäre Wilhelmsburg, vor den Toren der großen Stadt, Jerusalem. Ein guter Mensch hat ein offenes Herz gezeigt: er hat zumindest seinen Stall für die junge Familie bereitgestellt, damit Jesus nicht auf offenem Feld – unter einem Brückenpfeiler – zur Welt kommen musste.

Betlehem ist aber auch der Beginn einer – man könnte sagen politischen – Verfolgung und Flucht. Im weiteren Verlauf wird es Maria und Josef mit ihrem Kind bis nach Ägypten verschlagen, bis sie letztendlich dann wieder nach Hause, ins heimatliche Nazareth, gelangen. Dort in Ägypten sind sie angewiesen auf Menschen mit offenen Herzen und offenen Händen.

Die Heilige Familie ist eine Flüchtlingsfamilie, und sie erinnert uns an die vielen Flüchtlingsfamilien aus Syrien und andern Ländern. Wenn es neben der Menschwerdung Gottes noch eine zweite Botschaft hinter der Weihnachtsgeschichte gibt, so mag es die sein: habt ein offenes Herz und offene Hände für Flüchtlinge!

Jesus wird später immer das Wohl der Armen, Gefangenen, Gedemütigten im Blick haben. Seine zentrale Botschaft des Gottesreichs ist stets mit dem Anspruch, für die Ausgegrenzten Sorge zu tragen, verbunden. „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, wird er später sagen. Menschendienst ist Gottesdienst. Deshalb gilt der größte Respekt den Institutionen und auch Einzelpersonen, die großmütig Flüchtlinge bei sich in diesen Tagen aufnehmen.

Die schlimmste Perversion von Weihnachtsliedern ist, sie in Kontexten der Ausgrenzung zu instrumentalisieren. Es ist erschreckend, dass die Leute, die sich „PEGIDA“ nennen, Weihnachtslieder singen, um damit schlimmste Hetze zu propagieren. Als wäre ihr Anliegen ein „christliches“. Das genaue Gegenteil ist der Fall.

Ich kann nicht jedem Anhänger der Bewegung unterstellen, Nazi zu sein. Mit Wahrscheinlichkeit ist auch ein großer Anteil von schlecht informierten Leuten – wie heißt es so schön ? – „aus der bürgerlichen Mitte“ dabei, die sich von der Extremrechten einbinden lassen. Schlimm ist jedoch, wenn sich Privatmeinungen einiger „Christen“ mit religiösen Motiven vermischen.

Ausgrenzung – insbesondere unter der Motivation des Hasses – ist nicht nur ein nicht-christliches Phänomen, sie steht vielmehr dem zentralen Motiv der christlichen Nächstenliebe unvereinbar gegenüber. Wer sich bewusst dem anschließt, steht damit außerhalb des Christentums und kann sich allenfalls noch institutionell „Christ“ nennen.

PEGIDA steht für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“.

Patriotismus meint in diesem Sinne nicht schlicht die Liebe zur Heimat. Patriotismus bedeutet in diesem Sinne die vermeintliche „Sendung“, die Heimat „rein“ zu halten von nichtheimatlichen Einflüssen.
„Islamisierung“ ist ein Schlachtbegriff, der diesen Einflüssen einen Namen zu geben scheint. Dadurch, dass es für ein Phänomen einen Namen gibt, wird suggeriert, dass es dieses Phänomen als reales Problem gibt. Wer sich ein wenig informiert – es genügt da eine dreiviertelstündige Recherche im Internet – wird feststellen, dass dem nicht so ist. Offensiv missionierende Islamisten vertreten völlig eindeutig nicht den Islam in Deutschland. Und es ist nichts als Hetze, dies zu suggerieren: angesichts der Lebenswirklichkeit nahezu aller Muslime in Deutschland, die ganz bewusst einen demokratischen Staat als Heimat gewählt haben und unsere Demokratie wertschätzen und stützen.
Und das „Abendland“? Wo stand noch einmal die Krippe der Weihnachtslieder? Wo hat Jesus gelebt und gewirkt? Soll der Okzident wirklich vor orientalischen Einflüssen <sic>durch Weihnachtslieder</sic> geschützt werden? Was soll man dem erwidern, der polemisch fragt, ob bei PEGIDA mithin nicht auch ganz schlichte Dummheit eine Rolle spielt?

Für uns Christen ist Weihnachten jedenfalls ein Anspruch, der sich nicht besser zusammenfassen lässt, als so: (Mt 25, 31-46)

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.

Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?

Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.

Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

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Das ist nicht katholisch!

Liebe Mitlesenden,

selten äußere ich mich zu aktuellen Themen im Netz; hier allerdings ist mir eine Klarstellung wichtig.

Eine Internet-Community wirbt unter einem Schlagbegriff für ihre Veranstaltungen, der ausgesprochen unangemessen ist. „Deus vult“ war der Schlachtruf christlicher Kreuzfahrer im Mittelalter: Gott wolle diesen Krieg. Unter diesem Schlachtruf wurde übel gemordet, wurden Menschen ihrer Heimat vertrieben, wurden Kulturen vernichtet. „Deus vult“ steht für alles Üble, was die Kirche im Namen Gottes anderen Menschen angetan hat.

Ebenso wie dieser Schlachtruf falsch war (obgleich von einem Papst verkündet), so ist auch diese Internet-Homepage weder gut, noch wahr, noch recht, noch katholisch. Diese Seite steht außerhalb unseres kirchlichen Kontextes: „Unruhestifter“ gibt es auch unter solchen, die formal sich Christen nennen, die die Botschaft Jesu aber nicht im Ansatz verstanden haben.

Die Seite ist – entgegen eigener Bezeichnung – nicht „katholisch“. Und die „Nachrichten“ sind keine Nachrichten, sondern Hetze.

Jörg

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„… welche die Schrift selbst schreiben“ (2:75-86)

Wünscht Ihr, dass sie euch Glauben schenken? Aber ein Teil von ihnen hat Allahs Wort vernommen und verstanden und hernach wissentlich verdreht. Wenn sie den Gläubigen begegnen, so behaupten sie: ‚Wir glauben!‘ Wenn sie jedoch allein unter sich sind, sagen sie: ‚Wollt Ihr ihnen erzählen, was Allah euch offenbarte, damit sie es eines Tages vor eurem Herrn im Streit gegen euch verwenden? Seid ihr von Sinnen?‘ Wissen sie nicht, dass Allah weiß, was sie verheimlichen und was sie offen tun? Unter ihnen gibt es auch Ungelehrte, welche die Schrift nicht kennen, sondern nur Wunschvorstellungen und Vermutungen haben. Aber wehe jenen, welche die Schrift selbst schreiben, dann aber sagen: ‚Dies ist von Allah!‘ und das für einen winzigen Preis. Wehe ihnen dessentwegen, was ihre Hände geschrieben haben und wehe ihnen wegen ihres Gewinns!“ (2:75-79)

Zunächst steht hier vordergründig der Vorwurf im Raum, die Offenbarung, die Schrift der Leute des Buches, sei verfälscht worden. Ist aber die Verfälschung des Wortes Gottes tatsächlich die Stoßrichtung, in die diese Verse zielen? Ein genauer Blick auf die Verse zeigt, dass das nicht der Fall sein kann.

Vordergründig geht es um die Zeit des Mose: die Verse schließen direkt an die Begebenheit mit der Kuh (Verhärtete Herzen und Steine …) an. Bis Vers 74 sind mit „sie“ das Volk, zu dem Mose sprach (Vers 67) gemeint. Und da die Tora dem Mose zugeschrieben wurde – sie sind uns ja auch als die „5 Bücher des Mose“ bekannt – würde eine solche Interpretation irgendwie passen. Und vielleicht mag dieser Gedanke auch eine Rolle spielen. Darauf bin ich an anderer Stelle schon umfassend eingegangen (Gottes Wort).

Dass diese plagiative Verfälschung des Wortes Gottes aber nicht im Zentrum der Verse steht, zeigen zwei Indizien deutlich.

Zunächst einmal findet in Vers 75 ein „Adressatenwechsel“ statt: „Wollt ihr, dass sie euch glauben schenken? Aber ein Teil von ihnen hat Allahs Wort verstanden und hernach wissentlich verdreht.“ (2:75)

Nicht die Zeitgenossen des Mose sind angesprochen, sondern Menschen, die der Botschaft der Gläubigen folgen, also Zeitgenossen des Propheten und die späteren Generationen. Die Schriften der „Leute des Buchs“ sind längst verfasst. Völlig eindeutig muss eine andere Art der Verfälschung des Wortes Gottes gemeint sein.

Der zweite Hinweis: in den auf Vers 75 folgenden Versen geht es nur in den ersten Zeilen um das Thema der Verfälschung der Schrift. In den folgenden Versen geht es um die Sünde allgemein, den Erwerb übler Dinge oder Eigenschaften, Unglaube, Gotteslästerung, Mord, Raub, Vertreibung Gefangener.

Die Gegenfolie dazu ist die Heilige Schrift selbst: die Versprechen des Volkes, die es nicht und nicht und nicht einhält. Darum wird wiederholt das Versprechen der Gläubigen (Juden) memoriert. Und der Anspruch mit der Fehlbarkeit der Menschen verglichen. Es geht um die durch Gottes Wort verbürgten Grundgebote des Glaubens, wie sie in den 10 Gebote, die Moses dem Volk offenbart, expliziert sind. Und um die Grundhaltung, die letztlich im Gebot der Liebe mündet: der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen.

Gott selbst offenbart die Grundgebote des Glaubens: Mose empfängt die zehn Gebote, Mosaik im Katharinenkloster (Sinai), 6. Jahrhundert


Gott selbst offenbart die Grundgebote des Glaubens:
Mose empfängt die zehn Gebote
Mosaik im Katharinenkloster (Sinai), 6. Jahrhundert
Foto: Public Domain; Quelle: Wikipedia, www.icon-art.info/…


Und damit wird deutlich, welches der Vorwurf dieser Verse ist: nicht die Schrift ist falsch, sondern diese Schrift ‚hernach wissentlich zu verdrehen‘ (2:75), durch ‚ihre Hände‘ zu schreiben (2:79). Wie kann man sich das vorstellen?

Die Heilige Schrift kann nur allzu leicht missbraucht werden, um von ihrer eigentlichen Botschaft abzulenken. Will ich beispielsweise aggressives kriegerisches Verhalten decken, so gelingt mir das gut mit der Bibel. Passende Perikopen finde ich. Und wenn ich dann die zentralen Grundaussagen, die auf nur wenigen Seiten kompakt zusammengefasst sind, ausblende oder „weich“ interpretiere, finde ich Rechtfertigung für böse Übeltaten. Genau das ist aber ein „Umschreiben“, Verfälschen der Schrift.

Gottes Wort für die eigenen Untaten zu instrumentalisieren: das ist das Vorgehen der Unruhestifter. Wieder begegnet uns der Typus des Menschen, der „Allah“ im Munde und seine eigenen Dämonen im Herzen führt. Zu Beginn der Sure als Inbegriff des Ungläubigen genannt, nun tritt er wieder in Erscheinung. Versteckt er sich zu Beginn der Sure unter den Muslimen, so versteckt er sich hier nun unter den jüdischen Gläubigen (die in diesem Fall gegebenenfalls auch für die Christen und Sabäer stehen).

Das Entscheidende: es ist im Text selbst explizite bezeugt, dass es hier nicht darum geht, die Schrift als solche als verfälscht darzustellen. Vielmehr werden die Verschleierungsmechanismen benannt und verurteilt: „Wenn sie den Gläubigen begegnen, so behaupten sie: ‚Wir glauben!‘ Wenn sie jedoch allein unter sich sind, sagen sie: ‚Wollt Ihr ihnen erzählen, was Allah euch offenbarte, damit sie es eines Tages vor Eurem Herrn im Streit gegen euch verwenden? Seid ihr von Sinnen?‘“. (2:76) Nicht die Schriften an sich, sondern eine falsche Predigt der Schriften wird verurteilt.

Man muss auch den Kontext dieser Zeilen beachten: es geht in dieser zweiten Sure um das Verhältnis zwischen den Gläubigen der drei Religionen: um Offenbarung, „Rechtleitung“ (ethische Aspekte) und das Verhältnis der Heiligen Schriften zueinander. Darauf komme ich noch in einem späteren Beitrag zu sprechen. An dieser Stelle ist aber dies festzuhalten:

Es ist eine Erfahrung, die viele wohl machen, dass zahlreiche Menschen oft genug ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden, unter den eigenen Freunden, Landsleuten und im Kontext der eigenen Religion. Aus Fehlentwicklungen zu lernen ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen des zwischenmenschlichen Miteinanders schlechthin. In diesem Sinne ist es absolut legitim und hilfreich, auch fremde Gruppen in den Blick zu nehmen. Fehlentwicklungen auch hier dürfen und sollten benannt werden, um, neben einem Programm für richtiges Verhalten, auch die Gefahren und Fallstricke menschlichen Handelns zu kennen. Es geht nicht darum, andere herabzusetzen. Vielmehr geht es darum, wachsam zu sein, wenn Entwicklungen in den eigenen Reihen in die falsche Richtung gehen: als „Rechtleitung für die Gläubigen“ (2:1), als ‚warnendes Beispiel für die Mit- und Nachwelt‘ und ‚Lehre für die Gottesfürchtigen‘ (2:66). Die Kritik zielt also in ihrem gesamten Ansatz nach innen und nicht nach außen. Thema ist der Weg des Gläubigen mit Gott, wie es programmatisch die Fatiha vorgibt.

Vor diesem Hintergrund kann ich im nächsten Beitrag nun eine erste kleine Annäherung an das zentrale Gebet des Islam, al-Fatiha, Sure 1, wagen.

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Der gemeinsame Glaube an den Einen Gott (3)

Siehe, die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer an Allah glaubt und den Jüngsten Tag und das Rechte tut, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht kommt über sie und sie werden nicht traurig sein.“ (2:62)

3. Missionierung

Die Gottesbegegnung jedes Menschen hat stets biografische Züge. Muslimen wie Christen ist es ein Anliegen, den Menschen, denen sie begegnen, von Gott und von ihrem persönlichen Weg mit Gott zu erzählen. Das ist richtig, gut und wichtig: so trägt Gott selbst seine Botschaft in die Welt.

Geht man jedoch davon aus, dass Vollendung nur für die kleine Gruppe der Anhänger der eigenen Religion möglich ist, so läuft man Gefahr, dass die Rede von Gott eine gefährliche Eigendynamik entwickelt.

Am Anfang steht da eine ernste Sorge. Diese gilt den Menschen, die es für den rechten Glauben zu gewinnen gilt. Wenn man als Christ davon ausgeht, dass man, um das Heil erlangen zu können getauft sein muss, dann fühlt man sich der privilegierten Gruppe der ca. 2, 3 Milliarden Geretteten zugehörig. Als wohl wichtigste Aufgabe stellt es sich denjenigen dar, die übrigen 4, 9 Milliarden „Heiden“ für das Himmelreich zu gewinnen. Wer 1000 Menschen tauft ist zehnmal so erfolgreich wie der, der nur 100 Menschen tauft. Und wen man nicht erreicht, der ist für die Erlösung verloren.

Der große Missionar Franz Xaver gründete in Ostasien zahlreiche Gemeinden und begeisterte die Menschen von Gott. Er tat dies mit Klugheit, Offenheit, und man hat fast den Eindruck, er hörte den Menschen mehr zu, als dass er kluge Predigten hielt. Aber je mehr Menschen er erreichte: er litt Qualen um jeden, den er nicht erreichen konnte und rieb sich bisweilen persönlich bis an alle Grenzen auf, um den Menschen Gott nahezubringen. Davon zeugen zahlreiche Briefe, die in Ausschnitten auch im Internet publiziert sind.

So lobenswert der Ansatz, andere von Gott zu begeistern, ist, so liegt doch ein grundlegend störendes Moment in dieser Praxis.

Das Heil des Menschen wird als ein zukünftiger Lohn für die Gottesfürchtigen gesehen, nicht als bereits im Leben angebrochene Wirklichkeit. Das Gottesreich wird also in eine Zukunft nach dem Tode verschoben. An die Stelle der Freude an der guten Botschaft Gottes tritt eine andere Emotion: die (gegenüber den zu Bekehrenden durchaus empathische) Furcht vor deren Verdammnis. An die Stelle des Dialogs der Monolog, die Predigt. Eine solche Missionierung läuft immer Gefahr, aggressiv, überwältigend zu sein. Andersgläubige erscheinen in einem schlechten Licht: ihnen wird unterstellt, sie führen andere Menschen von Gott weg. Und so seien sie Feinde Gottes, Feinde der Menschen. Fürchterliche Ereignisse wie Kreuzzüge, Religionskriege und Hexenverbrennungen gründen letztendlich in ebendiesem Irrtum.  Und für den Missionierenden selbst tritt an die Stelle der eigenen Gottsuche die Täuschung, Gott bereits gefunden zu haben.

4. Exklusive Interpretation der Heilsfrage

Eines scheint weiterhin bei diesem Ansatz gebrochen: das Vertrauen in die Liebe Gottes. Das Heilshandeln Gottes dient allen Menschen. Der alte, in meiner Kirche immer noch verbindliche Glaubenssatz, dass „niemand außerhalb der katholischen Kirche (…) des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist“ (Neuner/Roos, Der Glaube in den Urkunden der Lehrverkündigung, 4. Aufl. 1954, S. 213), kann nicht wortwörtlich ausgelegt werden. Diese „exklusive“, „ausschließende“ Auslegung jedoch war im 16. Jahrhundert zu Franz Xavers Zeiten der Fall.

5. Inklusive Interpretation

Heutige Theologen vertreten Vorstellungen, die von „konzentrischen Kreisen“ ausgehen: die Katholiken stehen damit im inneren Kreis der „Kirche“, die auf die Apostel zurückgeht, in einem weiteren Kreis dann die getauften nicht-katholischen Christen, dann weiter außen die Gottsuchenden aus Islam und Judentum, die an den Einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde glauben, in einem weiteren Kreis die Gottsuchenden der anderen Religionen, dann in weiteren Kreisen die Atheisten, die Gottes Gebote als moralisches Gesetz achten und so weiter. Der Begriff der Kirche wird also als eine Art erweiterter Ökumene (Ummah) verstanden, der die Menschen der Welt entsprechend ihrer Berufung angehören. In einem solchen Ansatz wird der Glaubenssatz nicht bestritten, aber „inklusiv“, „einschließend“ interpretiert. Er befreit von der Furcht und dem Zwang, alle „armen Seelen“ retten zu müssen und eröffnet Wege zu wirklichem Austausch und Dialog. Eine Schwachstelle hat der inklusiver Ansatz aber: er vereinnahmt die Gläubigen anderer Religionen, macht sie zu (so ein weiterer Schlagbegriff) „anonymen Christen“.

Zumindest aber unterliegt er nicht dem offensichtlichen Irrtum der traditionellen „exklusiven“ Interpretation, Menschen aufgrund einer „falschen“ Religionsausübung die Vollendung zu verwehren.

6. Pluralistische Interpretation

Es gibt noch einen dritten, sehr sympathischen, Ansatz, den „pluralistischen“. Hier wird ganz schlicht jeder Religion dieselbe Wertigkeit eingeräumt: alle Religionen und auch die ethischen Werten verpflichteten Philosophien werden als gleichwertige Wege zur Vollendung interpretiert. Diese Vorstellung hat zunächst einigen Charme, löst auch die Aporien der anderen Ansätze durchaus, wird jedoch dem Wahrheitsanspruch der monotheistischen Religionen nicht gerecht.

7.  „Gott ist größer“: die Lösung des theologischen Problems im Koran

Für mich als westlichen Theologen erschließt der Koran nun die Lösung für dieses theologische Problem. Sure 2 zeigt: es ist überhaupt nicht wichtig, zu entscheiden, ob man nun in-, exklusiv- oder pluralistisch die Heilsfrage angeht. Es ist viel einfacher: glaube an Gott, suche Gott, und du wirst deinen Lohn beim Herrn haben. Ob du nun in der Religion des Islam, des Juden- oder Christentums oder als Sabäer ein Gottergebener (Muslim) bist: keine Furcht kommt über dich . Wohin dich Deine Suche nach Gott auch führt: Du wirst nicht traurig sein.

Mit anderen Worten: die Frage nach Gott (Theo-logie) wird unabhängig von der Frage nach dem Heil (Soterio-logie) behandelt.

Einfacher und klarer lässt sich der Widerspruch zwischen den Ansätzen nicht auflösen: ohne den Großteil der Menschheit der Verdammnis preisgeben zu müssen (exklusivistischer Ansatz), ohne die anderen Religionen zu vereinnahmen (inklusivistische Interpretation), ohne ein schlichtes Nebeneinander von gleichwertigen Religionen konstatieren und damit den Anspruch der eigenen Religion zugunsten einer großen Beliebigkeit aufgeben zu müssen (Pluralismus), löst sich das theologische Problem der Vielfalt der Religionen in der altbekannten Erkenntnis: „Allahu akbar“, „Gott ist größer“, größer, als dass Er sich in unsere Denkmuster pressen ließe, größer, als dass Seine Gerechtigkeit Seiner Barmherzigkeit zuwiderlaufe.

Für uns Christen realisiert sich das zentrale Heilswirken Gottes in einer historischen Person: Jesus, von dem wir glauben, dass er den Bruch zwischen Gott und dem Menschen ein für alle mal überwunden hat. Er hat das Heil bewirkt, für alle Menschen bewirkt, und darin hat der (erst seit dem 15. Jahrhundert verbindliche) Lehrsatz seine Wahrheit: die Katholische Kirche sucht den Einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der sich Menschen offenbart und der allen Menschen sein Gesetz ins Herz geschrieben hat. Jenseits dieses Gottes gibt es kein Heil. Dass aber hier religiöse oder gar konfessionelle Grenzen aufgebaut sind, ist allein schon deshalb nicht denkbar, da Jesus selbst nicht etwa Christ, sondern Jude war. (Die Kirche gründete sich zum Pfingstereignis, also nach Christi Tod, Auferstehung und Himmelfahrt.)

Noch am Kreuz verheißt Jesus einem der beiden mit ihm gekreuzigten Verbrecher das Heil: einem Juden, der im rechten Moment Einsicht in seine Sünden zeigt, der im rechten Moment der Stimme seines Herzens folgt und zuletzt Jesus bittet, seiner zu gedenken (s. Kommentar).


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Der gemeinsame Glaube an den Einen Gott (2)

Siehe, die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer an Allah glaubt und den Jüngsten Tag und das Rechte tut, die habe ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht kommt über sie und sie werden nicht traurig sein.“ (2:62)

2. Gottsuche und  Heilsmöglichkeit: ein Trugschluss

Dass das christliche und das muslimische Gottesbild unterschiedlich sind, habe ich in vorangegangenen Artikeln bereits erläutert, und das wird freilich auch nicht in den kirchlichen Dokumenten verschleiert. Die Unterschiede zeigen sich vor allem in Bezug auf die christliche Vorstellung eines „dreifaltigen“ Gottes und in Bezug auf die personale Begegnung Gottes im Menschen Jesus. Diese Gottesbilder bleiben aber letztlich in zeitlich und endlich formulierter Sprache Bilder für die unbegrenzte und ewige Wirklichkeit Gottes, die in ihrer Fülle uns zu erkennen verwehrt bleibt. Und so ist der Mensch, der Gottes Spuren folgt, stets Suchender.

Diese Suche ist zugleich immer auch eine Liebesgeschichte des Suchenden mit Gott. Wie jede Liebesgeschichte berührt sie den ganzen Menschen. Wie jede Liebesgeschichte wird auch Raum gegeben, die Liebe zu bezweifeln und hinterfragen. Und wie jede Liebesgeschichte will sich auch die Liebe zu Gott mitteilen; Liebe genügt nie sich selbst, sondern will vom gemeinsamen Glück erzählen, andere teilhaben lassen. In der Familie drückt sich das u. A. auch in dem Wunsch zweier Partner nach Kindern aus: Liebe ist nur vollkommen, wenn sie sich verschenkt.

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Die zwischenmenschliche Liebe als Bild für die Gottesliebe:
Marc Chagall, Das Hohelied III.
Foto: Christoph Gäbler, www.gaebler.info


Die Begeisterung von Gott – nicht gemeint ist ein kurzes spontanes Glücksgefühl des „Verliebtseins“, sondern vielmehr eine das Leben hindurch tragende Beziehung – mit anderen zu teilen, andere daran teilhabenlassen zu wollen, das ist unsere „Sendung“, „Mission“.

Ein Gläubiger, der bei seiner Gottsuche an einem Punkt meint, Gott nun ganz und gar zu kennen, ist wie ein Liebender, der glaubt, alles über seinen Partner zu wissen. Dieser wird auf kurz oder lang ent-täuscht werden: auch bei einem alten Ehepaar wird es vorkommen, dass die Partner einander noch überraschen. Ein Gläubiger, gleich welcher Religion, der die eigenen Bilder absolut setzt, ist wie ein Liebender, der seine eigene Liebesbeziehung absolut setzt und meint, man könne auf keine andere Art lieben, als auf die eigene. Er verkennt, dass es in jeder Beziehung tausende Spielarten der Liebe gibt, dass jede Liebesgeschichte letztendlich unterschiedlich verläuft.

Letzte Konsequenz ist eine unstatthafte Vermischung: die Verwechslung der Gottesfrage mit der Frage nach dem Heil. Nur, so der Fehlschluss, wer genau „meine“ Gottesbilder teilt, nur wer meiner Religion, nur wer (gerade in Sekten häufig anzutreffen) meiner religiösen Community (oft auch Splittergruppe) angehört, hat Aussicht auf eine jenseitige Erlösung, die das Ziel des Glaubens sei.

Diese Auffassung ist in zweierlei Hinsicht falsch.

1. Im Glauben geht es in erster Linie nicht darum, nach dem Tode gerettet zu werden. Wäre dies das einzige Ziel und der Sinn des Glaubens, dann wäre der Glaube ein letztlich selbstbezogener Akt, der allein auf Verdienst und Lohn beruht. Analog wäre Gott ein selbstbezogener Gott, dessen Mittelpunkt es sei, sich anbeten zu lassen. Tatsächlich ist die Erlösung eine Verheißung an uns Menschen. Allerdings ist sie nicht das Ziel der Glaubensvollzüge. Vielmehr muss die Hinwendung zu Gott, die personale Begegnung mit Gott, letztendlich das Wagnis einer Liebesbeziehung zu Gott, das Ziel des Glaubens sein.

Dieses erfüllt sich nicht in einem fernen Jenseits, sondern bereits im Hier und Jetzt. Die Erlösung ist dann die daraus resultierende Fortführung und endgültige Vollendung dieser Liebesgeschichte mit Gott. Vollendung ist kein Lohn für Treue, wie ihn ein König seinem Vasallen zuteilt, sondern die Bestätigung einer bereits im Diesseits erstrebten Wirklichkeit.

2. Wir bezeugen als Christen von  Gott, dass er alles Seiende aus einem Motiv heraus erschaffen hat: er als der Gott der Liebe will diese Liebe in seiner Schöpfung allem Seienden mitteilen. Aus Liebe hat alles Seiende auf seine Art teil daran: der Stein durch seine Existenz, die Pflanze durch das in ihr geborgene Leben, die Tiere durch ihre Sinnlichkeit und der Mensch durch die Fähigkeit, diese Liebe in Wörter und Worte zu fassen und die Schöpfung von daher zu verstehen und alles geschaffene einzuordnen. Es ist mir unmöglich zu glauben, dass ein solcher Gott der Liebe das grundsätzliche Scheitern eines seiner Geschöpfe deshalb wollen sollte,  weil es in Fragen der Religion eine falsche Entscheidung getroffen hat.

Wenn mein Glaube ganz fest an die Gottesbilder einer konkreten Religion gebunden ist, dann ist diese Sicherheit, die der Glaube bietet, Ausdruck der persönlichen Suche nach Gott. Ein Grundirrtum ist es aber, aus diesem Bild von Gott eine Antwort auf die Frage nach dem Heil abzuleiten, die darauf hinausläuft, die Möglichkeit der Vollendung anderen abzusprechen.   Geht eine Religion davon aus, dass Vollendung nur für die kleine Gruppe der Anhänger ebendieser Religion möglich ist, so läuft sie Gefahr, dass ihre Rede von Gott eine gefährliche Eigendynamik entwickelt, an der nicht zuletzt wir Katholiken in unserer Kirchengeschichte oft genug gescheitert sind.


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Der gemeinsame Glaube an den Einen Gott (1)

Siehe, die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer an Allah glaubt und den Jüngsten Tag und das Rechte tut, die habe ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht kommt über sie und sie werden nicht traurig sein.“ (2:62)

1. Stellungnahmen der Kirchen

Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten. Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.

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Die Väter des II. Vatikanischen Konzils
Foto: Lothar Wolleh (Wikipedia)


Dies steht nicht in einem Schreiben irgendeines Papstes, eines Bischofs, Theologen oder irgendeiner kirchlichen Institution. Dieses Zitat kommt aus dem Herzen der Katholischen Kirche selbst, ist Bestandteil ihrer Verfassung. In den 1960er-Jahren rief der damalige Papst Johannes XXIII. die Bischöfe zusammen, um der Kirche in einem 5 Jahre währenden Prozess eine neue verbindliche Ausrichtung zu geben. Das obige Zitat stammt aus der Konzilserklärung „Nostra aetate“ (Kap. 3). Die Aussagen dieser Erklärung sind zwar nicht im Sinne eines Dogmas unfehlbar, aber sie „müssen alle und jeder der Christgläubigen als Lehre des obersten kirchlichen Lehramtes annehmen und festhalten…“ (123. Generalkongregation) Mit anderen Worten: wer als katholischer Christ dem obigen Zitat nicht zustimmt, steht mit seiner Privatmeinung damit außerhalb der Lehre seiner Kirche.  

Genauso äußert sich auch auf evangelischer Seite zum Beispiel die Evangelische Kirche in Deutschland:

Im Bekenntnis zum dreieinen Gott bekennen wir Christen ebenso nachdrücklich und eindeutig wie Muslime: ‚Es gibt keinen Gott außer Gott‘ – außer dem einen, einzigen, wahren Gott. Es ist beachtenswert, dass das arabische Wort ‚Allah‘ kein anderer Gottesname ist, sondern einfach ‚Gott‘ bedeutet. Arabisch sprechende Christen übersetzen daher die biblische Gottesbezeichnung mit ‚Allah‘ und gebrauchen das Wort im Alltag wie in Literatur und Liturgie. Im südostasiatischen Umfeld z.B. verwenden viele Christen das Wort ‚Allah‘ bewusst, um sich gegen ein polytheistisches oder sonst unbiblisches Gottesverständnis abzugrenzen. Es besteht hier nicht zufällig eine Gemeinsamkeit. Denn die koranischen Aussagen über Gott haben in der Begegnung mit jüdischen und christlichen Traditionen Kontur gewonnen. So bekehren sich Muslime, wenn sie Christen werden, nicht zu einem anderen als ‚Allah‘, auch wenn sich ihnen damit in Jesus Christus durch den Heiligen Geist ein anderes, neues Gottesverhältnis eröffnet.“ (Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland. Gestaltung der christlichen Begegnung mit Muslimen. Eine Handreichung des Rates  der EKD. 2000.)


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Der gemeinsame Glaube an den Einen Gott (2:62)

Siehe, die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer an Allah glaubt und den Jüngsten Tag und das Rechte tut, die habe ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht kommt über sie und sie werden nicht traurig sein.“ (2:62)

Die folgenden drei Beiträge

Die Kontinuität im gemeinsamen Glauben an den Einen Gott wurde im vorangehenden Artikel aufgezeigt. Ich danke noch einmal Euch, Hüseyin Lutfi und Ramazan, für Eure Korrektur.

Dass es sich dabei nicht um eine private Meinung handelt, sondern dass die großen christlichen Kirchen diese Auffassung teilen, zeigen zwei Dokumente der Katholischen und der Evangelischen Kirche sehr eindrucksvoll. Im folgenden Beitrag (1) wird dieser Gedanke kurz aufgegriffen.

Die Betonung der Kontinuität ist insofern interessant, als dass es sich sowohl beim Christentum als auch beim Islam um „missionarische“ Religionen handelt: Christen wie Muslime haben den Auftrag, den Menschen von der Größe und Liebe Gottes zu erzählen und sie für Gott zu gewinnen. Dieser Ansatz wird oft dort problematisch, wo die Rede von Gott („Theo-logie“, theos griech. Gott, logos griech. Wort) unreflektiert vermischt wird mit der ganz anderen Frage nach dem Heil, der Erlösung des Menschen („Soteriologie“, soteria griech. Rettung, Erlösung). Das ist das Thema der darauffolgenden Beiträge, in denen es um ebendiesen Trugschluss (2) und die Konsequenzen bezüglich der Einschätzung einer radikalisierten Missionierung geht (3).


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Die da glauben, auch die Juden und die Christen (2:62-66)

Siehe, die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer an Allah glaubt und den Jüngsten Tag und das Rechte tut, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht kommt über sie und sie werden nicht traurig sein. Und als wir euer Versprechen entgegennahmen und den Berg über euch hoben: ‚Haltet an dem, was Wir euch gaben, mit Kräften fest und bedenkt, was darin ist, auf dass ihr gottesfürchtig seid!‘ Danach aber kehrtet ihr euch ab, und ohne Allahs Huld und Barmherzigkeit gegen euch wärt ihr verloren gewesen. Ihr kennt doch diejenigen unter euch, die sich hinsichtlich des Sabbats vergingen, und zu denen Wir sprachen: ‚Werdet ausgestoßene Affen!‘ Und wir machten sie zu einem warnenden Beispiel für die Mit- und Nachwelt und zu einer Lehre für die Gottesfürchtigen. “ (2:62-67)

In diesen sechs Versen zeigen drei Erzählstränge die ganze Fragilität des Glaubens auf; dabei steht jeder Strang nicht für sich, sondern alle dreie müssen in ihrem gemeinsamen Zusammenhang gelesen werden.

Christen, Juden, Sabäer

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Gennadios Scholarios II. mit Mehmed II.
Foto: MARKELLOS (Wikipedia)


Die Grundaussage der ersten Lehre: es gibt einen gemeinsamen Glauben all derer, die an Gott und den Jüngsten Tag glauben und die das Rechte tun. Hier ist zunächst von Juden (und nicht von Israel) die Rede. Also sind klar nicht die Angehörigen bestimmter Völker, sondern die Gläubigen der anderen Religionen gemeint. Obgleich keine Muslime, glauben wir an denselben Einen Gott. Die Sabäer, eine kleinere Religionsgemeinschaft, mögen sinnbildlich dafür stehen, dass auch andere monotheistische Religionen in dieser Großen Umma (wir Christen sagen Ökumene) aller Gottgläubigen stehen. Heute finden zum Beispiel viele Sikh in Deutschland eine Heimat.

Natürlich wird die Abgrenzung zwischen Muslimen als Gläubige auf der einen und uns Christen und Juden auf der anderen Seite nicht aufgehoben. Natürlich sind wir im eigentlichen Sinne als Nichtmuslime Ungläubige. Dennoch, in Abstufung sind wir letztlich auch wiederum gläubig. Und unser Glaube hat auch Heilrelevanz: keine Furcht und Traurigkeit kommt über uns.

Es gibt auch Aussagen, die eine andere Tendenz aufweisen. Das Spannende ist nun, dass eine Interpretation dieser Stellen vor dem Hintergrund von Vers 2:62 nicht nur möglich, sondern in allen (von  mir entdeckten) Fällen plausibel ist, der umgekehrte Fall aber nicht. Darauf komme ich an den entsprechenden Stellen genauer zu sprechen.

Kurz: gottgläubige Nichtmuslime mögen im islamischen Sinne Ungläubige sein, die Heilsmöglichkeit stellt dieses Irregehen aber nicht in Frage.

Der Berg

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Der Berg Horeb (Sinai)
Foto: Tamerlan (Wikipedia)


Die biblische Geschichte – viele Ereignisse spielten sich im Umfeld von Bergen ab. Die Arche des Noach landete auf dem Berg Ararat in der heutigen Türkei (Dank Dir, Ramazan, für die Korrektur). An den Hängen des Tabor ruhten die Israeliten aus, bevor sie auf weitere Eroberungszüge gingen. Auf dem Karmel erwies sich Gott durch ein Feuerwunder als der Eine Wahre Gott – der Prophet Elias setzte dort dem Baalskult ein Ende. Dann der Berg Zion, der für Jerusalem, ja das ganze Land der Verheißung an die Kinder Abrahams steht. Die Programmatischste Rede Jesu, die Bergpredigt, wurde – ja wo wohl? – auf einem Berg gehalten, der heutzutage als „Berg der Seligpreisungen“ bekannt ist.

Der Koran jedoch bezieht sich, davon bin ich überzeugt, auf nur einen Berg, an dem Gott unser Versprechen entgegennahm. Das Versprechen, die grundlegenden Gebote des zwischenmenschlichen Miteinanders und die grundlegenden Gebote des Glaubens an Gott zu halten.  Der Berg, den Gott so „über uns hob“ indem er seine Weisung über uns – und zwar uns Christen und das Volk Israel – legte. Dieser Berg ist der Horeb, der uns auch als Berg Sinai bekannt ist. Hier offenbarte Gott dem Moses die zehn Gebote, die letztlich auch die Grundlage unseres christlichen Doppelgebots der Gottes- und Nächstenliebe sind. Und auch hier sind die Gläubigen hin und hergerissen zwischen dem Glauben an Gott und dem Glauben an die Götzen: sei dies nun ein Götzenbild in Form eines Kalbes, sei es das Gold, aus dem das Kalb geschmiedet wurde oder sei es die vermeintliche Macht seiner Schmiede. Das alte biblische Motiv scheint hier auf: das Volk verlässt die Wege Gottes, erkennt den Fehler, bereut und wird zuletzt wieder von Gott angenommen. Dies wird erläutert am Beispiel des Sabbats.

Die Affen

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Hamsterrad
Foto: Roland M. aus der deutschsprachigen Wikipedia


Wir verdanken unsere siebentägige Woche einem sehr weisen Gebot: der Sabbatruhe. In Anlehnung an den biblischen Schöpfungsbericht – Gott schuf Himmel und Erde an sechs Tagen, am siebten Tag ruhte er – wird die Wochentaktung zum Gebot gemacht. Tatsächlich ist die siebentägige Wochentaktung die einzige Zeittaktung, die nie angerührt wurde: es gibt Schaltjahre, Schaltmonate, Kalenderreformen, in denen ganze Tage verschwanden. Die Wochentage wurden durch die belegte Zeitrechnung hinweg nicht angetastet.

Sechs Tage Arbeit, am siebenten gilt das Gebot der Ruhe. Nun kennen wir das Andere auch: nicht jeder kommt immer zur Ruhe. Und es sind nicht nur Workaholics, die am siebenten (oder wie wir Christen am ersten) Tag der Woche nicht innehalten. Oft mag es sein, dass wir uns selbst dabei ertappen, keine Ruhe zu finden. Gute Freunde, die sich unsere Geschäftigkeit dann ein wenig ansehen, warnen uns: Pass gut auf Dich auf! Oder bleib eben in Deinem Hamsterrad gefangen! Der Vergleich mit dem Hamster ist kein Schimpfwort, eher eine Warnung, dass wir den Ruhetag nutzen sollten. Macht so weiter! Spielt weiter Affenbande! Findet nicht zur Ruhe! Werdet ausgestoßene Affen! Ihr tut euch selbst keinen Gefallen damit!

Nur in dieser Interpretation macht der Vergleich mit den Affen Sinn. Es geht nicht um Juden, Christen, Sabäer. Es geht um Menschen, die den Sabbat nicht ehren. Jeder läuft hier Gefahr, auch die Gläubigen, wer immer an Gott glaubt, Muslime, Juden, Christen, Sabäer.

Nur eine Interpretation, die in diese Richtung zielt, macht Sinn. Und nur eine solche Interpretation kann auch richtig sein, weil genau dies in Vers 2:67 explizite und unmissverständlich so geschrieben steht.

Wer auch immer diese Verse zum Grund nimmt, Juden, Christen und Sabäer als Affen zu verleumden oder wer umgekehrt behauptet, der Islam bezeichne Juden, Christen und Sabäer als Affen, instrumentalisiert den Koran und fällt damit unter die Kategorie der Sünder schlechthin: der Unheilstifter (2:8-16), Gott auf der Zunge, die eigenen Götzen im Herzen. Denn: er überliest bewusst und unverfroren die im Koran selbst explizite bezeugte Interpretation.

Muße als Grundtugend des Gläubigen Menschen

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Auguste Rodin, Le penseur (Der Denker)
Foto: Daniel Stockman (Flickr.com)


Es ist absolut wichtig, dass der arbeitende Mensch Ruhe für sich findet. Um über sich, seine Motivationen, seine Ziele, seinen Glauben, seine Positionen und vieles mehr klar zu werden, um zu denken, um aus dem Hamsterrad, aus dem Käfig der ausgestoßenen Affen zu entkommen, um einfach er selbst zu sein. Und nicht zuletzt: um Zeit zu finden für die größte und wichtigste Suche, auf die sich Menschen je eingelassen haben und einlassen werden: der Suche nach Gott.

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Verhärtete Herzen und Steine, aus denen Wasser fließt: die Kuh (2:67-74)

Und als Mose zu seinem Volk sprach: ‚Siehe, Allah gebietet euch, eine Kuh zu opfern‘, sagten sie: ‚Treibst du Spott mit uns?‘ Da sprach er: ‚Da sei Gott vor, dass ich einer in Unwissenheit wäre.‘ Sie sprachen: ‚Bitte deinen Herrn für uns, uns zu erklären, was für eine Kuh es sein soll.‘ Er sagte: ‚Siehe,  Er spricht, es sei eine Kuh, weder alt noch ein Kalb; in mittlerem Alter zwischen beidem. Und nun tut, was euch geboten ist!‘ Sie sagten: ‚Bitte deinen Herrn für uns, uns zu erklären, von welcher Farbe sie sein soll.‘ Er sagte: ‚Siehe, Er spricht, es sei eine gelbe Kuh, von hochgelber Farbe, eine Augenweide.‘ Sie sagten: ‚Bitte deinen Herrn für uns, uns zu erklären, wie sie beschaffen sein soll; denn siehe, alle Kühe sind für uns ähnlich. Doch, wenn Allah will, werden wir schon richtig handeln.‘ Er sagte: ‚Siehe, Er sprach, es sei eine Kuh, nicht gefügsam gemacht durch Pflügen der Erde und Bewässern des Ackers; sie sei gesund und ohne jeden Makel.‘ Sie sprachen: ‚Nun kommst du mit der Wahrheit.‘ Hierauf opferten sie die Kuh, doch fast hätten sie es nicht mehr getan. Und als ihr jemand ermordet und über den Mörder gestritten hattet – Doch Allah bringt heraus, was ihr verheimlicht! – da sprachen Wir: ‚Berührt ihn (den Getöteten) mit einem Stück von ihr (der Kuh).‘ So macht Allah die Toten lebendig und zeigt euch seine Zeichen, auf dass ihr begreifen möget. Danach aber verhärteten sich Eure Herzen und wurden zu Stein und noch härter. Aber siehe, es gibt auch Steine, aus denen Bäche entströmen; andere spalten sich und es entströmt ihnen Wasser; andere wiederum stürzen fürwahr aus Furcht vor Allah nieder: Und Allah ist nicht achtlos Eures Tuns.“ (2:67-74)

Diese ist  für mich eine der schönsten Erzählungen der zweiten Sure, die insgesamt auch unter dem Namen „Die Kuh“ bekannt ist. Mir erschließen sich die Verse vor dem Hintergrund der christlich-jüdischen Tradition. Das biblische Buch „Debarim“, das wir Christen „Deuteronomium“ (Dtn.) nennen, ist – stark verkürzt dargestellt – ein Gesetzeswerk. Wie wird da das Opfer der Kuh beschrieben?  

Der Sühneritus der Kuh in der urbanen Gesellschaft der biblischen Zeit

Die Kapitel Dtn 19 und 21 stehen in engem Bezug zueinander. Es geht in beiden Kapiteln um rechtliche Regelungen zu schwierigen Sonderfällen bei Tötungsdelikten in der urbanen Gesellschaft, bei denen die Beziehungen unterschiedlicher Städte berührt sind.

Konkret geht es in Kapitel 19 tödliche Unfälle bzw. den Fall der fahrlässigen Tötung. Wenn jemand ohne Tötungsabsicht einen Unfall verursacht – Beispiel: beim Holzfällen löst sich der Schaft der Axt vom Stiel und trifft einen anderen Menschen dabe tödlich – so genießt er in den benachbarten Städten Asylrecht, um der Verfolgung durch Verwandte des Getöteten zu entkommen.  

Die Grundaussage hier: Es darf kein unschuldiges Blut fließen.

Im zweiten Falle erlischt das Anrecht auf Asyl dann, wenn der Asylsuchende im Streit mit Absicht gemordet hat.

Grundbotschaft: üble Taten fallen auf den Übeltäter selbst zurück und sonst niemanden.  Es darf kein unschuldiges Blut fließen.

In den sehr konfliktreichen Verhältnissen konkurrierender Städte darf ein Mord keine Spirale der Gewalt auslösen oder sogar Kriegszüge, sondern eine einmalige gleichartige Strafe soll die Tat sühnen: Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn ist nicht das Gebot der Rache, sondern das Gebot der Mäßigung.  

In beiden Fällen geht es nicht nur um individuelle Personen, der Asylfall betrifft letztendlich das Verhältnis zwischen zwei Städten. Und es wird nicht nur das korrekte Vorgehen im Konfliktfall geklärt, sondern auch die Zuständigkeiten. So übergeben etwa die Ältesten der Stadt den fälschlich Asylsuchenden, so wird die Bewertung von Zeugenaussagen und die Rolle von Richtern und Priestern festgelegt.

Im 21. Kapitel wird ein weiterer schwieriger Fall behandelt, der ebenso das Verhältnis benachbarter Städte bedrohen mag. Wird auf dem Felde – also eben nicht in der Stadt – ein Erschlagener gefunden, dessen Mörder nicht bekannt ist, so darf ebenso daraus kein schwerwiegender Konflikt zwischen Städten entstehen. Auch hier wird keine Menschenjagd gestartet, auch hier darf kein unschuldiges Blut vergossen werden. Stattdessen wird ein Sühneritus initiiert, der die Vergeltung beendet. Die Stadt, die als nächste am Fundort der Leiche liegt, übernimmt in Vertretung des Mörders die Verantwortung, anstelle des Mörders wird eine Jungkuh getötet. Es handelt sich hier nicht um ein Opfer, sondern eine Tötung der Kuh durch Genickbruch seitens der Stadtältesten, obgleich auch hier Priester und Leviten ein Segensgebet durchführen und mögliche Konflikte beenden: „und nach ihrem Ausspruch gehe jede Streitsache und jeder Schaden.“ (Dtn. 21, 5)

Auge um Auge, Zahn um Zahn  

Und du sollst das Böse hinwegschaffen aus deiner Mitte. Die übrigen aber sollen hören und fürchten und ferner nicht mehr solches Böse tun in deiner Mitte Und  nicht soll dein Auge sich härmen: Leben um Leben,  Auge um Auge,  Zahn um Zahn,  Hand um Hand,  Fuß um Fuß.“ (Dtn. 19, 19-21)

Es ist ein sehr geläufiges Missverständnis, die Kurzformel „Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gebiete die Rache. Christen wurden nicht müde, dieser Formel das Gebot der christlichen Nächstenliebe entgegenzustellen, um damit fälschlich die Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Judentum und – politisch – des Westens gegenüber dem Osten zu behaupten. Jede Gesellschaft verankert die Sühne für Verbrechenin ihren Gesetzen, und natürlich ist das Anrecht auf Unversehrtheit des Leibes ein hoch zu schätzendes Gut. Unser Strafrecht kennt keinen solchen direkten Ausgleich.  

Wer nun aber die biblische Formel aus der Perspektive des heutigen Westeuropäers – aus dem Kontext der Perikope gerissen – hört, dem drängt sich ein falscher Eindruck auf. Dabei steht explizite und völlig unmissverständlich der Ansatz dieser Ausgleichsregelung in der Schrift selbst.  

Es geht überhaupt nicht um Rache. Dieses Wort ist nicht einmal erwähnt. „ Du sollst das Böse wegschaffen aus deiner Mitte.„, nur darum geht es.   Man  muss sich die damaligen Städte als losen Verbund vorstellen, innerhalb dessen es keine staatliche Gewalt gibt, die die Gesetze von Seiten einer Regierung durchsetzen kann. Jede Stadt hat ihre Gremien – das sind im wesentlichen die Stadtältesten, die Priester und die Richter – mit ihren jeweiligen Kompetenzen und Aufgaben.  

Da braucht es ein Gesetz, das von allen akzeptiert wird und das zugleich generationsübergreifende Blutfehden zwischen Städten oder Familien verhindert. Das Böse – eine singuläre böse Tat, etwa ein Mord – muss durch einen singulären Ausgleich ein Ende finden und darf daraufhin – und schon gar nicht städtisch sanktioniert – in einer Spirale der Gewalt seine Fortsetzung finden.  

„Auge um Auge“ ist kein Gebot zur Rache. Vielmehr gilt auch hier der Grundsatz: kein unschuldiges Blut!

„Auge um Auge“ ist die Grenze, die der Rachsucht entgegengesetzt wird:  
Wenn dein Herz kocht, weil dir oder deiner Familie ein Unrecht zugefügt wurde,
wenn du den Übeltäter findest und Genugtuung durchsetzen willst,
wenn nichts dich davon abhalten kann,
dann wisse: die Grenze, die du nicht überschreiten darfst, heißt „Auge um Auge“.

Die Angehörigen des Übeltäters müssen diese Rache akzeptieren und dürfen nicht wiederum Rache nehmen, wenn aber Du darüber hinaus gehst, dann begehst Du ebenso ein Verbrechen.

Hätte sich der christliche Westen 1914 an das Gebot „Leben um Leben“ nach dem Attentat am Österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz-Ferdinand gebunden gefühlt, dann hätte es vielleicht – wie geschehen – Todesurteile gegeben – das wäre schlimm genug – oder es wäre einer Kuh das Genick gebrochen worden. Aber möglicherweise wäre erst gar nicht zum Ausbruch des 1. Weltkrieges gekommen? – Kein unschuldiges Blut!

So erhellt der Koran die israelitische Rechtsvorschrift

Gerade in Mordfällen kochen die Emotionen hoch: verzweifelte und rachsüchtige Verwandte, alte Konflikte, die wieder hochkommen, ggf. zu falschen Verdächtigungen führen. Vielleicht verschieben sich auch Machtverhältnisse. Das Ritual der Kuh verlangt Mäßigung. Sehr schön im Koran die Beschreibung der Kuh: nicht zu jung, nicht zu alt, im mittleren Alter. Das steht für die Mitte, die Mäßigung.

Die Grundbotschaft fasst der Koran noch einmal richtig lebensnah zusammen:
Emotionen kochen hoch, Herzen verhärten, werden zu Stein, ja, noch härter. Das liegt in der Natur der Sache. Aber die Kuh bietet einen Ausweg, und für Gott ist nichts unmöglich. Es gibt Steine, denen entströmen Bäche, sie teilen sich, und ihnen entströmt Wasser. Gott macht, so der Abschluss, die Toten lebendig. Und damit ist nicht der Ermordete gemeint, sondern der kleine Tod, den all diejenigen erlitten haben, denen der Ermordete lieb und teuer war.

Das Sühneritual fordert, dass die Ältesten der betroffenen Stadt bekennen: „‚Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen und unsere Augen haben es nicht gesehen. Gewähre Sühne Deinem Volk Jisra’el, das Du, o Ewiger, erlöst hast und lass nicht unschuldig Blut sein inmitten Deines Volkes Jisra’el!‘ Und so wird ihnen das Blut gesühnt werden.“ (Dtn. 21, 8) – Dadurch kommen die Betroffenen zusammen, und erkennen Gott wiederum als ihre gemeinsame Mitte an. Und so kann der Koran den optimistische  Ausblick geben, „andere wiederum stürzen fürwahr aus Furcht vor Allah nieder: Und Allah ist nicht achtlos Eures Tuns.“ (2:74)

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Gottes Wort (3)

Die Schrift als „Gotteswort in Menschenwort“ ist von Menschen geschrieben und deshalb reich an Impulsen und unterschiedlichsten Interpretationsmöglichkeiten. Allein in unserer langen Kirchengeschichte werden und wurden biblische Erzählungen immer wieder unterschiedlich gedeutet: zum Beispiel wurde die Schöpfung in sieben Tagen historisch interpretiert: Gott habe Himmel und Erde in sieben Zeittagen (also 7 mal 24 Stunden) erschaffen, eine Vorstellung, die heutzutage eine wundersame Rennaissance bei protestantischen Christen US-amerikanischer Couleur erlebt.

Steht am Ende als Konsequenz eine große Beliebigkeit: mit der Bibel könne man eben alles und gar nichts vertreten?

Dagegen steht der Anspruch, Wort Gottes zu sein, damit auch – ebenso wie der Koran – Rechtleitung für die Gläubigen zu sein.

Der unerschöpfliche Schatz

Papst Benedikt sagte dazu in einer Ansprache: „Das Wort ist immer größer als die Exegese der Väter und die kritische Exegese, weil auch diese nur einen Teil, ja, ich würde sagen, einen sehr kleinen Teil versteht. Das Wort ist immer größer – das ist unser großer Trost. Und es ist einerseits schön zu wissen, dass man nur ein klein wenig verstanden hat. Es ist schön zu wissen, dass es noch einen unerschöpflichen Schatz gibt und dass jede neue Generation wieder neue Schätze  entdecken und weitergehen wird mit der Größe des Wortes Gottes, das uns immer voraus ist, uns leitet und immer größer ist. Mit diesem Bewusstsein muss man die Heilige Schrift lesen…“ (Begegnung mit dem Klerus von Rom am 22. Februar 2007)

Maßstäbe: 1. Liebe

Hier ist nicht von einer Beliebigkeit die Rede, sondern von dem Gegenteil: von einem „unerschöpflichen Schatz“, den es zu heben gilt. Und hier kann eine Interpretation immer nur eine Auslegung im Glauben sein. Und Maßstab dieser Auslegung ist für mich in  erster Linie der Maßstab allen Denkens und Handelns schlechthin: der Maßstab der Liebe. Dem Doppelgebot der Nächsten- (Menschen-, auch Feindes-) und Gottesliebe kann das Wort Gottes nicht widersprechen.

Und wenn der Prophet Elias die Baalspriester am Bach Kischon am Berg Karmel (in der Nähe des heutigen Haifa) tötet, so lautet die Botschaft für mich nicht: ‚Tötet eure Feinde‘. Dieses ‚Gebot‘ widerspräche der Nächstenliebe. Vielmehr sagt hier Gott zu uns: ‚Wer auf mich vertraut, braucht seine Feinde nicht zu fürchten.

2. Vernunft und Wissen  

Ein zweites Kriterium: die Auslegung darf unserer Vernunft und unserem Wissen nicht widersprechen. Ich habe oben die christliche Auffassung der „Kreationisten“ erwähnt, die die Bibel geschichtlich interpretieren und unter der Maßgabe, die Bibel könne nicht lügen, von einer Schöpfung der Welt in sieben 24-Stunden-Tagen ausgehen. Mit dieser Vorstellung schaffen sie es in einigen Schulen der USA sogar, im Biologieunterricht die Vermittlung der Evolutionstheorie zu verhindern. Dummheit im Namen der Bibel.

Ihre Vorstellung: Gott habe die Spuren einer vorgeblichen Evolution so geschickt in die Tier- und Pflanzenwelt gelegt – diese können ja nicht geleugnet werden, sie sind offensichtlich – um diejenigen, die nicht an die „Bibel“ glauben, zu täuschen und in die Irre zu leiten. Damit trennt Gott die „Rechtgläubigen“ (der eigenen „charismatischen“ Bewegung) von den Ungläubigen (alle anderen Menschen). Diese Auffassung ist ganz grundsätzlich durch keine naturwissenschaftliche Entdeckung oder theologische bzw. philosophische Erwägung zu widerlegen. Was auch immer entdeckt wird, selbst wenn die gesamte evolutionäre Entwicklungskette lückenlos bekannt wäre: Gott ist allmächtig, damit ein perfekter falscher Spurenleger.  

3. Gottesbild, Menschenbild

Ein drittes Kriterium für die Interpretation deutet sich an: das einer Interpretation zugrundeliegende Menschen- und Gottesbild muss annehmbar sein. Einer Religion könnte ich nicht folgen, die davon ausgeht, dass der Schöpfergott uns mit Sinnen, Vernunft, Entdeckerlust und Neugier ausgestattet hat, um uns dann bewusst durch trügerische Spuren zu täuschen. Oder ein Gottesbild, das von einem Gott der Liebe ausgeht, der allerdings den Großteil der Menschheit nicht zum Ziel der Vollendung führt, nur weil sie zufällig einer der tausend „falschen“ Religionen angehören, und nicht der einen (eigenen, zum Teil sehr kleinen) Splittergruppe.

4. Hinterfragbarkeit der Auslegung

Ein weiteres Kriterium: eine Interpretation, die davon ausgeht, die letztendlich gültige zu sein, trifft meines Erachtens nicht den Kern des Biblischen. Gerade die Brüche und verschiedenen – zum Teil gegenläufigen – Tendenzen verweisen ja auf das enorme Potenzial der Heiligen Schrift. Gott hat ein relatives Medium der Verschriftlichung für seine Botschaft  vorgesehen, die menschliche Sprache. Bibel ist Literatur, und wie jede Literatur ist sie offen für die unterschiedlichen Zugänge, und – ja, ruft sogar danach, immer wieder neu entdeckt zu werden.

Gerade deshalb muss sich jede Auslegung ihrer Vorläufigkeit bewusst sein und offen für den Prüfstand. Ein Ansatz, der sich selbst verabsolutiert, verrät vom Interpreten, dass dieser sich nicht mehr auf dem Weg der Suche Gottes befindet, sondern sich im gnadenreichen Zustand wähnt, Gott bereits gefunden zu haben. Ein solcher Ansatz trifft meines Erachtens nicht den Kern des Biblischen: Er tauscht Vielfalt gegen Einfalt, Offenheit gegen Sektierertum und in letzter Konsequenz die Liebe gegen formelle Gesetzestreue.

Vernommen, verstanden und wissentlich verdreht

Und Menschen, die wider besseren Wissens die Heilige Schrift, das Wort Gottes, instrumentalisieren,
Menschen, die durch die Predigt ihrer partiellen Meinung Einfluss auf andere Menschen nehmen,
Menschen, die unter Berufung auf die Schrift persönliche Macht über andere erlangen oder sichern,
Menschen, die im Namen der Schrift Kriege führen (Beispiele dafür gibt es in den meisten Religionen),  

die müssen sich schon die Frage beantworten, ob der Vorwurf nicht ihnen gilt, wenn der Koran schreibt: „Aber ein Teil von ihnen hat Gottes Wort vernommen und verstanden und hernach wissentlich verdreht“ (2:75).

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